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Die Autorin

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Lou Antoinette Godvliet (18)
Psychologiestudentin aus Wuppertal

Industrie 4.0
Digital voll optimiert

04.12.2015 |

"Smart Services" sind keine Zukunftsvisionen mehr, sie stecken in Uhren, Kühlschränken und Autos und wurden auch im Bundestag diskutiert. Was Industrie 4.0 genau ist und warum uns das keine Angst machen muss, das hat Lou herausgefunden und ist dabei auf Roboter und so manche Irrtümer gestoßen.

als Roboter verkleidete Darsteller

Industrie 4.0? Kommt! Bei der Hannover Messe 2015 mussten den Roboter-Job aber noch verkleidete Menschen übernehmen. – © picture alliance / dpa

Du läufst morgens gestresst aus dem Haus und kurze Zeit später erhältst du eine Nachricht auf deinem Handy: "Sie haben Ihre Wohnung unverschlossen verlassen." Solche Szenarien werden sich in den kommenden Jahrzehnten etablieren und sind Teil des kurz bevorstehenden Prozesses der vierten industriellen Revolution – oder auch Industrie 4.0. Eine Industrie, bei der Maschinen miteinander kommunizieren und Fertigungsprozesse so optimieren.

Die erste Revolution fand im 19. Jahrhundert statt und hat die Industrie überhaupt erst hervorgebracht. Damals wurde die Produktion mittels Wasser- und Dampfkraft mechanisiert und in Fabriken konzentriert. Während der zweiten Revolution steigerten Fließbänder und elektrische Energie die Effektivität, die dritte Revolution brachte dann Computertechnik und Automatisierung in die Werkhallen.

Aus Vision wird Realität

Ohne großes Trara hat sich die Technologie der intelligenten Vernetzung auch schon in unseren Alltag eingeschlichen. Bei der Internationalen Funkausstellung (IFA) war in diesem Jahr das sogenannte Smart Home eines der Highlights. Mittels Sensoren und digitalen Erinnerungen warnt das schlaue Haus, wenn die Tür offen oder der Herd angeschaltet bleibt. Außerdem ruft es Hilfe, wenn die (älteren) Bewohner schwer stürzen oder morgens nicht von der intelligenten Matratze hochkommen. "Smart Services" nennt sich so etwas.

Überträgt man das Ganze nun auf die Industrie, wird von einer datentechnischen Verbindung zwischen "Dingen" gesprochen. Vorstellen kann man sich darunter beispielsweise eine automatisierte Kommunikation zwischen Maschinen oder Fabriken, wodurch Produktionsabläufe effizienter und deren Flexibilität und Geschwindigkeit optimiert werden. Ein bestimmtes Teil warnt beispielweise, wenn es einen Sicherheits-Check noch nicht passiert hat. Das bringt natürlich auch finanzielle Vorteile. In der Automobilindustrie wird zum Beispiel ein Wertschöpfungswachstum von rund 15 Milliarden Euro erwartet. Bei gleicher Investition kommt also mehr raus. Experten gehen außerdem davon aus, dass sich viele produzierende Branchen, insbesondere aber die für Deutschland extrem wichtige Fahrzeugbranche, in den nächsten zehn Jahren digital revolutionieren müssen, um den Anschluss nicht zu verpassen.

Wo liegen die Prioritäten?

Am 13. November haben die Abgeordneten im Bundestag über einen Antrag der Koalitionsfraktionen zu diesem Thema heftig debattiert. Alle Fraktionen schätzen die Chancen, die Industrie 4.0 mit sich bringt, als positiv ein. Allerdings ziehen sie aus dieser Einschätzung unterschiedliche Konsequenzen. Die Union sieht vor allem die Chancen auf mehr Wachstum, die SPD will aus "technologischem und ökonomischem Fortschritt sozialen Fortschritt" machen. Für die Linkspartei steht der soziale Fortschritt hingegen im Zentrum der Aufmerksamkeit: Wenn dank einer Effizienzsteigerung eine größere Wertschöpfung stattfindet, sollen auch die Beschäftigten in den Betrieben davon profitieren. Einfaches Beispiel: Kürzere Produktionszeiten sollen nicht nur in Unternehmensprofite umgewandelt werden – sondern auch in kürzere Arbeitszeiten.

Den Anschluss nicht verlieren

Die deutsche Ausgangslage sei gar nicht so schlecht, glaubt Forschungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka (CDU). Was die Automatisierung von Prozessen betrifft - und damit die Vorstufe der Vernetzung - sei Deutschland führend und könne seine Pionierrolle gut ausbauen, meint Wanka. Während etwa in China auf 10.000 Industriearbeitsplätze 14 Industrieroboter kämen, seien das in Deutschland 286 Roboter. Und wo Roboter sind, können dann auch Roboter miteinander kommunizieren. Auf diesem Vorsprung könne man sich aber nicht ausruhen. Denn die Konkurrenz schläft nicht und die USA sind bereits auf dem Überholkurs mit Investitionen in Forschung und Entwicklung, die die deutschen um ein Vielfaches übertreffen.

Deutschlands Wirtschaft solle deshalb seine gute Ausgangsposition als "Fabrikausrüster der Welt" nutzen, um diesen Wandel zu gestalten, statt von Digitalisierung und der Technologie- und Marktentwicklung beispielsweise in den USA getrieben zu werden, sagt Prof. Dr. Henning Kagermann, Präsident der Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, bei einem Fachgespräch im Bundestag am 2. Dezember.

Maschinenherrschaft oder universaler Aufschwung?

Allerdings ist die Industrie 4.0 auch kein Phänomen, das dem Menschen nur Gutes bringt. Denn die Grundlage der Revolution ist Big Data – die Abhängigkeit von gigantischen Datenmengen aus allen möglichen Lebensbereichen, die gesammelt und ausgewertet werden können: angefangen von elektronischer Kommunikation über Behördendaten oder Aufzeichnungen von Überwachungssystemen oder eben Produktionsstrecken. Ein Aspekt, der Datenschützern Angst machen könnte. Zudem bieten die notwendigen Datenautobahnen auch mehr Angriffsfläche für Hacker und somit für die Manipulation von Prozessen von außen. Damit eröffnen sich zwar zusätzliche Geschäftsfelder für IT-Dienstleister und Softwareanbieter, die wiederum mehr Arbeitsplätze schaffen. Andere aber fallen weg, da die Arbeit immer mehr von Maschinen übernommen wird.

Insgesamt ist die Industrie 4.0 ein unaufhaltsamer Prozess, welcher im Gegensatz zu den vorigen industriellen Revolutionen nicht die Welt umkrempelt, sondern die bereits vorhandene digital optimiert – dennoch mit enormen Auswirkungen auf die Wirtschaft, aber auch auf unseren Alltag.

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