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Die Autorin

Lisa Winter

Lisa Winter (20)
studiert Politikwissenschaften und Publizistik

Wissenschaftler
"Objekte steuern sich selbst"

04.12.2015 |

Was hat Industrie 4.0 mit Elefanten zu tun? Prof. August-Wilhelm Scheer erklärt es im Interview mit Lisa und sagt, wohin intelligente Zahnbürsten führen.

Professor August-Wilhelm Scheer

Professor August-Wilhelm Scheer spielt nicht nur Saxophon. Der Wissenschaftler beobachtet auch die Entwicklung von Industrie 4.0 bereits seit einer ganzen Weile. Und er hat dabei einen Elefanten entdeckt. – © PR

Befreit Technologie den Menschen oder ist das Gegenteil der Fall?

Ja, Technologie befreit den Menschen. Der erste Schritt war eine Befreiung im Bereich der Kommunikation. Das Internet macht es möglich, dass wir mit Menschen am anderen Ende der Welt skypen können, dass Widerstandsgruppen Menschenrechtsverletzungen über Facebook weltweit publik machen oder, dass Kontakt und Austausch schon lange nicht mehr nur von örtlicher Nähe abhängen. Wir werden durch Industrie 4.0 auch nicht daran gehindert, unseren Bedürfnissen als Mensch zu entsprechen, es ist eher so, dass sich unsere Möglichkeiten erweitern: Beim Autofahren bewegen wir uns nicht nur von A nach B, wir können mit unserer Umwelt zeitgleich kommunizieren bis hin zur Abwicklung von Online-Einkäufen – gefahrlos geht das allerdings erst beim selbstfahrenden Auto!

Wo betrifft uns Industrie 4.0 denn bereits im Alltag?

Die Bereiche, in denen Industrie 4.0 uns persönlich betrifft, sind sehr vielfältig. Ein Beispiel ist die Mobilität. Heutzutage ist es nicht mehr wichtig, Eigentum in Form eines Autos zu haben. Was zählt, ist billig und einfach von A nach B zu kommen. Die Dienstleistung des Transports steht im Mittelpunkt. Hierfür wird auf Mitfahrgelegenheiten oder Ähnliches zurückgegriffen, die mithilfe des Internets gefunden werden können. Wenn wir einen Schritt weitergehen, kommen wir zum fahrerlosen Verkehr, der durch die Entwicklung von selbstfahrenden Autos ermöglicht werden kann. Weitere Beispiele sind die Zahnbürste, die mit dem Internet verbunden ist und Daten erfasst, wie und wann du deine Zähne putzt oder ob es Zeit ist, sich eine neue Zahnbürste zu kaufen.

Können Dinge die Kontrolle übernehmen?

Objekte steuern sich zunehmend selbst. Im Beispiel der Automobilindustrie ist der Mensch das schwächste Glied in der Kette. Statistiken zufolge wird die Unfallrate stark zurückgehen, wenn der Mensch nicht mehr aktiv am Verkehrsgeschehen teilnimmt und Autos sich selbst fahren. Ein anderes Beispiel finden wir in der Medizin. Für gewöhnlich gehen wir zum Arzt, der uns untersucht, unsere Krankheit diagnostiziert und behandelt. Die Menschen fangen jedoch nun immer mehr an, sich selbst zu beobachten. Beispielsweise durch elektronische Armbänder, die den Puls und Blutdruck messen. Mit diesen Informationen wenden sie sich dann an das Internet und recherchieren ihre Diagnose selbständig. Und diese Entwicklung ist vom Menschen gewollt. Der Trend, durch die neuen Technologien maximale Kontrolle über sich selbst zu haben, wird immer populärer.

Sie schreiben in einer Publikation, dass die Definitionen der Industrie 4.0 vielfältig und komplex seien. Was bedeutet Industrie 4.0 für Sie?

Im Mittelpunkt von Industrie 4.0 steht die Digitalisierung von Materialien und Produkten. Das ist von großer Bedeutung, da wir damit die Leistungsfähigkeit der Produktion steigern können. Bei der dazu in Fabriken eingesetzten Technologie handelt es sich um sogenannte Cyber Physical Systems (CPS). Das sind softwareintensive Produktionssysteme, die mit dem Internet verbunden sind und untereinander sowie mit intelligenten Materialien kommunizieren können. Die hohe Flexibilität dieser CPS ermöglicht eine starke Individualisierung und Beschleunigung der Fertigung. Produktionsstraßen müssen nicht mehr umgebaut und neu konfiguriert werden, die Materialein suchen sich dank Chip-Informationen ihren eigenen Weg, um schnell und kostengünstig zu einem Produkt zusammengebaut zu werden. Dadurch, dass Produkte nicht mehr in der Massenfertigung entstehen müssen, um kostengünstig zu sein, kann die Kundennachfrage nach ganz individuellen Produkten problemlos befriedigt werden. Diese Individualisierung bietet zugleich viele neue Möglichkeiten für digitale Geschäftsmodelle – besonders im Online-Handel. So testet auch die Modeindustrie bereits in Pilotprojekten die Herstellung und den Vertrieb von individualisierter, und damit in Figur und Design maßgeschneiderter, Kleidung.

Was ist bei dieser Umsetzung von Industrie 4.0 wichtig?

Für die Umsetzung gibt es verschiedene Ansätze. Ein größeres Problem ist, dass es bestehenden Unternehmen sehr schwer fällt, sich auf neue Modelle einzulassen. Ein wichtiger Ansatz ist deshalb, neue Unternehmen zu gründen, nicht selten als Ausgründung aus einem bestehenden traditionellen Betrieb. Hier werden vor allem junge Menschen eingestellt, die noch frei im Kopf und unabhängig von alteingesessenen Geschäftsmodellen sind. Das Prinzip kann man mit Start-Up-Firmen vergleichen. Wesentlicher Unterschied ist aber, dass es bei Industrie 4.0 nicht darum geht, die Unternehmen schnellstmöglich mit maximalem Profit zu verkaufen, wie es bei Start-Ups üblich ist. Kleinere Ansätze sind zum Beispiel, bestehende Probleme mit neuen Techniken zu lösen oder Industrie 4.0 stärker in Fabriken, Produktionsentwicklung und Logistik zu integrieren.

Sie vergleichen das mit einem Elefanten...

Um Industrie 4.0 erfolgreich umzusetzen, muss man die Geschäftsmodelle der Unternehmen verändern. Dies kommt der Aufgabe gleich, einen Elefanten zu transportieren. Es ist ein sehr großes und schwieriges Projekt, welches man strategisch in verschiedene Einzelaspekte zerlegt, die realisiert werden müssen. Trotzdem darf man das große Ganze nicht aus dem Blick verlieren und muss den ganzen "Elefanten" betrachten, wenn man ein neues Geschäftsmodell etablieren möchte. Das Problem hierbei liegt vor allem bei den mittelständischen Unternehmen, die diese Notwendigkeit und ihre globale Wirkung noch nicht erkannt haben. Das liegt besonders an den fehlenden Kompetenzen in diesen Unternehmen.

Was erwartet uns in der Zukunft?

In der Zukunft erwartet uns eine weitere Steigerung der Leistungsfähigkeit. Es wird noch schnellere Rechner geben und das Gebiet der künstlichen Intelligenz wird noch weiter erschlossen werden. Es ist fraglich, wann Roboter intelligenter sein werden als der Mensch. Wir haben einige schützenswerte Eigenschaften, die ein Roboter nicht erlangen kann. Dabei sprechen ich vor allem von unserer Kreativität, unseren Sinnen und der Fähigkeit komplexer Kommunikation. Es ist wichtig, dass wir uns stärker auf die Fähigkeiten des Menschen konzentrieren und diese schützen. Denn das, was am Ende eine maximale Leistungsfähigkeit erbringt, ist die Kombination aus Mensch und Maschine.

Über Prof. August-Wilhelm Scheer

Der IT- und Projektmanagement-Guru Prof. August-Wilhelm Scheer ist ehemaliger Direktor des Instituts für Wirtschaftsinformatik an der Universität des Saarlandes, Unternehmensgründer sowie Geschäftsführer der Scheer Holding. Mit ARIS entwickelte der vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler eine weltweit eingesetzte Methode zum Geschäftsprozessmanagement. Außerdem spielt Scheer Saxophon in einer Band.

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