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Die Autorin

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Lilith Diringer (17)
ist Schülerin

Selbst gründen
Rübenzucker 4.0

09.05.2018 |

Wie ihr selbst eine Geschäftsidee zum Fliegen bringt, das könnt ihr bei unterschiedlichen Gründerwettbewerben lernen und ohne Risiko ausprobieren. Lilith war gleich bei zweien dabei. Das hat es ihr gebracht.

fünf Schüler aus Erlangen

Deutscher Gründerpreis für Schüler 2017: Das Team Kabibe aus Erlangen gewann mit einer Handyhülle, die aus Körperwärme Strom erzeugt, den ersten Preis. Noch ist die smarte Hülle aber reine Fiktion. – © Deutscher Gründerpreis

"Das Einsatzfeld dieses Produkts ist vielfältig", schwärme ich, "schließlich befinden sich heutzutage in fast allen Geräten, die wir tagtäglich nutzen, Akkumulatoren", erkläre ich den Damen und Herren, die vor mir sitzen, "nicht nur E-Autos, auch elektrische Zahnbürsten und Smartphones werden durch dieses Produkt 'grüner'."

Ich befinde mich gerade im Präsentationssaal eines Unternehmens in Ulm. Vor mir hat eine lange Reihe an Juroren Platz genommen. Damen und Herren, die sich im Bereich Wirtschaft oder Wissenschaft gut auskennen. Sie sollen meine und andere präsentierte Geschäftsideen auf Herz und Nieren prüfen. Sind die Konzepte überhaupt realistisch? Gibt es für das Produkt einen Markt? Ist die Kostenaufstellung nachvollziehbar?

Fragen über Fragen

Nach dem Pitch, der Kurzpräsentation, meiner Geschäftsidee "Rübenzucker 4.0", kann ich nicht sofort das Mikrofon aus der Hand legen. Denn meine Zuschauer stellen mir noch einige Minuten lang Fragen zu meiner Idee von nachhaltigen Bestandteilen von Batterien. Kurz gesagt: Ich mache Vorschläge, wie man das Grafit in Akkus durch Zuckerrüben ersetzen kann. Grafit wird beispielsweise aus Erdöl hergestellt. Zuckkerrüben jedoch sind ein nachwachsender Rohstoff. Das könnte "grüne" E-Autos noch grüner machen, erkläre ich. Dann ist das nächste Gründerteam an der Reihe.

Wir stecken mitten im Zwischenfinale des Wettbewerbs "Jugend gründet". Seit 2003 gibt es den Businessplan- und Planspiel-Wettbewerb für Schüler und Auszubildende, der vom Ministerium für Bildung und Forschung gefördert und vom Steinbeis Innovationszentrum Unternehmensentwicklung an der Hochschule Pforzheim ausgerichtet wird.

Was ist der Plan?

In diesem Wettbewerb gilt es, einzeln oder in Teams bis zu sechs Personen zunächst einen Geschäftsplan auszuarbeiten. Von der prägnanten Vorstellung der Idee über die Zielgruppenanalyse bis hin zur ausführlichen Kostenplanung müssen alle Felder ausführlich bearbeitet werden.

Ist die Jury von einem Geschäftsplan überzeugt, lädt sie zum Zwischenfinale ein, wo die Teilnehmer ihre Idee persönlich präsentieren müssen. Die zweite Runde, das sogenannte Planspiel, besteht darin, das virtuell gegründete Unternehmen durch acht Geschäftsjahre zu führen. Welche Mitarbeiter werden eingestellt? Welche Büroräume gemietet? Welche umweltfreundlichen Maßnahmen werden ergriffen? In dieser Runde hat noch einmal jedes Team die Chance, sich zu beweisen und ins Finale zu kommen. Dort wandert die Jury schließlich von Präsentationstisch zu Präsentationstisch und tritt in einen regen Austausch mit den Teams, um letztendlich die Sieger ermitteln zu können.

Preis: Reise nach Japan

Die Rübenzucker-Idee kam an. So habe ich nicht nur beim Zwischenfinale "Jugend gründet" den ersten Platz belegt, sondern gewann auch den zusätzlichen Chemiesonderpreis im Bundesfinale. Dieser führte mich auf eine ganz besondere "Gründerreise" nach Japan.

Dennoch sind für mich nicht die Gewinne das Entscheidende: Besonders das Feedback durch die Jurymitglieder und der Austausch mit den anderen Jugendlichen war für mich beeindruckend. Ich hätte allen Teilnehmern die Gewinne gegönnt.

Versuch im Vierer-Team

Während ich bei "Jugend gründet" als Einzelkämpferin antrat, versuchte ich mich beim "Deutschen Gründerpreis für Schüler" mit einem Viererteam durchzusetzen. Bei diesem Ableger eines ursprünglich für real existierende Unternehmen geschaffenen Wettbewerbs (Deutscher Gründerpreis) muss ebenfalls ein Geschäftsplan ausgearbeitet werden. Dieser jedoch ist ausführlicher und wird deutlich detaillierter und in festeren Schranken erstellt.

Es gibt ganz bestimmte Deadlines, zu denen spezielle Bereiche ausgefüllt werden müssen. Man lernt unterschiedliche Konzepte und Strategien kennen und erstellt einen eigenen Homepageentwurf. Die Teammitglieder müssen sich zudem gegenseitig evaluieren, also nach formellen Kriterien bewerten, und ihre Aufgabenbereiche festlegen. Ganz am Ende werden all diese Elemente schließlich in einem Geschäftsplan zusammengeführt.

Input aus dem realen Gründerleben

Durch die beiden Wettbewerben habe ich nicht nur meine Präsentationsfähigkeiten verbessert. Ich habe auch gelernt, meine Ideen zu strukturieren und acht (virtuelle) Jahre lang ein Unternehmen durch dick und dünn zu führen. Außerdem habe ich auch einiges zu Möglichkeiten der Unternehmensgründung, Unterstützungsangeboten und der aktuellen Lage der Gründungsszene in Deutschland erfahren.

Wir besuchten zum Beispiel beim Zwischenfinale von "Jugend gründet" und beim Bundesfinale nicht nur erfolgreiche Unternehmen, sondern hörten zudem Vorträge von ehemaligen Wettbewerbsteilnehmern, die inzwischen selbst erfolgreiche "Wirklichkeitsgründer" geworden sind. Wir konnten bei einer Veranstaltung der Industrie- und Handelskammer Ulm mit Verantwortlichen mehrerer Gründerzentren und -beratungsstellen diskutieren. Auf diese Weise wurden wir ausreichend mit Adressen versorgt, an die man sich wenden kann, wenn die Gründungsidee Wirklichkeit werden soll.

Deutsche Gründerszene schwächelt

Was auffällt: Es gibt zum Thema Gründen ziemlich viele staatlich geförderte und auch kostenlose Angebote. Auch für Schüler findet ihr neben den beiden von mir genannten viele weitere Projekt, die ihr euch anschauen könnt.

Warum ist das so? Weil es um die deutsche Gründerszene momentan nicht gerade gut steht. 378.000 Gründungen konnten 2016 in Deutschland laut Wirtschaftsministerium verzeichnet werden. Hamburg gilt dabei als neue Gründerhauptstadt. Auch Berlin zählt zu den wenigen deutschen Städten, die international als Start-up-Standorte beliebt sind. Doch wie ihr bereits an dieser Formulierung erkennt: Deutschland ist nicht gerade Spitzenreiter was Neugründungen angeht.

Jede Menge Gründer-Support

Die meisten Deutschen seien nicht risikofreudig, wird oft als Grund dafür angeführt. Offenbar wollen nur wenige von uns Großes wagen, die Risiken einer unsicheren Zukunft und die große Eigenverantwortung auf sich nehmen.

Was tun? Die Politik müsse sich mehr dafür engagieren, die Steuern für Gründer attraktiver gestalten und eine bessere schulische und außerschulische "Gründerausbildung" bieten, fordern Wirtschaftsexperten als Anreize.

Der Länderbericht Deutschland des Global Entrepreneurship Monitors (GEM) jedoch weiß Deutschland auch zu loben: Die notwendige physische Infrastruktur sei gegeben, neue Produkte und Dienstleistungen würden sehr geschätzt und auch das geistige Eigentum könne durch das Patentrecht ausreichend geschützt werden.

Wer gründet in Deutschland?

Unter den Start-ups finden sich 29 Prozent von Frauen gegründete Unternehmen (KfW-Gründungsmonitor 2017). Auch der Anteil der jungen Generation (18-24 Jahre) ist mit 18 Prozent noch nicht das, was sich die Wirtschaft wünscht. Zumindest aber hat der Anteil dieser Altersgruppe in den letzten Jahren leicht zugenommen. Die 25- bis 34-Jährigen sind mit 36 Prozent bereits recht gut vertreten.

Um die Gründerszene in Deutschland zu fördern, gibt es neben den bereits erwähnten Beratungsmöglichkeiten inzwischen viele Fonds, Geldtöpfe und finanzielle Starthilfen, die sich besonders an unterrepräsentierte Gruppen wie Frauen, junge Erwachsene und Menschen mit Migrationshintergrund richten. Besonders auffällig ist der aktuelle Trend der deutschen Neugründungen in Richtung Nachhaltigkeit. Immer mehr Start-ups stellen umweltbewusstere Alternativen für Produkte her.

Einfach mal ausprobieren

Ich persönlich konnte von der Teilnahme an beiden Wettbewerben nur profitieren. Auch wenn es viel Arbeit und Aufwand bedeutet, lohnt es sich in jedem Fall. Und wer weiß, vielleicht haben mich die Wettbewerbsteilnahmen ja sogar so stark beeinflusst, dass ich später mein eigenes Start-up auf die Beine stellen werde. Vorstellen kann ich es mir inzwischen auf jeden Fall sehr gut.

Habt auch ihr eine Top-Idee? Habt ihr irgendein Produkt entdeckt, bei dem ihr euch sicher seid, dass diese Welt es unbedingt braucht? Dann schaut euch doch einmal folgende Wettbewerbe an. Alle ähneln sich im Grundgedanken, doch je nach Wettbewerb wird eine Einzel- oder Teamteilnahme gefordert. Es müssen Geschäftspläne erstellt oder virtuell Geschäftsjahre durchlebt und Entscheidungen getroffen werden. Vielleicht reizt eines dieser Angebote ja auch euch:

Kommentare

 

Susanne schrieb am 29.04.2018 13:30

wieder mal hochinteressant!

 

 

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