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Die Autorin

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Ines Küster (21)
studiert Stadt- und Regionalplanung

 
 

Forscherin
"Besitz ist nicht mehr so schick"

02.09.2015 |

Prof. Dr. Cordula Kropp teilt Lastenräder und Gästebetten. Als Professorin für partizipative Innovations- und Zukunftsforschung beschäftigt sie sich wissenschaftlich mit der Sharing Economy. Sie erklärt, warum Besitz in Teilen der Gesellschaft weniger schick ist.

Bild von Prof. Dr. Cordula Kropp

Innovationsforscherin Prof. Dr. Cordula Kropp ist überzeugt, dass sich die Sharing Economy in vielerlei Hinsicht ausbreiten wird. – © privat

Egal ob Werkzeug, Bücher oder Geschirr: Sich etwas zu leihen, ist doch eigentlich etwas ganz Selbstverständliches. Und Genossenschaften gibt es auch schon lange. Was ist überhaupt neu am Teilen?

Der Unterschied zu Genossenschaften beispielsweise, in denen ja auch geteilt wird, besteht darin, dass es dort ein formell festgelegtes Mitspracherecht gibt. Sharing Economy hat keine festen Strukturen, das kann ganz unterschiedlich gestaltet werden.

Und wann wird von einer Sharing Economy gesprochen?

Bisher hat das Teilen auf bestehenden sozialen Kontakten beruht. Aber jetzt gibt es Plattformen, die das Teilen auch darüber hinaus ermöglichen. Es ist nicht mehr lokal begrenzt und es ist auch anonym möglich. Die Anonymität ist nur dadurch begrenzt, dass man auf den Plattformen ein Profil anlegen muss und sich gegenseitig bewerten kann. Es geht nicht wie sonst in der Wirtschaft nur um Geld, sondern auch um Netzwerke und Vertrauen. Das soziale und kulturelle Kapital von Menschen und Gruppen spielt bei der Sharing Economy eine große Rolle.

Könnte eine Sharing Economy ein Zukunftsmodell sein? Was sind die Vorteile?

Die Idee ist, dass ich weniger besitzen muss, weil ich mehr teilen kann und so der Ressourcenverbrauch zurückgeht. Schon seit längerem gibt es beispielsweise das Carsharing, was dazu beitragen kann, dass weniger Autos den öffentlichen Raum in Anspruch nehmen.

Wenn ich Kosten einspare, weil ich Dinge mit anderen teile, gebe ich das Geld dann nicht anderweitig aus, sodass letztendlich gar keine Ressourcen gespart werden?

Ja, das ist der typische Rebound-Effekt. Es ist ganz klar, dass zum Beispiel durch Carsharing-Angebote auch Menschen mit dem Auto fahren, die sonst nur mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren würden. Es gibt gleichzeitig aber auch Leute, die ganz bewusst ein Auto teilen. Solche Angebote ermöglichen erst einen alternativen Lebensstil.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass je kleinräumiger und je lokaler eingebunden das Angebot ist, desto weniger führt es zu zusätzlichem Konsum. Ein Beispiel dafür ist das Nachbarschaftsnetzwerk in Berlin "Wir Nachbarn". Da geht es zum einen darum, sich lokal zu vernetzen, zum anderen darum, alles Mögliche tauschen zu können, vom Einkochtopf bis hin zu Nachhilfestunden. Dadurch werden auch Bedarfe gedeckt, die aktuell auf dem freien Markt und durch den Staat nicht erfüllt werden. Nachhilfe ist ein gutes Beispiel. Die Kinder von Akademikern haben viel bessere Chancen, weil ihre Eltern ihnen Nachhilfe finanzieren können, wenn es mal nicht so gut läuft. Andere Eltern würden das vielleicht auch gerne tun, können sich das aber nicht jahrelang leisten. Da sind Tauschnetzwerke eine gute Möglichkeit.

Das Unternehmen Uber, das private Mitfahrgelegenheit per App organisiert, und die Wohnungsbörse Airbnb, über die Privatpersonen Zimmer und Wohnungen untervermieten können, haben Schätzungen zufolge einen Marktwert von mehreren Milliarden Dollar. Profitieren Unternehmen viel mehr von der Sharing Economy als die Einzelpersonen oder die Gesellschaft?

Das kann man nicht nur schwarz oder weiß sehen. Für viele sind diese Angebote ein Befreiungsschlag. Es geht bei Airbnb um mehr als nur eine Unterkunft. Ich kann das Leben in einem anderen Land viel besser kennenlernen, als wenn ich in einem Hotel übernachte. Aber bei diesen Unternehmen ist es wichtig, dass der Staat und damit die Gesellschaft durch Steuern daran mitverdient.

Wie sehen Sie denn die Zukunft der Sharing Economy?

Bisher hat Besitz sehr viel mit Status und sozialer Anerkennung zu tun. Das ändert sich aber langsam. Zumindest in Großstädten ist in bestimmten Kreisen Besitz gar nicht mehr so schick und man muss sich für ein großes Auto sogar rechtfertigen. Aber das ist längst noch nicht in der ganzen Gesellschaft der Fall. Ich bin mir sicher, dass sich die Sharing Economy in vielerlei Hinsicht ausbreiten wird. Wir beobachten in Deutschland ein Auseinanderklaffen von Räumen. Auf der einen Seite die boomenden Städte, in denen immer mehr kommerzialisiert wird. Auf der anderen Seite schrumpfende Regionen, in denen Tauschnetzwerke viel Potenzial haben. Aber ich hoffe sehr, dass wir es schaffen, das miteinander zu vereinbaren.

Über Prof. Dr. Cordula Kropp:

Cordula Kropp ist Professorin für partizipative Innovations- und Zukunftsforschung an der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule München. Zu ihren Schwerpunkten gehört unter anderem die Forschung über zukunftsorientierte Transformationsprozesse.