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Constantin Germann 68x68

Constantin Germann (16)
ist Schüler

Porträt Schwarzarbeiter
"Ich nehme niemandem was weg"

22.11.2016 |

Seit über 30 Jahren arbeitet Gregor hin und wieder schwarz auf dem Bau. Ein schlechtes Gewissen hat er nicht. Constantin (16) hat sich mit dem Maurermeister getroffen.

Zwei Maurer arbeiten auf einer Baustelle.

Etwa acht Millionen Menschen in Deutschland arbeiten hin und wieder schwarz - und lassen sich dabei eher nicht fotografieren. Diese beiden arbeiten offiziell auf einer Baustelle. – © picture alliance/ dpa

"Eigentlich helfe ich nur im Dorf und bei Bekannten aus, beziehungsweise arbeite ich nur bei denen schwarz", erzählt Gregor. Mit einem Kaffee in der Hand sitzt er am Küchentisch. Gregor ist Maurermeister und in diesem Jahr 50 Jahre alt geworden. Er lebt in einem kleinen Ort in Süddeutschland. Gregor heißt nicht Gregor, seinen richtigen Namen möchte er nicht nennen. Schließlich ist das, was er tut, illegal.

Bauen und isolieren

Auf seinem Balkon stehend zeigt Gregor, an welchen Häusern der Umgebung er immer wieder aushilft. Zum Beispiel hat er am Haus gegenüber einen 20 Quadratmeter großen Anbau angebracht und die Hinterwand des Hauses neu isoliert.

Bereits mit 17 Jahren hat Gregor eine Ausbildung gemacht. Heute ist er Maurermeister und Baustellenleiter in einem großen Bauunternehmen. Letztendlich, sagt er, könne er so gut wie jede Arbeit auf einer Baustelle ausüben. Nach Feierabend und an Wochenenden verdient er sich daher öfter etwas dazu. Das Geld gibt es cash auf die Hand, eben "schwarz".

Keine Steuern

Schwarzarbeit bedeutet: Arbeiten, ohne staatliche Abgaben abzuführen, also etwa Steuern, Kranken- oder Rentenversicherungsbeiträge. Oder Arbeiten, ohne dass der Auftragnehmer notwendige Voraussetzungen erfüllt, also etwa bestimmte Qualifikationen oder die Erlaubnis, ein Gewerbe zu betreiben – so steht es im Gesetz zur Bekämpfung der Schwarzarbeit und illegalen Beschäftigung.

Schwarzarbeit ist kein Kavaliersdelikt, sondern zumindest eine Ordnungswidrigkeit und wird bestraft. Oft kommt auch Steuerhinterziehung dazu, die ebenfalls strafbar ist. Aber nicht nur derjenige, der die Arbeit ausführt, kann dafür belangt werden, auch der Auftraggeber.

Einer von acht Millionen

Nach einer Studie des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung arbeiten rund 10,8 Prozent der Deutschen – zumindest hin und wieder mal – schwarz, das sind etwa acht Millionen Bürger. Nach Angaben des Zolls sind dem Staat allein im Jahr 2015 etwa 800 Millionen Euro Steuereinnahmen durch Schwarzarbeit durch die Lappen gegangen. Das ist viel Geld, mit dem zum Beispiel neue Straßen oder Schulen hätten gebaut werden können.

Das erste Mal schwarz gearbeitet hat Gregor mit 17 Jahren während seiner Ausbildung: "Damals hatte der Chef noch seine Privat-Kunden, zu denen ist er immer am Wochenende mit ein paar Mitarbeitern hin. Meine erste Schwarzarbeit waren Dachdeckerarbeiten. Am Ende des Monats war der zusätzliche Verdienst immer in meiner Lohntüte", erzählt er.

"Es war normal"

Jeder angestellte Handwerker in diesem Betrieb hätte immer frei entscheiden können, ob er mit auf die Baustelle wollte oder nicht. Auf die Frage, ob Gregor damals Angst oder ein schlechtes Gefühl hatte, schüttelt er entschieden den Kopf: "Es war das Normalste der Welt, samstags noch sein Taschengeld aufzubessern, ich wäre nie auf die Idee gekommen, von Schwarzarbeit zu reden."

Nach dem Abschluss seiner Ausbildung hat Gregor noch fünf Jahre im Lehrbetrieb weiter gearbeitet und sich dann kurze Zeit später mit einem Maurerbetrieb selbstständig gemacht. In dieser Zeit arbeitete Gregor wesentlich mehr schwarz: "Ich habe meistens mit dem Einverständnis meiner Kunden die offizielle Summe der Rechnung halbiert. Der Rest wurde mir dann bar ausgezahlt. Das war für mich gewinnbringend und für den Kunden billiger – da sagt eigentlich niemand nein".

Der Kunde wählt oft schwarz

Bei Selbständigen sei das Risiko, dass eine unkorrekte Rechnungen bemerkt wird, sehr gering. Denn letztendlich könnte man nur über die Materialkosten abschätzen, wie hoch der Arbeitsaufwand tatsächlich gewesen sein könnte. Und das Material würde auch oft schwarz verkauft, so Gregor. Damals hat Gregor zwischen 1000 und 1300 Euro im Monat unversteuert zusätzlich verdient.

Heute, ein paar Jahre nach seiner Selbstständigkeit, sind es noch gut 400 Euro, die monatlich dazu kommen. Schwarz verlangt Gregor 20 Euro pro Stunde: "Ein angemeldeter Handwerker eines Betriebes kostet etwa 50 Euro pro Stunde plus Mehrwertsteuer. Da ist klar, was der Kunde oft wählt. Es ist eine klassische Win-Win-Situation, denn dem angemeldeten Handwerker bleiben oft nicht mehr als 13 Euro übrig".

Keine Fremden

Für Fremdkunden zu arbeiten, riskiert Gregor allerdings nicht: "Die Gefahr, dass Kunden, die ich nicht kenne, ihren Freunden erzählen, dass sie jetzt jemanden schwarz beschäftigen und das dann weitersickert bis zu einem Beamten, ist mir zu groß. Menschen, zu denen ich wenigstens ein bisschen Bezug habe, sind da sensibler."

Auch in der Familie hilft Gregor immer wieder aus. Sei es Fliesenlegen bei der Schwiegermutter, Dachdecken bei seinem Bruder oder das Montieren der Garderobe bei seiner Schwägerin. "In der Familie ist das entweder ein niedriger oder gar kein Stundenlohn", sagt er zwinkernd.

Schlechtes Gewissen? Nein

Ein schlechtes Gewissen hat Gregor nicht. Auch zum Gesetzentwurf der Bundesregierung, in der sie davon spricht, dass die Schwarzarbeit den Wettbewerb kaputtmache und Bau-Unternehmen schädige, hält Gregor wenig. "Ich nehme niemandem irgendetwas weg, ich helfe einfach nur aus, ohne Abgaben zu zahlen".

Eigentlich, meint Gregor, solle die Bundesregierung lieber versuchen, das Handwerk zu unterstützen, zum Beispiel beim Nachwuchs. Laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks blieben 2016 etwa 20.000 Handwerksausbildungsplätze unbesetzt, viele Schulabgänger entscheiden sich für ein Studium und gegen eine Ausbildung. Außerdem würden Subunternehmen aus dem osteuropäischen Raum in Deutschland die Preise drücken, sagt Gregor.

"Was sollen wir machen?"

"Das Problem ist doch, dass deren Meisterbrief-Niveau wesentlich geringer ist als bei uns, sofern sie überhaupt einen haben. Die Qualität dieser Subunternehmen ist deutlich schlechter und von unseren Verdiensten können wir auch nur noch knapp leben. Deswegen hilft ja fast jeder meiner Kollegen ein wenig in der Nachbarschaft aus".

"Natürlich schädigt die Schwarzarbeit unseren Ruf, aber was sollen wir denn anderes machen? Letztendlich wird fast jeder angestellte Handwerker irgendwann einmal in die Schwarzarbeit gezwungen", sagt Gregor, trinkt seinen Kaffee aus und steht wieder auf, um weiterzuarbeiten.

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