Inhalt

 

Die Autorin

Sandra Schaftner1 68x68

Sandra Schaftner (20)
studiert Journalistik und Politikwissenschaft

Wahlkreis-Serie: Landshut
Hightech und Mittelalter

14.09.2017 |

Die Hauptstadt von Niederbayern – muss man die kennen? Ja, weil sie alle paar Jahre das Mittelalter aufleben lässt und gleichzeitig ein moderner Investitions-Standort ist. Sandra hat sich mit dem Grünen-Abgeordneten Dr. Thomas Gambke in ihrer Heimat und seinem Wahlkreis Landshut getroffen.

Sandra hatte sichtlich Spaß während ihrer kurzen Rundreise mit dem Grünen-Abgeordneten Dr. Thomas Gambke. – © privat

Thomas Gambke mag Termine, bei denen er mit Bürgern ins Gespräch kommt – wie hier, bei einer Podiumsdiskussion mit Traunsteiner Schülern. – © privat

Der Lieblingsplatz von Thomas Gambke: So sieht der Ausblick vom „Burg-Schanzl“ auf Landshut aus. – © privat

Mittelalter-Spektakel: Alle vier Jahre findet die Landshuter Hochzeit nach dem Vorbild von 1475 statt. – © privat

Landshut: Die meisten können mit diesem Ortsnamen nicht viel anfangen. Dabei ist die Stadt nicht nur der Regierungssitz von Niederbayern. Sie hat auch einen der am besten erhaltenen historischen Stadtkerne Deutschlands – samt weltgrößtem Backsteinturm einer Kirche. Und der Landkreis Landshut stellt auch aktuelle Rekorde, wie zum Beispiel den der größten Geburtenrate in Bayern.

Neben dem direkt gewählten Bundestagsabgeordneten Florian Oßner von der CSU gibt es in Landshut den Grünen Bundestagsabgeordneten Dr. Thomas Gambke, der über die Grüne Landesliste Bayern in den Bundestag gewählt wurde. Ihn begleite ich einen Tag lang bei seinen Terminen im Wahlkreis. Besonders in der Zeit vor der Bundestagswahl absolviert er davon eine ganze Menge.

Bayern-verantwortlich

Um 8 Uhr morgens geht es los. Wir starten von Landshut aus mit dem Auto in Richtung Traunstein in Oberbayern. Wir, das sind der Bundestagsabgeordnete Dr. Thomas Gambke (67), der Büroleiter seines Wahlkreisbüros, Günther Sandmeyer, und ich. Zusätzlich zu dem Büro im Bundestag in Berlin haben Abgeordnete nämlich immer auch eine Vertretung in ihrer Heimat.

Zum ersten Termin müssen wir eineinhalb Stunden fahren. Zeit genug, um mich ausführlich mit dem Bundestagsabgeordneten zu unterhalten. Traunstein liegt nämlich außerhalb des Wahlkreises. In Bayern gibt es nur neun Grüne Bundestagsabgeordnete, die möglichst die ganze Region abdecken sollen. Der Landshuter Gambke sieht sich auch mehr "Bayern-verantwortlich" als dem Wahlkreis verpflichtet, weil er nicht direkt von den Landshutern, sondern über die Landesliste gewählt worden ist. Das war 2009 auch schon so, er ist also seit fast acht Jahren im Bundestag – zwei Legislaturperioden.

Früher Provinz

In Landshut wohnt er schon länger, seit 1990. Damals wurde dem promovierten Physiker in einem großen Unternehmen eine Stelle als kaufmännischer Werkleiter angeboten. Davor arbeitete er in Mainz und studierte in Darmstadt. Als seine Mutter, die in München wohnte, damals vom Umzug nach Landshut erfuhr, sagte sie: "Nimm aber deine Bergstiefel mit!" Aus Münchner Perspektive war Landshut zu der Zeit tiefste niederbayerische Provinz. "Landshut wachte damals gerade erst auf", schildert Gambke. Noch in den 70er und 80er Jahren kamen viele Beschäftigte im August nicht ins Werk zum Arbeiten. Sie sind zu Hause geblieben, um Heu zu ernten.

Zehn Jahre später, 1990, hatte Landshut schon einen großen Sprung gemacht. Die Autobahn-Anbindung war gerade fertig geworden und mit der Übernahme des ehemaligen Gogomobil-Werkes und der Weiterentwicklung von BMW wuchs die Stadt und ihre Umgebung von einer rein landwirtschaftlichen Provinz zu einer modernen Wirtschaftsregion. Viele niederbayerische Unternehmen wandelten sich vom regionalen Anbieter zu "hidden champions", heimliche Gewinner, auf dem Weltmarkt.

Heute Hightech-Standort

Heute ist Landshut ein Hightech-Standort, an dem viele internationale Unternehmen ansässig sind. Die Stadt liegt näher am Münchner Flughafen als München selbst. Vor Kurzem hat Landshut die 70.000-Einwohner-Marke geknackt und die Stadt wächst immer weiter. Der Landkreis Landshut hat aktuell die höchste Geburtenrate in Bayern. Doch das Wachstum bringt auch manche Probleme: Gambke stört zum Beispiel, dass die Verkehrspolitik nicht nachhaltig genug ausgerichtet sei. Für ihn fehlen an manchen Stellen Fahrradwege und Busse fahren zu selten.

"Die Chancen der Digitalisierung werden viel zu wenig erkannt, zum Beispiel die Möglichkeit, dass Kleinbusse Internet-gesteuert und damit bedarfsgerecht individuelle Transportwünsche abdecken. Drei Kleinbusse können 100 PKW-Privatfahrten ersetzen, was uns eine ganz andere Stadtentwicklung ermöglichen wird", ist Gambke überzeugt. Außerdem sei das Stadttheater zurzeit in "unwürdigen" Verhältnissen. Weil das alte Theatergebäude vorübergehend nicht genutzt werden kann, ist das Theater derzeit in einem Zelt außerhalb des Zentrums untergebracht.

Lieblingsplatz Schanzl

Trotzdem findet Gambke, dass Landshut eine "absolut lebenswerte Stadt" ist – für ihn die "Perle Niederbayerns". Landshut hat einen der am besten erhaltenen historischen Stadtkerne in Deutschland. Da reihen sich bunte gotische Häuser aneinander, dazu eine Residenz und mehrere Kirchen. Die Martinskirche in der Altstadt hat den höchsten Backstein-Kirchturm der Welt. Auf einem Hügel über der Stadt thront die Burg Trausnitz. Hier ist auch Gambkes Lieblingsplatz: das sogenannte "Schanzl" (im Hofgarten, außerhalb der Burg). Das ist ein Aussichtspunkt, von dem man über die Innenstadt und die Isarauen blicken kann.

Als ich den Bundestagsabgeordneten frage, ob es hier denn auch nicht so schöne Ecken gäbe, muss er erst überlegen. "Das ist eine gute Frage", meint er. Aber dann fällt ihm, neben dem Stadttheater, doch noch etwas ein: die Wagnergasse, in der historische Häuser stehen, die zurzeit verfallen sind. Zwei davon sollen abgerissen und eines saniert werden. Es gab eine jahrelange Debatte, was mit den Gebäuden passieren soll. "Es ist ein Zeichen von fehlender Nachhaltigkeit und mangelndem Respekt vor der historischen Bausubstanz, wenn man so lange nicht entscheidet, ob und wie eine Sanierung bewerkstelligt werden kann", meint Gambke.

Vier Wochen Mittelalter

Passend zur historischen Kulisse findet in Landshut alle vier Jahre im Sommer ein großes Fest statt: die Landshuter Hochzeit. Über 2.000 Landshuter werfen sich dafür in mittelalterliche Kostüme und spielen vier Wochen lang eine Hochzeit nach, die im Jahr 1475 stattgefunden hat. Es gibt Ritterspiele, Tanzaufführungen und Umzüge durch die Innenstadt. Erst vor Kurzem ist die Landshuter Hochzeit als Bayerisches Kulturerbe ausgezeichnet worden.

Wenn die Landshuter doch mal aus der Stadt raus wollen, sind sie in kurzer Zeit in den Alpen oder im Bayerischen Wald. "Von hier aus bin ich schon mal eine wunderschöne Fahrradstrecke bis zum Chiemsee gefahren", erzählt Gambke und zeigt aus dem Autofenster auf eine kleine Kirche. Auf unserem Weg nach Traunstein fahren wir hauptsächlich Landstraßen, neben uns sind Wiesen, Wälder und kleine Siedlungen. Den Alpen kommen wir immer näher.

Schüler-Politiker-Gespräche

Schließlich erreichen wir die Fach- und Berufsoberschule in Traunstein, wo Gambke an einer Podiumsdiskussion teilnimmt. Außer ihm ist noch die Traunsteiner Bundestagsabgeordnete Dr. Bärbel Kofler von der SPD da. Die beiden Abgeordneten lassen hauptsächlich die Schüler entscheiden, worüber sie diskutieren wollen. Es geht um die Wahlpflicht, Digitalisierung, sowie Asyl- und Menschenrechte. Den Schülern fällt auf, dass die beiden Politiker oft einer Meinung sind – obwohl Kofler einer Regierungspartei und Gambke der Opposition angehört. "Was sind denn jetzt die Unterschiede eurer Politik?", will eine Schülerin wissen. Die erste Antwort der Politiker: die Rente mit 63, die von der SPD durchgesetzt wurde und von den Grünen nicht unterstützt wird.

Während Gambke im Wahlkreis alle Themen seiner Fraktion vertreten muss, hat er im Bundestag zwei Fachgebiete: Er ist Mitglied im Ausschuss für Finanzen und im Ausschuss für Wirtschaft und Energie.

Chili con Carne

Nach etwa eineinhalb Stunden läutet der Schulgong zur Pause. Einige Schüler bleiben trotzdem noch länger und fragen die Politiker zum Beispiel, warum nicht mehr für Flüchtlinge getan wird. "Die Klassen waren wirklich interessiert, das war gut", sagen beide Bundestagsabgeordneten danach und Gambke ergänzt: "Ich freue mich über politisches Engagement, gerade von jungen Menschen". Sie essen im Anschluss an die Diskussion noch mit den Sozialkundelehrern und der Schulleiterin Chili con Carne zu Mittag. Für die Lehrer eine gute Gelegenheit, mal einen persönlicheren Eindruck vom Abgeordnetendasein zu bekommen. Sie fragen zum Beispiel, wie es die beiden Abgeordneten mit der Fraktionsdisziplin handhaben, also ob sie ihre Stimme immer so abgeben, wie es ihre Partei vorgibt. "Meistens schon", ist die Antwort. Und sie erkundigen sich nach den "schwarzen Schafen" in den beiden Parteien, denjenigen, die oft von der Parteilinie abweichen. "Das kann ich jetzt nicht alles verraten", meint Gambke – aber ein paar davon gebe es schon.

Kein WLAN im Bundestag

Nach dem Essen geht es zurück in den Wahlkreis, nach Vilsbiburg. Also wieder etwa eineinhalb Stunden Fahrt, die Gambke dieses Mal aber teilweise dafür nutzen will, um zu telefonieren und Mails zu beantworten. Zum Glück funktioniert das Mailprogramm wieder. Seine Mitarbeiterin in Berlin hatte ihm am Vormittag eine SMS geschrieben, dass die Server seit dem Vortag hin und wieder ausfallen. "Ich bin erschüttert über die IT-Kompetenz des Deutschen Bundestags", sagt er mir. Er findet es auch "grotesk", dass es im Bundestag noch kein WLAN gibt, "und in Jakarta im Taxi schon."

CSU-Stadt Landshut

In Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens, war Gambke als Vorsitzender einer Parlamentariergruppe, die sich mit der ASEAN-Region (Verband südostasiatischer Nationen) beschäftigt. Aber auch vor seiner Zeit im Bundestag war er als Unternehmer öfter in Asien unterwegs. Was er dort gesehen hat, hat ihn zur "grünen Politik" bewegt – seit 2004 ist er Mitglied der Partei. Er merkte, dass die Menschen in diesen Ländern genauso wie im Westen leben wollen – einhergehend mit einem hohen Ressourcenverbrauch. Deswegen setzt er sich für Nachhaltigkeit ein.

2009 zog er zum ersten Mal in den Bundestag ein. Er war damals auf Platz acht der Landesliste der Grünen, genauso wie bei der Wahl 2013. In Landshut lagen die Grünen 2013 auf Platz drei, hinter CSU und SPD. Die CSU bekam in Landshut über die Hälfte der Stimmen und stellt auch den Bundestags-Direktkandidaten Florian Oßner. In Landshut war die Wahlbeteiligung mit circa 68 Prozent etwas geringer als im deutschen Durchschnitt.

Mehr arbeiten für halbes Geld

Die Mitgliedschaft im Bundestag hat es nach Meinung des Abgeordneten in sich. Er muss ständig zwischen Berlin und Landshut pendeln und sich auf unterschiedliche Sachverhalte einstellen. "Es kommt vor, dass ich direkt hintereinander mit jemandem über komplizierte Steuerpolitik rede, dann geht es um Sachen aus dem Wahlkreis, und danach telefoniere ich mit philippinischen Menschenrechtlern", erzählt er. Von früheren Manager-Kollegen bekommt er oft nur Unverständnis für seinen Wechsel in die Politik. "Früher habe ich weniger gearbeitet und weit mehr als das Doppelte verdient", erklärt Gambke.

So hoch, wie oft kritisiert, seien die Diäten im Bundestag eigentlich gar nicht. "Allein in Landshut gibt es locker 2.000 Leute, die mehr verdienen als die Abgeordneten", so Gambke. Aber er findet seine Arbeit als Politiker auch sehr spannend und belohnend. "Man ist als Ansprechpartner für viele Menschen wichtig", meint er. Nach acht Jahren im Bundestag geht Gambke im September in Rente. Er ist bereits 67 Jahre alt.

Seit Kurzem wohnt er aus familiären Gründen auch schon in Hamburg und nicht mehr im Wahlkreis Landshut. An seiner Stelle kandidiert dieses Jahr Petra Hannelore Michaela Seifert für die Grünen in Landshut. Sie tritt gegen Florian Oßner (CSU), Anja König (SPD), Nicole Bauer (FDP), Günter Straßberger (AfD), Erkan Dinar (Linke), Hubert Aiwanger (Freie Wähler), Stefan Josef Zellner (ÖDP) und Florian Geisenfelder (BP) an.

Im Gespräch mit Flüchtlingen

Gambkes Mitarbeiter fährt in die Hofeinfahrt einer dezentralen Flüchtlingsunterkunft in Vilsbiburg. Dort trifft sich der Abgeordnete mit Freiwilligen und Ehrenamtskoordinatoren. Diese sind unzufrieden damit, wie ihr Einsatz für die Flüchtlinge durch neue Regelungen und Gesetze erschwert wird. Deswegen setzen sie sich mit dem Politiker an einem großen Tisch im Aufenthaltsraum zusammen. Auch eine Mitarbeiterin der Regionalzeitung ist auf Einladung von Gambkes Mitarbeiter gekommen.

Um den Tisch herum stellen und setzen sich einige Bewohner der Unterkunft. Insgesamt sind dort 43 junge Afghanen und Iraker untergebracht. Die Afghanen fürchten zurzeit eine Abschiebung. Außerdem sind sie unzufrieden, dass sie keine Plätze in Sprachkursen bekommen. Als Oppositionspolitiker sieht Gambke die Verantwortung bei der Regierung. Sie erkenne nicht, dass die Flüchtlinge ein wirtschaftliches Potenzial für Deutschland seien. Der Abgeordnete fordert deshalb, ihnen leichter Ausbildungen zu ermöglichen.

Ein Sessellift auf die Burg

Auch für die Zukunft Landshuts hat Gambke Vorstellungen, die er, als wir wieder im Auto sitzen, schildert: Für ihn ist es vor allem wichtig, dass Landshut nachhaltig wächst. Zum Beispiel müsse die Verkehrspolitik, die er mir zuvor beschrieben hat, besser werden. Wenn Gambke weiter Abgeordneter wäre, würde er auch versuchen, die Burg Trausnitz mit seinem Lieblingsplatz besser an die Innenstadt anzubinden. Zurzeit fahren die meisten Menschen entweder mit dem Auto hoch oder gehen über steile Wege zu Fuß nach oben. Stattdessen würde es Gambke sinnvoll finden, einen Elektrobus alle zehn Minuten die Strecke fahren zu lassen. Oder seine Wunschvorstellung: ein Sessellift auf die Burg.

Die Vorstellung des Wahlkreises ist Teil einer Serie. Bis zur Bundestagswahl 2017 stellt mitmischen.de acht Wahlkreise aus ganz Deutschland vor, die Autoren besuchen den jeweiligen Abgeordneten. Dabei werden alle Fraktionen des Bundestages berücksichtigt.

Kommentare

 
 

Dein Kommentar



Artikel bewerten:

 

Die Autorin

Sandra Schaftner1 68x68

Sandra Schaftner (20)
studiert Journalistik und Politikwissenschaft