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Der Autor

Max Schmidt 68x68

Max Schmidt (20)
studiert Soziologie und Ethik

Hintergrund
Im Tauschrausch

02.09.2015 |

Teilen und Tauschen sind angesagt wie nie seit das Geld erfunden wurde. Was steckt hinter der "Sharing Economy" und spart sie tatsächlich Ressourcen? Max hat sich nicht nur bei den Wissenschaftlichen Diensten des Bundestages schlau gemacht.

Eine Station mit Leihfahrrädern

Während das Teilen früher auf sozialen Kontakten basierte, ermöglichen heute Plattformen anonymes Teilen über alle Grenzen hinweg. – © picture alliance / JOKER

Hannah möchte in der Stadt noch kurz ein paar Besorgungen erledigen. Da ihr eigenes Fahrrad einen Platten hat, leiht sie sich eines der Stadträder, die an verschiedenen Stationen bereitstehen. Auf dem Rückweg bringt sie einem Bekannten ihren Ersatzschlüssel vorbei, der am Wochenende zwei Schweden in ihre Wohnung lässt. Die Studenten haben Hannahs Wohnung über eine Online-Plattform gemietet. So verdient sie sich etwas dazu, wenn sie Freunde in einer anderen Stadt besucht – hin kommt sie per Mitfahrgelegenheit.

Couch, Garten, Auto

Diese kurze Geschichte zeigt: Tauschen und Teilen sind so einfach wie nie zuvor. Zwar teilen Menschen schon seit tausenden von Jahren Güter, doch inzwischen gibt nicht nur eine neue Dynamik, sondern auch immer mehr kommerzielle Anbieter – vom Carsharing über Mitfahrzentralen, Couchsurfing bis hin zum Gartensharing. Sharing Economy heißt das Zauberwort – eine Entwicklung, der die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages eine Analyse gewidmet haben.

Was bedeutet Sharing Economy?

Mit Sharing Economy, auch Ko-Konsum oder Wirtschaft des Teilens genannt, ist ein Wirtschaftssystem gemeint, in dem Güter und Dienstleistungen gemeinschaftlich genutzt werden. Dies kann entweder durch Tauschen, Leihen, Mieten, Teilen oder Schenken passieren. Laut dem US-amerikanischen Ökonomen Jeremy Rifkin liegt der Reiz einer Sharing Economy vor allem darin, bestimmte Dinge nicht besitzen zu müssen, aber dann von ihnen Gebrauch machen zu können, wenn sie benötigt werden. Möglich macht dies ein Zusammenspiel von drei wichtigen Faktoren: zum einen die immer stärkere Vernetzung durch das Internet, zum anderen der allgemeine Bedeutungsverlust von Eigentum. Und auch der gemeinschaftsfördernde Gedanke spielt eine bedeutende Rolle.

Vom Konsum zum Ko-Konsum

Bereits in den 1980er Jahren hat der US-Ökonom Martin Weitzman von der Harvard University den Begriff Sharing Economy geprägt. Richtig Auftrieb bekommen hat der Ko-Konsum aber erst seit der US-Finanzkrise im Jahr 2007, als die Menschen neue Verhaltensweisen entwickeln mussten, um ihren damaligen Lebensstandard zu halten. Weitere Wurzeln der Sharing Economy liegen in der konsum- und wachstumskritischen Bewegung, die zu viel Eigentum für unnötig und belastend hält.

Geteiltes Gut ist doppelt gut

Durch den Ko-Konsum können vor allem zunächst einmal Ressourcen gespart werden. Wenn sich mehrere Personen ein Auto teilen, anstatt dass jeder ein eigenes Fahrzeug besitzt, spart das Rohstoffe – und bares Geld, ein weiterer Vorteil der Sharing Economy. Außerdem können bestehende Kapazitäten besser ausgelastet werden, wenn sich zum Beispiel mehrere Personen eine Bohrmaschine teilen, die jeweils nur selten genutzt wird. Für Unternehmen wird es außerdem attraktiver, langlebige Produkte zu entwickeln, damit sie möglichst oft vermietet werden können. Nicht zuletzt fördert eine Wirtschaft des Teilens auch den Austausch untereinander, da die Personen, die sich gegenseitig etwas ausleihen möchten, sich dafür in der Regel begegnen müssen.

Die Verabredungen erfolgen meistens über soziale Netzwerke wie Facebook, Online-Plattformen oder Tausch- und Schenkbörsen. Über die sozialen Medien können User auch die Zuverlässigkeit anderer User bewerten und es der Community so erleichtern, eine Entscheidung über einen möglichen Deal zu treffen.

Was wird alles geteilt?

Nahezu für jede Situation gibt es mittlerweile Tausch- und Teilkonzepte. Wer eine Mitfahrgelegenheit sucht, wird beispielsweise auf der gleichnamigen Website fündig. Soll es hingegen eine Hose aus zweiter Hand sein, lohnt sich ein Blick auf "Kleiderkreisel." Spielefans finden bei "Hitflip" Tauschbares, und Lebensmittel werden zum Beispiel über foodsharing.de geteilt. Wer in einer anderen Stadt nicht in einem Hotel übernachten möchte, kann das über "Airbnb" auch bei Einwohnern tun, die ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellen.

Teilen ist nicht gleich Teilen

Zunehmend wird an der Ökonomie des Teilens kritisiert, dass sie sich den Interessen großer Unternehmen beugt und es nicht mehr um das Teilen im sozialen Umfeld geht. Kritiker argumentieren, dass mehr und mehr Dinge nur noch gegen Geld geteilt werden. Auch für Nachbarschaftshilfe würde zunehmend Geld verlangt werden.

"Plattform-Kapitalismus"

Was bislang als Sharing Economy bezeichnet wurde, betitelte der Journalist Sascha Lobo in einer Kolumne auf Spiegel Online stattdessen als "Plattform-Kapitalismus". Ein Paradebeispiel dafür sieht er im taxiähnlichen Fahrdienst "Uber". So würden vor allem der Plattform-Betreiber profitieren, wenn eine Person eine andere kostenpflichtig an ihr Ziel fährt, da er bei jeder erfolgreichen Vermittlung Gebühren in Höhe von 20 Prozent des Fahrpreises erhalte.

Da durch Anbieter wie "Uber" quasi jede Person zu einem sogenannten Kleinstunternehmer werden kann, droht die Entstehung einer Schattenwirtschaft, die steuerlich nicht erfassbar ist, wie dem Papier der Wissenschaftlichen Dienste zu entnehmen ist. Befürchtet wird darüber hinaus, dass Arbeitsstandards und Rechtsvorschriften unterlaufen werden, wenn Plattformen Dienstleistungen wie eine Übernachtung vermitteln.

Alle Vorteile dahin?

Dass Tauschen und Teilen per se Ressourcen spart und damit die Umwelt schont, wird von einigen Wissenschaftlern ebenfalls bezweifelt. Wird das eingesparte Geld nämlich wieder für ressourcen- oder klimabelastende Produkte oder Dienstleistungen ausgegeben, beispielsweise für einen Flug in den Urlaub, dann hat die Umwelt wenig davon. Bei diesem sogenannten Rebound-Effekt würde sie nicht weniger, sondern nur auf eine andere Weise belastet werden – und ein großer Vorteil des Ko-Konsums ginge verloren. Diese Effekte und Probleme sind bislang kaum erforscht, schreiben auch die Wissenschaftlichen Dienste.

Wie geht es weiter mit der Sharing Economy?

Daten zur wirtschaftlichen Bedeutung der Sharing Economy gibt es kaum. Es ist beispielsweise nicht erforscht, ob die Wirtschaft des Teilens wirklich dafür sorgt, dass Ressourcen besser genutzt werden. Ebenso ist unklar, inwieweit Gegenstände oder Fahrzeuge, wie Hannahs Stadtrad, schneller ersetzt werden müssen, wenn sie öfter benutzt werden.

Gegen taxiähnliche Fahrdienste gibt es in manchen deutschen Städten bereits einstweilige Verfügungen. Und auch das Vermieten von privaten Wohnungen ist nur noch eingeschränkt möglich, weil manche der Wohnungen, die in den Portalen angeboten wurden, ausschließlich solchen Vermietungen dienen und dadurch Mietwohnungen verdrängen.

Laut Wissenschaftlichen Diensten sehen viele Akteure in Deutschland "Handlungsbedarf, bestehende Gesetze, Regelungen und Vorschriften anzupassen." Und zwar so, dass die Chancen der Sharing Economy für ein nachhaltiges Wirtschaften gefördert und gleichzeitig die Risiken für die Gesellschaft eingegrenzt werden.

Über die Wissenschaftlichen Dienste:

Die Wissenschaftlichen Dienste unterstützen die Abgeordneten bei ihrer politischen Arbeit in Parlament und Wahlkreis durch Fachinformationen, Analysen und gutachterliche Stellungnahmen. Die Wissenschaftlichen Dienste arbeiten ausschließlich für das Parlament. Daneben erstellen sie öffentliche Schriftenreihen wie der Aktuelle Begriff oder den Infobrief. Weitere Infos dazu findet ihr hier: Wissenschaftliche Dienste.

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