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Die Autorin

Ein braunhaariges Mädchen hält die Hände am Kopf und lächelt

Anne Juliane Wirth (25)
studiert Politikwissenschaft


Bitcoin & Co.
Cash für Nerds

10.11.2015 |

Sie sind anonym, gebührenfrei, schnell verfügbar: Kryptowährungen könnten das Bezahlen revolutionieren. Wie genau solche Transaktionen funktionieren und wo das berüchtigte Haar in der Suppe lauert, erklärt mitmischen-Autorin Anne Juliane.

Jemand scannt mit einem Smartphone einen QR-Code an einem Bitcoin-Automat.

Ein Geldautomat für digitale Währungen? Dieser ATM spuckt Bitcoins als QR-Codes zum Einscannen aus. – © picture alliance/dpa

So federleicht war Theos Portemonnaie noch nie: Lediglich seinen Personalausweis und das Bild seiner Freundin transportiert er darin mit sich. Münzen und Scheine hat er nicht dabei. Und trotzdem sitzt der Informatikstudent in einem Berliner Café und lässt sich Limo und einen Snack schmecken. Nachdem der letzte Krümel von seinem Teller verschwunden ist, will Theo zahlen. "Bitte die Rechnung als QR-Code aufs Handy, Bitcoin statt Euro", nickt er dem Kellner zu.

Geld aus dem Computer

Theos Stammlokal ist seiner Zeit voraus. Denn hier wird mit Bitcoin, einer sogenannten Kryptowährung, bezahlt. Und das steckt dahinter: Dieses besondere Geldsystem baut auf kryptografischen Prinzipien auf. Kryptografie ist die Wissenschaft der Verschlüsselung und Informationssicherheit. Ihr mathematisches Ziel ist es, immer bessere, raffiniertere und "unknackbare" Verschlüsselungsverfahren zu entwickeln. Und genau die sichern nicht nur den Zahlungsvorgang selbst, sondern erzeugen auch jedes einzelne Bitcoin. Übersetzt: Kryptowährung entsteht nicht durch Druckerpressen, sondern durch die Rechenleistung von Computern.

Gewaltige Rechenleistung notwendig

Beim Lieferdienst bestellen, Fahrrad kaufen, Bücher ordern und sogar eine Weltreise machen: Heute lässt sich das alles mit Kryptowährung erledigen. Die kann – genau wie Euro oder Dollar – gehandelt und überwiesen werden.

Verschiedene Aspekte unterscheiden eine Kryptowährung von herkömmlichen Geldarten: So können an der Geldschöpfung nur Personen mitmachen, die einen Computer mit der notwendigen Rechenleistung besitzen und die die notwendige Software installiert haben. Mittels Pseudonymen werden Benutzeridentitäten verschleiert, sodass Transaktionen vergleichsweise anonym erfolgen. Zudem schätzen Befürworter vor allem den nahezu gebührenfreien, weltweiten und besonders schnellen Guthabentransfer: Die Bestätigung einer Transaktion bei Bitcoin dauert aktuell knapp zehn Minuten.

Wert ist gleich Vertrauen

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal: Im "normalen" Geldschöpfungsprozess übernimmt die Notenbank eine zentrale Rolle. Ihre Aufgabe ist unter anderem die Herausgabe der Banknoten. Wie viel Geld sie in Umlauf bringt, hängt von der Wertschöpfung der betreffenden Volkswirtschaft ab. Der geschaffenen Geldmenge stehen also produzierte Waren und Dienstleistungen gegenüber – und damit reale Werte. Und ob die Geldmenge, die eine Notenbank ausgibt, von der Wertschöpfung gedeckt wird, ist eine andere Frage. Letztendlich basiert der Geldwert darauf, dass wir daran glauben – also auf Vertrauen. Dass das Vertrauen in das konventionelle Finanzsystem allerdings keineswegs unerschütterlich ist, hat die Finanzkrise von 2008 gezeigt, mit der wir noch immer zu kämpfen haben.

Digitale Goldsuche

Auch Kryptowährungen beruhen auf Vertrauen – beispielsweise darauf, dass der Besitzer eines Bitcoin dafür eine Ware erwerben kann. Theo vertraut darauf, dass der Kellner im Café ihm für seine Bitcoins etwas zu essen und zu trinken gibt. Der wiederum glaubt ebenfalls an den Wert der digitalen Währung – sonst würde das System nicht funktionieren. Mit "realen" Werten hingegen haben Bitcoins nichts zu tun und dahinter steht auch keine Notenbank, sondern die Währung wird dezentral von Teilnehmern geschöpft. Hierfür müssen diese auf ihren Computern bestimmte komplexe mathematische Aufgaben lösen.

Vergleichbar ist das mit der Suche nach Gold, nur mit digitalen Mitteln. Deshalb nennt sich der Prozess auch "Mining", also Bergbau. Und mit den Bitcoins ist es wie mit echtem Gold: Das hat auch nur einen Wert, weil wir ihm einen zubilligen – und sich alle Menschen darauf geeinigt haben, dass es den tatsächlich hat. Das Krypto-Zahlungsmittel ist wertvoll geworden, weil es von vielen Privatpersonen und Händlern akzeptiert wurde. Klingt kompliziert? Ist es auch.

Bitcoin: Der Promi unter den Kryptowährungen

Von wegen Vertrauen in den Wert: Nicht nur Theos Lieblingslokal, sondern immer mehr Onlineshops, Webdienste und Organisationen setzen auf digitale Währungen. Mithilfe der Website Coinmap.org kann man sogar gezielt Städte nach Geschäften absuchen, die ihren Gästen diese Zahlmethode zur Verfügung stellen.

Theo zahlte seinen Snack mit Bitcoin (kurz: BTC). Diese wohl bekannteste Kryptowährung ist bereits im Jahr 2009 entstanden. Eine unbekannte Person oder Gruppe mit dem Decknamen Satoshi Nakamoto gilt als ihr Initiator. Der Name der neuen Währung setzt sich aus den englischen Wörtern Bit und Coin zusammen. Sinngemäß bedeutet der Begriff so viel wie "digitale Münze". Ein Bitcoin ist also nichts zum Anfassen, sondern ein kryptografischer Schlüssel. Der komplizierte Algorithmus, mit dem die Geldeinheit auf dem Rechner erschaffen wird, sorgt dafür, dass maximal 21 Millionen Bitcoin produziert werden können. Damit ist die Geldmenge kalkulierbar, sie kann nicht einfach endlos vermehrt werden. Befürworter loben deshalb den "Inflationsschutz".

Plötzlich Millionär – dank Bitcoin

Für lange Zeit blieb BTC eher unentdeckt und wurde in nur einem kleinen Maß von Digital-Enthusiasten genutzt. Übrigens: Die ersten Produkte, die mit Bitcoin bezahlt wurden, waren Pizzen und Alpaka-Socken.

Ab 2013 sorgte BTC dann für reichlich Schlagzeilen: Geschichten von einem norwegischen Studenten, der einst für wenig Geld Bitcoins erstanden hatte und bald darauf eine teure Wohnung in Oslo davon kaufen konnte, machten die Runde. Ebenso wie Gerüchte von gestandenen Männern, die Müllkippen auseinandernahmen, um ihre Bitcoin-Festplatten zu finden, die sie einst achtlos entsorgt hatten.

Die Familie wächst

Börsianern entlockt Bitcoin dagegen nicht nur Euphorie. Schuld daran ist die stetige Berg- und Talfahrt des Wechselkurses. Von ursprünglich mehr als 1.000 US-Dollar im Dezember 2013 sank der Kurs zwischenzeitlich auf einen Tiefstand von rund 150 US-Dollar. Danach gab es wieder einen deutlichen Kursauftrieb. Jetzt, Anfang November 2015, ist 1 Bitcoin etwa 370 US-Dollar beziehungsweise rund 345 Euro wert.

Neben Bitcoin gibt es eine Reihe anderer Kryptowährungen, mit denen Nutzer im Internet bezahlen können. Litecoin ist der "kleine Bruder" von BTC. Einer der wesentlichen Unterschiede ist, dass seine Übertragungsgeschwindigkeit bei Transaktionen höher ist. Dogecoin gilt als die soziale Alternative, die vor allem für Spendenzwecke eingesetzt wird. Ebenso bekannt sind Peercoin, Ripple und NXT. Doch damit nicht genug: Experten schätzen, dass sich mittlerweile mehr als 100 verschiedene virtuelle Zahlungsmittel im Umlauf befinden.

Zukunft ungewiss

Doch wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten: Es dauerte nicht lang, bis die Schwächen der digitalen Währung deutlich wurden. Diverse kriminelle Vorkommnisse haben ihr schwer zu schaffen gemacht. So wurde der Bitcoin-Marktplatz Bitstamp Anfang des Jahres zum Ziel eines Hackerangriffs, bei dem 19.000 Bitcoins im Wert von über 4 Millionen Euro geklaut wurden.

Auch dass Nutzer ihre Identitäten mit Pseudonymen verschleiern dürfen, spielt kriminellen Aktivitäten in die Hände. So basiert ein Teil des Erfolgs der Kryptowährungen auf illegalen Machenschaften, denen die Anonymität im System entgegenkommt, das sich deshalb prima zum Geldwaschen eignet – etwa im Drogenhandel. Prominentestes Beispiel: Der Gründer der mittlerweile von den Behörden stillgelegten Drogenbörse "Silk Road" verdiente Bitcoins im Wert von umgerechnet 15,8 Millionen Euro.

Vom Hype zum Mainstream ist es ein langer Weg. Erst die nächsten Jahre werden zeigen, ob sich virtuelle Währungen auf Dauer etablieren können – und wir alle bald zum Bezahlen QR-Codes abscannen. Oder ob es sich bei Bitcoin und Co. eben nur um einen vorübergehenden Trend unseres schnelllebigen digitalen Zeitalters gehandelt hat.

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