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Die Autorin

Ein Mädchen schaut streng in die Kamera

Lea Goeppert (21)
studiert Medienkonzeption

Milchbauer
Familie Harsch kämpft

12.07.2016 |

Der Benzbachhof in Baden-Württemberg hat viele Milchkühe. Durch den niedrigen Milchpreis muss Familie Harsch sich nun vielleicht neu orientieren. Bisher wollen sie aber nicht aufgeben.

Milchbauer Jochen Harsch  mit seinen Kühen

Jochen Harsch ist jeden Tag für seine Kühe im Einsatz. Vielleicht muss er sich bald umorientieren. – © Anna Harsch

"Wenn es so weitergeht, muss ich anders Geld verdienen", sagt Jochen Harsch, Milchbauer in Baden-Württemberg, während er einer seiner Kühe den Kopf tätschelt. Er trägt Gummistiefel, damit ist er am besten ausgerüstet für die tagtägliche Arbeit im Stall. Mit dem Milchverkauf kann er kaum noch seine Familie ernähren, seit der Milchpreis immer weiter in die Tiefe rauscht. Harsch bekommt derzeit 24 Cent pro Liter, vor zwei Jahren war es noch fast doppelt so viel.

Alle helfen auf dem Hof

Den Hof der Familie Harsch gibt es seit 1962, die Großeltern haben ihn gebaut. 2008 ist Jochen Harsch mit seiner Frau eingestiegen, seitdem ist es ein Mehrgenerationenbetrieb. Auch seine Eltern helfen so gut sie können.

Der Hof liegt mitten im Grünen in Pfaffenhofen in der Region Zabergäu, etwas abgelegen von den Hauptverkehrsstraßen. Hier wird vor allem Milch produziert. Im Stall stehen etwa 60 Milchkühe, so der Milchbauer, dazu kommen noch mal ebenso viele Jungtiere und Rinder.

Muhen und Schnauben

Das Wohnhaus der Familie liegt direkt neben den Stallungen. Auf das Gebäude, das Hof und Haus verbindet, hat jemand zwei Kühe gemalt. Das große Tor zum Stall ist geöffnet, daraus ertönt vereinzelt das Muhen und Schnauben der Tiere. Die Milchkühe sind immer im Stall, die Rinder hingegen verbringen ihre Zeit von April bis November auf der Weide.

Die Tiere können sich im großen Boxenlaufstall frei bewegen und jederzeit fressen und trinken, wenn sie möchten. Bis zu 100 Liter Wasser säuft eine Kuh am Tag. Wenn es heiß ist, auch mehr, erzählt der 46-Jährige. Sie sind braunrot und schwarzbunt oder mit schwarzen und weißen Flecken übersät.

Bürsten und Frischluft für die Kühe

Vier große Ventilatoren sorgen im Stall dafür, dass die Temperaturen auch im Sommer angenehm sind. Außerdem trägt eine Bürste zum Wohlbefinden der Tiere bei: Sobald eine Kuh dagegen stößt, setzt sie sich in Bewegung. Die Borsten streichen über Rücken und Flanken der Kuh, das fördert die Durchblutung. Die Kühe sind dadurch ausgeglichener, weil sie weniger Juckreiz verspüren und sauberer sind. Durch die stimulierte Blutzirkulation geben die Kühe zusätzlich mehr Milch, erklärt Harsch.

Milch ist billiger als Wasser

Direkt am Hofeingang steht ein Milchverkaufsautomat, 24 Stunden kann dort frische Milch gezapft werden, auch wenn die Bauersleute mal nicht zu Hause sind. Im Sommer verkauft Harsch die Milch an eine Eisdiele und in der nächsten größeren Stadt Heilbronn liefert er an eine Produktionsstätte, die seine Milch in Produkten der Marke Landliebe weiterverwertet.

Zwei bis drei Liter Milch trinken die Harschs selbst am Tag. "Es ist unser billigstes Getränk", sagt Harsch, "es kostet weniger als Wasser und Sprudel".

Der Milchpreis fällt und fällt

Die staatliche Mengenregulierung, die sogenannte Milchquote, greift seit dem Frühjahr 2015 nicht mehr. Sie wurde für eine freiere Marktwirtschaft abgeschafft. "Mit dieser Abschaffung haben alle Höfe die Kapazitäten ausgereizt", erklärt Harsch. Das heißt: Sehr viele Bauern haben sehr viele Milchkühe dazu gekauft. Jetzt gibt es zu viel Milch auf dem Markt, das Angebot ist gestiegen, während die Nachfrage da nicht mithalten konnte, ja sogar gesunken ist. So fällt der Preis für die Milch.

Auch Harsch hatte Milchkühe dazu gekauft, wollte so die Produktion erhöhen. Jetzt muss er seinen Bestand wieder verkleinern. "Leider muss ich jetzt 20 Kühe mit Makel, deren Milchleistung nicht so gut ist, loswerden", sagt Harsch, "was bedauerlicherweise Fleischproduktion bedeutet". Mit einem geringeren Bestand gibt es vielleicht die Chance für einen besseren Milchpreis, aber nur, wenn andere Bauern mitziehen.

400.000 Liter im Jahr

Wenn Verbraucher im Supermarkt gezielt zu regionalen Produkten greifen oder direkt an der "Milchtankstelle" kaufen, kann den Milchbauern damit geholfen werden, meint Harsch.

Zwei Mal am Tag werden die Kühe bei den Harschs gemolken. Jedes Tier wird zunächst von Hand angemolken, um zu sehen, ob die Milch in Ordnung ist, jedes Euter mit einem feuchten Tuch gereinigt. Erst dann wird es an die Melkmaschine angeschlossen. So produziert der Benzbachhof aktuell 400.000 Liter Milch pro Jahr.

Empfindlicher Milchmarkt

"Der Milchmarkt ist sehr empfindlich", betont Harsch. Sobald das Angebot minimal die Nachfrage übersteigt, wird es schwierig für die Bauern. Die produzierte Milch landet nämlich komplett auf dem Markt, da sie nicht gut lagerfähig ist.

Die Quotenregelung will Harsch dennoch auf keinen Fall zurück, denn an diese war seine Produktion zu stark gebunden. Laut Harsch sollten sich alle Milchbauern der EU zusammensetzen und gemeinsam die Milchproduktion pro Hof um ein bis zwei Prozent reduzieren. "Das wird eh nie passieren", meint Harsch aber wenig optimistisch.

Siebe Tage Arbeit in der Woche

Harsch muss immer am Hof sein. Er arbeitet sieben Tage in der Woche mindestens fünf Stunden am Tag. In dieser Zeit hat er gerade mal alle Tiere versorgt.

Alle zwei Jahre gönnt er sich eine Woche Urlaub. Doch auch die sei mehr Stress als Entspannung, denn er muss sich auf die Mitarbeiter am Hof verlassen können und so planen, dass in dieser Woche keine Kälber geboren werden.

"Erstmal weitermachen"

Neben dem Gehöft gehören Harsch auch Acker- und Grünflächen, dort wird Futter für die Tiere produziert. Auch ein kleiner Weinberg ist im Besitz der Familie. Die Trauben bringen sie ein paar Orte weiter zur Genossenschaft.

Erstmal denkt Harsch nicht ans Aufhören. Er muss derzeit keine neuen Stallungen bauen und seiner Familie auch keinen festen Lohn zahlen, daher sind die Ausgaben für den Betrieb nicht allzu hoch. Sollte der Milchpreis allerdings bis Ende des Jahres nicht wieder steigen, muss sich Harsch umorientieren und anders wirtschaften. Seine Frau steigt dann vielleicht wieder in ihren eigentlichen Beruf als Erzieherin ein.

Weitere Beiträge zu: Landwirtschaft, Milchkrise, Milchbauern.

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