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Der Autor

Noah Schöppl 68x68

Noah Schöppl (20)
studiert Politik, Psychologie, Recht und Wirtschaft

Wirtschafts-Expertin
"Nicht zurücklehnen!"

24.04.2018 |

Wirtschaft ist langweilig und kompliziert? Das sieht Isabel Schnabel ganz anders. Noah hat die Expertin gefragt, welche Geschichten die aktuelle wirtschaftliche Lage in Deutschland erzählt und was es mit ihrem Job als Wirtschaftsweise auf sich hat.

Isabel Schnabel

Isabel Schnabel ist eine der sogenannten Wirtschaftsweisen. – © Isabel Schnabel

Sie sind eine der fünf sogenannten Wirtschaftsweisen. Viele junge Leute finden das Thema "Wirtschaft" langweilig oder auch zu kompliziert. Was macht Ihnen daran Freude?

Mir ist es ein Rätsel, wie man auf die Idee kommen kann, dass Wirtschaft langweilig ist. Gerade die Volkswirtschaftslehre befasst sich mit vielen gesellschaftspolitisch hochrelevanten Themen wie Bildung, Digitalisierung und Armut. Mithilfe der Volkswirtschaftslehre kann man viele, auch ganz alltägliche, Probleme systematisch aus einem bestimmten Modellrahmen heraus untersuchen. Wir müssen viel mehr dafür tun, gerade jungen Menschen zu zeigen, wie spannend und wichtig Wirtschaft ist – und zwar nicht nur, um Manager in einem Unternehmen zu werden, sondern auch um wesentliche gesellschaftsrelevante Fragen besser zu verstehen.

Was sind die Aufgaben der Wirtschaftsweisen?

Wir selbst verwenden den Begriff ‚Wirtschaftsweise' nicht, weil er natürlich anmaßend ist – wir nehmen nicht in Anspruch, weise zu sein, sondern wissenschaftlich zu arbeiten. Unsere Aufgaben sind gesetzlich festgelegt: Wir sollen die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in Deutschland begutachten und Fehlentwicklungen aufzeigen, ohne jedoch konkrete wirtschaftspolitische Maßnahmen zu empfehlen. Hierzu legen wir jährlich ein Jahresgutachten vor.

Wir sind kein Teil der Regierung, sondern ein unabhängiges Gremium. Das heißt, anders als viele Beratungsgremien in anderen Ländern, entscheiden wir selbst, welche Themen wir behandeln, und wir sind vollkommen frei in unserer Urteilsfindung. Interessant wird es natürlich gerade dann, wenn wir von der Regierungslinie abweichen und auf problematische Entwicklungen hinweisen. Das ist genau unsere Aufgabe gegenüber der Politik, aber dasselbe müssen wir auch gegenüber der Öffentlichkeit vermitteln.

Ich habe allerdings den Eindruck, dass wir gerade bei jungen Menschen nicht gut durchdringen, weil wir vor allem mit einem 500 Seiten dicken Gutachten arbeiten. Da müssen wir noch besser werden.

Was sind denn die zentralen Aussagen und Forderungen aus dem aktuellen Jahresgutachten und wieso sollte das für junge Menschen interessant sein?

Gerade das aktuelle Jahresgutachten ist für junge Menschen hochrelevant. Die zentrale Aussage ist, dass die deutsche Politik sich in den jetzigen Zeiten, in denen es sehr gut läuft, nicht zurücklehnen sollte, sondern man sich gerade jetzt Gedanken machen sollte, wie man sich für die Zukunft aufstellt.

Wenn die Bevölkerung immer älter wird, besteht die Gefahr, dass immer mehr eine Politik zu Lasten der jungen Menschen betrieben wird, während Zukunftsthemen vernachlässigt werden. Das betrifft die Digitalisierung, die Bildung, die Tragfähigkeit der Sozialsysteme und die Frage, wie viele Schulden der Staat zur Finanzierung seiner Ausgaben macht. Die deutsche Wirtschaftspolitik sollte sich an der Zukunft ausrichten, damit auch die junge Generation noch gut leben kann.

Sie haben eben auch die Digitalisierung angesprochen. Was ist denn Ihr wichtigster Rat, wie Deutschland dieses Zukunftsthema angehen sollte?

Es ist erst einmal wichtig, dass man die Digitalisierung zulässt und nicht durch vorschnelle Regulierung positive Entwicklungen verhindert. Die Digitalisierung ist ein Strukturwandel, der am Arbeitsmarkt zu Veränderungen führt. Daher müssen wir die Menschen dazu befähigen, durch lebenslanges Lernen neuartige Arbeitsplätze ausfüllen zu können.

In einer sich schnell ändernden Welt müssen wir uns von der Idee einer Ausbildung am Anfang des Lebens verabschieden. Stattdessen müssen sich alle über ihr gesamtes Arbeitsleben immer weiter qualifizieren.

Die Wirtschaft brummt, Sie sprechen von einer "Hochkonjunkturphase". Was ist das genau und was raten Sie den Politikern in dieser Situation?

Die Wirtschaft bewegt sich in konjunkturellen Zyklen mit Auf- und Abschwüngen. Da Deutschland sich gerade in einer Hochkonjunktur befindet, sollte der Staat die Wirtschaft nicht noch mehr ankurbeln. Das könnte zu einer ‚Überhitzung' und einem wirtschaftlichen Abschwung führen, weil die Wirtschaft an ihre Kapazitätsgrenzen gelangt und es dann beispielsweise zu einem Arbeitskräftemangel kommt. Die derzeitigen Wachstumsraten lassen sich unter den jetzigen Bedingungen langfristig nicht halten, da der Wachstumstrend deutlich niedriger liegt.

Sie und Ihre Kollegen sagen voraus, wie stark die Wirtschaft wachsen wird, nämlich 2,3 Prozent in diesem Jahr. Warum ist das eine so viel beachtete Zahl und gibt es andere wirtschaftliche Messgrößen, denen wir mehr Aufmerksamkeit zollen sollten?

Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts hat sich als Messgröße etabliert, bildet aber nur einen begrenzten Aspekt ab, die Steigerung des materiellen Wohlstands, und selbst den nur mit großen Messfehlern. Daher ist diese Zahl mit Vorsicht zu genießen, zumal jede Prognose mit großer Unsicherheit behaftet ist. Aber das wird leider oft in den Medien nicht berichtet.

Wenn man generell über Wohlstand nachdenkt, geht es natürlich um sehr viel mehr. Es kann zum Beispiel sein, dass eine Wirtschaft insgesamt wächst, aber nur sehr wenige davon profitieren und das Wachstum somit nicht allen zugutekommt. Man müsste den Wohlstandssbegriff daher um Aspekte der Lebensqualität und der Nachhaltigkeit ergänzen, wie vom deutschen und französischen Sachverständigenrat 2010 vorgeschlagen wurde. Die Lebensqualität hängt natürlich von ganz vielen Dingen ab, die nicht in einer Kennziffer zu vermitteln sind.

Es ist daher problematisch, wenn alle nur auf dieses eine begrenzte Maß, das Bruttoinlandsprodukt, schauen. Es könnte daher sinnvoll sein, den Sachverständigenrat damit zu betrauen, einen etwa vom Statistischen Bundesamt berichteten ganzheitlichen Indikatorensatz unter die Lupe zu nehmen. Damit würden neben dem materiellen Wohlstand andere wesentliche Aspekte die gebührende Aufmerksamkeit erhalten.

Über Isabel Schnabel:

Prof. Dr. Isabel Schnabel wurde 1971 geboren, wuchs in Dortmund auf und studierte, forschte und lehrte im Bereich Volkswirtschaftslehre in Mannheim und Mainz, aber auch in Frankreich, Russland, den USA und Großbritannien. Sie spezialisierte sich auf Finanzmarktökonomie und lehrt heute an der Universität Bonn. Sie ist seit 2014 Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

Kommentare

 

Isabel Schnabel schrieb am 27.04.2018 16:51

Danke!

 

 

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