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Die Autorin

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Laura Orlik (24)
studiert Public Affairs und Interessenvertretung

Wahlkampf-Experte
"Lauter und lustiger"

21.03.2017 |

Der Kampf um die Sitze im nächsten Bundestag hat längst begonnen. Wahlkampf-Experte Frank Stauss über Strategien, Social Bots und Parteien, die lauter, innovativer, lustiger oder aggressiver werden.

"Wir haben schon große Aufholjagden in den letzten vier, fünf, sechs, manchmal sogar in den letzten zwei Wochen vor einer großen Wahl erlebt", sagt Wahlkampfberater Frank Stauss. – © privat

Noch sechs Monate bis zur Bundestagswahl: Hat der Wahlkampf schon begonnen und woran merken wir das?

Jeder Wahlkampf beginnt mindestens ein halbes Jahr vor der Wahl. Die SPD hat Anfang des Jahres mit Martin Schulz einen neuen Vorsitzenden nominiert, das hat den Wahlkampf ein bisschen vorverlegt. Normalerweise merkt man das zum einen daran, dass Nominierungsparteitage und die ganzen Parteitage stattfinden, in denen die Listen für die Parteien aufgestellt werden. Man sieht es auch im Bundestag: Welche Gesetzesvorhaben werden jetzt noch eingebracht? Im letzten halben Jahr vor der Wahl wird kein politischer Schritt mehr gegangen, ohne den Wahltag im Kopf zu haben. Die Wahlkampfberater beginnen schon ungefähr anderthalb Jahre vor dem Wahltag mit den Vorbereitungen.

Welche wichtigen Etappen gibt es in einem Wahlkampf?

Die Nominierung ist ein wichtiges Datum. Der Kandidat hat dann natürlich die ganze Aufmerksamkeit der Medien und alle reden darüber. In der zweiten Phase finden Touren durch das Land statt, in denen die Wahlkämpfer auf den Wahlkampf eingestimmt und mobilisiert werden. Acht Wochen vor dem Wahltermin geht es in die heiße Phase: Die Medien konzentrieren sich auf den Wahlkampf und viele Menschen, die sich sonst nicht für Politik interessieren, bekommen langsam mit, dass eine Wahl stattfindet, und beginnen sich zu informieren.

Die Parteien liegen bei der Sonntagsfrage im Moment eng beieinander: 32 Prozent der Bevölkerung würden CDU/CSU wählen, 31 Prozent SPD. Die AfD liegt bei elf, Grüne und Linke bei acht, die FDP bei sechs Prozent. Entscheidet bei einem Gleichstand die bessere Kampagne?

So ein Kopf-an-Kopf-Rennen ist eigentlich immer gut für die größeren Parteien, weil sich die Berichterstattung dann auf deren Kandidaten konzentriert. Wir haben neben CDU/CSU und SPD vier Parteien, die den Sprung in den Bundestag schaffen können. Und die müssen natürlich irgendwie in den Medien vorkommen, damit die Leute sie wahrnehmen. Wir werden erleben, dass sie versuchen werden lauter, innovativer, lustiger oder aggressiver zu werden, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Eine Kampagne kann dabei immer ausschlaggebend sein. Wir haben schon große Aufholjagden in den letzten vier, fünf, sechs, manchmal sogar in den letzten zwei Wochen vor einer großen Wahl erlebt.

Welche Wirkung haben Themen- und Personenfragen im aktuellen Wahlkampf?

Personenfragen sind sehr wichtig: Kanzlerkandidaten bieten bei der Fülle an Themen eine Art Orientierung und sind, wenn man so will, Dolmetscher des Programms für die Menschen. Im Moment gibt es sehr viele Fragezeichen, was die Themen angeht. Die Flüchtlingsthematik ist in den Hintergrund gerückt, das Thema soziale Gerechtigkeit wurde wieder in die Debatte eingebracht. Es gibt auch immer die Möglichkeit, dass äußere Einflüsse wie Terroranschläge dazu kommen.

Im US-Wahlkampf spielten auch Social Bots eine wichtige Rolle: Jeder dritte Pro-Trump-Tweet und jeder vierte Pro-Clinton-Tweet während der zwei Präsidenschaftsdebatten stammten laut einer Studie der Oxford University von Social Bots. Welche Rolle könnten sie im deutschen Wahlkampf spielen?

Das ist schwer zu sagen. Wir haben in Deutschland generell ein anderes Medienverhalten als in den USA. Dort wird Informationsbeschaffung vor allem auch bei älteren Zielgruppen stärker von Online dominiert, die sich bei uns eher klassisch informieren. Es gibt ein mündliches Abkommen zwischen den Parteien, was natürlich nicht bedeutet, dass Dritte diese nicht einsetzten werden. Das Wichtigste ist, laut über Bots und Fake News zu sprechen. Je mehr Menschen mitbekommen, dass es die gibt, umso mehr können sie sich selbst vor Vereinnahmung schützen.

Wie kann die Politik mit Fake News umgehen?

Das ist nicht nur Aufgabe der Politik, das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe: Medien, Lehrer, wir alle müssen Wachsamkeit predigen. Der andere Punkt ist natürlich die Gesetzgebung. Da gibt es im Moment Vorbereitungen, Plattformen wie Facebook stärker in die Pflicht zu nehmen, Fake News selbst zu entfernen. In Amerika ist die Gesellschaft aber viel mehr gespalten ist als bei uns. Das gilt auch für die Medien, die eine entscheidende Rolle in der Verbreitung von Fake News gespielt haben. Unsere Medien sind, bei aller Kritik, in einem viel besseren Zustand, um so etwas zu recherchieren und klarzustellen.

Wie ist das Verhältnis von Journalismus und Wahlkampf?

Von den großen Medien werden Journalisten jeweiligen Kampagnen zugeordnet. Durch diese Zuordnung entsteht sowohl eine Nähe als auch ein Spannungsverhältnis. Einerseits entwickeln die Leute, die nah dran sind, ein anderes Verhältnis zum Kandidaten, als die, die weiter weg sind. Auf der anderen Seite muss man bei aller Vertrautheit darauf aufpassen, was man sagt, denn am Ende ist es die Pflicht des Journalisten, zu berichten und nicht den Leuten nach dem Mund zu reden.

Was ist gerade jetzt besonders spannend zu beobachten?

Durch die Kanzlerkandidatur bei der SPD hat sich die Ausgangslage in den vergangenen Wochen dramatisch verändert. Eigentlich war die Bundestagswahl schon gelaufen. Es war klar, dass Angela Merkel mit Abstand gewinnt und dann eine Koalition eingeht. Jetzt ist es so, dass sich die beiden großen Parteien ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern. Bei den kleineren Parteien muss man jetzt darauf achten, wie sie sich aufstellen: Die Strategie ist hier im Moment viel wichtiger als die Köpfe und die Werbung.

Über Frank Stauss:

Frank Stauss (geboren 1965) hat Wahlforschung in Deutschland und Leadership Psychology und Campaigning in den USA studiert. In Berlin lernte er vom langjährigen Wahlkampfleiter Helmut Kohls (Helmut Kohl ist ein CDU-Politiker, der von 1982 bis 1998 Bundeskanzler war), macht als Mitinhaber einer Kreativagentur aber lieber Wahlkampf für die SPD, unter anderem für Gerhard Schröder, Hannelore Kraft, Frank Walter Steinmeier und Malu Dreyer. Frank Stauss ist Autor des Bestsellers "Höllenritt Wahlkampf".

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