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Der Autor

Max Schmidt 68x68

Max Schmidt (20)
studiert Soziologie und Ethik

Modeprofessorin
"Lohn erhöhen reicht nicht"

14.06.2016 |

Sie war selbst in Textilfabriken in Bangladesch und hat beobachtet, wie es dort zugeht: Modeprofessorin Heike Selmer von der Kunsthochschule in Weißensee erzählt uns im Interview, wie wir uns nachhaltiger anziehen können und worauf die Designer der Zukunft achten.

Heike Selmer, Profesorin für Modedesign an der weißensee kunsthochschule berlin

Heike Selmer, Professorin für Modedesign, fördert den Austausch zwischen jungen Modedesignern hier und in Bangladesch. – © privat

Frau Selmer, kann Mode überhaupt nachhaltig sein?

Nachhaltigkeit ist ein sehr weiter Begriff, zu dem wir mit unserer Arbeit immer wieder Antworten suchen und Vorschläge machen. Mode kann aber auf jeden Fall deutlich nachhaltiger sein, als sie es gerade ist.

Welcher Stoff ist am umweltverträglichsten?

Im Allgemeinen ein ungefärbter Stoff, dessen Fasern biologisch angebaut wurden. Mittlerweile gibt es Fasern, die aus Zelluloseabfällen bestehen und in energetisch optimierten Fabriken, die ihren eigenen Strom erzeugen, in geschlossenen Kreisläufen gefärbt und hergestellt werden. Man kann nicht pauschal sagen, dass Naturfasern nachhaltiger sind. Sie haben aber beispielsweise den Vorteil, dass sie leichter zu kompostieren sind. Noch nachhaltiger ist etwas, das nicht weggeworfen wurde, sondern repariert und dadurch ein neues Leben bekommen hat.

Woran kann ich beim Kauf von Kleidung erkennen, dass sie aus nachhaltiger Produktion stammt?

Das kann man nicht erkennen, sondern sich nur bei den Herstellern informieren: von wem, wo und auf welche Art sie produziert wurde. Mittlerweile gibt es natürlich Labels, die sich um Transparenz bemühen. Generell ist es schon nachhaltig, wenn man als Konsument weniger und dafür bessere Qualität kauft, die länger hält und damit nicht den Fast-Fashion-Markt antreibt.

Wie kann es sein, dass die Menschen nach wie vor Klamotten kaufen, die unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt werden?

Zumindest in Deutschland ist es so, dass sich die Konsumenten weiterhin von billigen Preisen verlocken lassen, nicht nur bei der Kleidung. Wenn die Konsumenten die Wahl haben zwischen einem ökologischen Angebot und einem aus herkömmlicher Produktion, dann entscheiden sie sich sehr schnell für die preiswertere Version.

Vielleicht ist es auch so, dass man jedes Mal eine Ausnahme macht und sich denkt, beim nächsten Mal weiser zu entscheiden. Vielleicht muss man auch schon an ganz anderer Stelle ermöglichen, dass ökologische Sachen preiswerter sind oder dass es die ganz billigen Alternativen nicht weiter gibt. In der Zigarettenindustrie und anderen Bereichen sind klare Warnhinweise ja auch schon vorgeschrieben.

Sie waren selbst kürzlich erst in Bangladesch. Wie sehen die Produktionsbedingungen heute vor Ort aus?

Wir wurden in zwei große Fabriken eingeladen, wo auch bekannte Marken produzieren lassen. Wir haben hochpreisige Marken gesehen, von denen wir nicht gedacht hätten, dass sie in Bangladesch produzieren. Dort ist die Textilindustrie so gut entwickelt, dass sie innerhalb kürzester Zeit alles in bester Qualität herstellen lassen können – nur nicht unter den besten sozialen Bedingungen.

In den Fabriken, die wir gesehen haben, war die Qualität der Produktion hervorragend. Wir waren in Hallen, in denen schätzungsweise 2.000 Menschen gearbeitet haben. Es gab Fabriken, in denen die ganze Infrastruktur mit Schulen, Kindergärten und Ärzten vorhanden war. Wir haben auch gelernt, dass es nicht reicht, nur den Lohn zu erhöhen, weil dann einfach Vermieter im Umfeld der Fabriken die Miete mit erhöhen. Was die Leute brauchen sind Schulen, Gewerkschaften, medizinische Versorgung. Wenn man weiß, dass ein überdurchschnittlicher Monatslohn bei 70 Euro liegt, dann muss man nichts weiter erklären.

Sie selbst haben sich für das Projekt "local-international" der Universität der Künste Berlin und der "weißensee kunsthochschule berlin" intensiv mit Bangladesch auseinandergesetzt. Wie sieht das Projekt genau aus?

"local-international" ist eine Kooperation des Goethe-Instituts Bangladesch, der Universität der Künste Berlin und der "weißensee kunsthochschule berlin". Die Idee des Projekts war ein Austausch auf gleicher Augenhöhe von Modedesignerinnen und Modedesignern aus Bangladesch und Berlin. Gemeinsam mit Prof. Valeska Schmidt-Thomsen von der Universität der Künste Berlin fuhr ich 2014 zum ersten Mal nach Bangladesch. Wir haben vor Ort Fabriken, Nichtregierungsorganisationen und Universitäten besucht, an denen man Modedesign studieren kann.

Was haben Sie bei Ihrem Besuch für Anregungen für Ihr Projekt mitgenommen?

Bei diesem ersten Besuch fiel uns auf, dass Studierenden auf beiden Seiten ein Blick über den Tellerrand fehlt, was eine Zusammenarbeit mit größeren Firmen angeht, aber auch das Wissen über nachhaltige Produktion. Wir wollten ein Bewusstsein schaffen für die Verantwortung, die wir als Designer tragen. Wir entscheiden ja, aus welchem Material ein Objekt gemacht wird, wer es produziert und nutzt und was danach passiert: ist es reparierbar oder kann man es recyceln?

Wie kann "local-international" langfristig die Situation in Bangladesch beeinflussen?

Wir haben schon einige Designer und Desgnerinnen vor Ort inspiriert, das Thema Nachhaltigkeit mit mehr Selbstbewusstsein in die Öffentlichkeit zu tragen. Wenn unsere ehemaligen Teilnehmenden auf das Thema Nachhaltigkeit angesprochen werden, sind sie nun mit starken Argumenten ausgestattet. Auch die Industrie hat Interesse an unseren bangladeschischen Teilnehmenden. Einige unserer Teilnehmer aus Berlin haben im Nachhinein teilweise sogar keine Mode mehr produziert, sondern soziale Mode-Projekte ins Leben gerufen.

Als Modeprofessorin bilden Sie ja die Modedesigner der Zukunft aus. Welchen Stellenwert haben die Entstehungsbedingungen von Materialien in der Lehre und später in der Praxis der Modestudierenden?

Das sind Schwerpunkte, die jeder individuell setzen muss. Wir vermitteln an allererster Stelle Design. Mit unserem Projekt setzen wir aber einen solchen Schwerpunkt und geben den Studierenden die Möglichkeit, eine eigene Meinung zu bilden.

Über Prof. Heike Selmer:

Nach mehreren Stationen als Designerin bei namhaften Marken lehrte Heike Selmer ab 2003 Interdisziplinäre Mode- und Textilprojekte an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main, wo sie 2006 als Gastprofessorin lehrte. Ebenfalls 2006 wurde sie zur Professorin für Mode-Design an die "weißensee kunsthochschule berlin" berufen. Zudem ist Prof. Heike Selmer Gründungsmitglied von greenlab, dem Labor für nachhaltige Designstrategien und Mitglied des Projektbeirats des Bundespreises Ecodesign.

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