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Stipendiatin 2017
Clara, 21, Minnesota

12.12.2017 |

Clara ist Schneiderin und durch Zufall auf das Bundestags-Stipendium für die USA gestoßen. Von dort aus bekommt sie einen ganz anderen Blickwinkel auf ihr Schaffen und macht sich besonders über die Bildungssysteme in Deuschtland und den Staaten Gedanken.

Ausbildung oder Studium?

Hier hat Clara das letzte Semester studiert: an der St. Cloud State University. – © privat

Clara war letztes Jahr vier Wochen lang für ein Praktikum in Italien und hat dort in einem Betrieb in Venedig gearbeitet. Sie ist der Meinung, dass vielen Studienangeboten die Praxisnähe fehlt. – © privat

In den letzten vier Monaten habe ich in St. Cloud, Minnesota, die Universität besucht und einiges über Bildungssysteme gelernt. Am meisten habe ich aber verstanden, wie gut unser deutsches Bildungssystem ist – trotz kleiner Schwächen.

In Deutschland war ich Schülerin an einem Gymnasium und habe mich nach meinem bestandenen Abitur für eine Ausbildung zur Damenmaßschneiderin entschieden. Ich hatte gemerkt, dass ich besser lernen kann, wenn ich praktisch arbeite. Dadurch begreife ich besser, was ich tun muss, und ich kann meine Fehler leichter selbst erkennen. Mein Studium in St. Cloud zeigt mir jetzt, dass ich durchaus auch theoretisch arbeiten kann und das gerne mache.

Abitur vergeudet?

Wir haben in Deutschland ein sehr umfangreiches und breit gefächertes Bildungssystem und nach dem Schulabschluss die Möglichkeit, eine Ausbildung oder ein Studium zu beginnen. Es gibt Berufe, wie zum Beispiel das Schneiderhandwerk, die nur durch eine Ausbildung zu erlernen sind, weil von Anfang an Praxiserfahrung gesammelt werden muss.

Ich bin überzeugt, dass in vielen Studiengängen zu wenig praxisorientiert gearbeitet wird und dass in manchen Ausbildungsbetrieben dafür die intellektuelle Herausforderung fehlt. Das kommt meiner Meinung nach daher, dass in unserer Gesellschaft nach wie vor akademische Berufe ein höheres Prestige haben, als Berufe im handwerklichen Bereich. Man braucht einen höheren Abschluss, um studieren zu dürfen – was leider dazu führt, dass bei Auszubildenden geschlussfolgert wird, sie hätten einen "schlechteren" Abschluss und seien somit weniger klug. Damit wurde ich als Abiturientin das eine oder andere Mal schon konfrontiert. Leider auch mit der Meinung, dass ich mein Abitur vergeudet hätte.

Von allem ein bisschen

Leider gibt es in den USA keine Vielfalt an Ausbildungsmöglichkeiten wie bei uns. Wer hier Kostümschneiderin werden möchte, so wie ich, kann nur zwischen keiner und einer akademischen Ausbildung wählen. Das wurde mir durch viele Gespräche mit meiner Lehrerin im "Theater Department" bewusst. Um in den USA einen Beruf am Theater ergreifen zu können, zum Beispiel als Kostümschneiderin, müsste ich zunächst und ganz generell als Hauptfach "Theater" wählen und Fächer in diesem Bereich belegen. Das heißt, ich müsste eine Vielfalt an Kursen belegen, wie "Einführung ins Theater", in Schauspiel und Regie, in Nähpraxis und sehr reduziert in Kostümdesign. Im Laufe der drei Studienjahre würde ich sie alle durchlaufen, vieles kennen lernen – aber nichts davon wirklich intensiv.

Nach diesem Universitätsabschluss wäre ich Generalistin. Erst jetzt könnte ich mich spezialisieren, indem ich mich in Theaterwerkstätten bewerbe und versuche eine Stelle als Näherin zu ergattern. Was mir in diesem Ausbildungsweg fehlt, ist der Erwerb breiter schneidertechnischer Kenntnisse und Fähigkeiten, welche ich im Betrieb und in der Berufsschule in Deutschland eben gelernt habe.

Unterschiedliche Bildungssysteme

Ich denke, es gibt immer etwas, worüber man sich beschweren kann. Das ist immer leichter, als die guten Dinge an einer Sache zu betonen. Früher habe ich mich zum Beispiel gerne über das deutsche Schulsystem beschwert. Ich fand es nicht okay, dass meinem Jahrgang zuerst die Orientierungsstufe und dann auch noch ein Jahr der Oberstufe gestrichen wurden. Ich finde es auch nach wie vor nicht gut, dass nach der vierten Klasse sortiert wird und es nicht einfach Gesamtschulen gibt.

Aber es gibt auch einen großen Punkt, den man bei dem ganzen Meckern nicht vergessen darf: Deutsche Bildung ist weitestgehend kostenfrei. Und das ist nicht in jedem Land so.

Andere Erwartungen

Auf dem Vorbereitungsseminar für unser Austausch-Jahr haben wir unsere deutsche Geschichte wiederholt. Wir sollen Bescheid wissen, falls Fragen zur deutschen Vergangenheit kommen. Ich denke, auch deshalb habe ich mich innerlich mehr auf unangenehme Fragen zum dritten Reich eingestellt, als darauf von vielen zu hören, dass Deutschland ein super Land ist.

Das bekomme ich hier besonders dann zu hören, wenn ich mich mit anderen Studenten darüber unterhalte, was man in Amerika alles zahlen muss, um studieren zu können. Und auch durch Gespräche mit meiner Gastfamilie wird mir langsam klarer, in welch luxuriöser Position wir Deutschen uns befinden.

Money makes the world go round

… in meinem Fall gerade die Welt der Studierenden. Eine der Personengruppen in unserer Gesellschaft, die selten eigenes Kapital hat, um ihr Leben zu finanzieren. Dass ein Studium in den USA viel kostet, war mir vor meiner Ausreise schon klar – wie viel genau, war mir aber nicht bewusst. Auf dem Vorbereitungsseminar der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) wurde uns gesagt, dass ein Credit, also ein Leistungspunkt während des Studiums, in den USA im Durchschnitt 300 Dollar kostet. Die verschiedenen Fächer sind unterschiedlich viele Credits wert. Insgesamt kostet es 5.200 Dollar, mich hier für ein Semester studieren zu lassen. In meinem Fall ist das durch das Parlamentarische Patenschaftsprogramm gedeckt.

Dazu muss ich sagen, dass ein normaler Student, der einen Abschluss anstrebt, natürlich länger als ein Semester studiert. Dazu kommen Kosten für ein Zimmer oder ein Apartment und man darf den Preis von Büchern und Co. nicht unterschätzen.

Finanzierung

Deswegen streben hier viele ein Stipendium an, das ihnen das Studieren ermöglichen soll. Mein Gastbruder hat sich bei der amerikanischen Luftwaffe verpflichtet um in Minneapolis an der Uni "Engineering", Ingenieurwissenschaften, studieren zu können. Das heißt, die Luftwaffe finanziert das Studium und dafür muss er danach vier Jahre dienen.

Auslandsstudium in Deutschland

Einige Studenten, die ich kennengelernt habe, wollen gerne noch in Deutschland studieren. Sie haben von unserer Demokratie, unserem Essen und unseren schönen Städten gehört. Aber vor allem wissen sie auch, dass man bei uns günstig studieren kann. Ich denke, das ist etwas, was wir uns erhalten sollten – eine der wichtigsten Ressourcen unseres Landes, die Bildung, für möglichst jeden zugänglich zu halten.

Ich setze mein Kreuz!

Für Clara ist es selbstverständlich, dass sie wählt. Auch aus den USA! – © privat

Wer erinnert sich nicht an den amerikanischen Wahlkampf? Ich denke, die Wahl Donald Trumps hat Deutschland fast so bewegt, als wäre es in unserem eigenen Land passiert. Zu der Zeit wurde in jeder Tagesschau darüber berichtet. Jeden Abend konnte man von einem neuen Vorfall rund um die Kandidaten in Amerika hören. Und wenn wir ehrlich sind, ist das auch immer noch so. Es kam mir vor einem Jahr fast so vor, als würde dieser Wahlkampf vor meiner Tür ausgetragen.

Kaum jemand kennt Angela Merkel

Gerade deswegen war ich sehr neugierig, wie ich den deutschen Wahlkampf hier in Amerika wahrnehmen würde. Und ich bin überrascht, weil die Wahlen für die meisten, die ich hier treffe, kein Thema sind. Die wenigsten wissen, dass unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel heißt. Das fällt mir besonders auf, weil ich selbst Merkel mit Nachnamen heiße und hier, im Gegensatz zu Deutschland, nicht darauf angesprochen werde. Anstatt meinen Namen zu nennen, reichte es zu sagen: "Wie die Kanzlerin halt." Das funktioniert hier nicht. Da bekommt man nur fragende Blicke.

Und das wundert mich. Viele sind begeistert von Deutschland, von dem Bildungssystem, unserer Sozialversicherung und vielem mehr. Aber ich habe das Gefühl, dass sich keiner wirklich Gedanken darüber macht, wie das politisch zustande kommt und wie sich das vielleicht verändern wird, je nachdem, wer in den Bundestag einzieht.

News, News, News

Ich muss zugeben, so viele amerikanische Nachrichtensendungen schaue ich nicht. In meiner Gastfamilie ist der Fernseher die meiste Zeit ausgeschaltet. Wenn ich dann aber mal welche sehe, warte ich darauf, etwas zum deutschen Wahlkampf zu hören. Aber es kommt nichts. Jeder Tweet von Trump wird kommentiert und auseinandergenommen, die Hurrikans von Texas und Florida besprochen und um etwas zum Ausland zu sagen, wird vielleicht noch der Konflikt mit Nordkorea erwähnt – so mein Eindruck.

Wichtig ist im Moment nur, was Amerika direkt betrifft, und da gehört die Wahl eines Kanzlers in Deutschland anscheinend nicht dazu. Ich möchte aber keine Vermutungen anstellen, woran das liegen könnte, dafür bin ich noch nicht lange genug in diesem Land.

Geht wählen!

Aber ich bin froh, dass ich die Mediatheken der verschiedenen deutschen Nachrichtensender auch hier abrufen kann und so ein wenig mitbekomme, wie sich unsere Spitzenkandidaten in den verschiedensten Talkshows gegenseitig ins Wort fallen.

Ich habe mein Kreuz bereits gemacht – und der Brief ist auf dem Weg nach Deutschland. Es bedeutet mir viel, das Privileg, wählen gehen zu dürfen. Und ich nehme die Möglichkeit natürlich auch wahr! Ich bin gespannt, was bei den Wahlen dieses Jahr herauskommt. Wie sich das neue Parlament zusammensetzt und wie es sich ausrichtet.

Es geht los!

Clara mit ihrem Paten des Parlamentarischen Patenschafts-Programms, dem CDU-Abgeordneten Thomas Viesehon, ein paar Wochen vor ihrer Abreise. – © privat

Ich war bisher zwei Mal im Deutschen Bundestag. Das erste Mal ist jetzt sechs Jahre her und im Rahmen einer Klassenfahrt geschehen. Das zweite Mal war erst in diesem Juni. Möglich gemacht hat das mein Pate des Parlamentarischen Patenschafts-Programms (PPP), der CDU-Abgeordnete Thomas Viesehon.

Wer bin Ich?

Ich heiße Clara und bin 21 Jahre alt. Ich bin in der wunderbaren Stadt Göttingen aufgewachsen – und zwar recht unpolitisch. Eigentlich habe ich auch immer gesagt, dass mich Politik nicht interessiert. Das war ungefähr zu der Zeit, in der ich auf Klassenfahrt in Berlin war und lieber die tolle Architektur des Bundestages bestaunt habe, als das, was alles darin passiert. Mittlerweile bestaune ich auch das Geschehen im dortigen Plenarsaal und lasse mir gerne erklären, was unsere Politiker leisten.

In den letzten drei Jahren habe ich eine Ausbildung zur Schneiderin am Staatstheater Kassel absolviert. Auf das Stipendienprogramm bin ich dank des sogenannten Mobilitätsberaters der Handwerkskammer Kassel gestoßen. Schon während meiner Ausbildung hatte ich Lust, für einige Zeit in einem anderen Betrieb zu arbeiten und habe mich an die Handwerkskammer gewandt. Sie vermittelte mich an einen wunderbaren Betrieb in Venedig und ich kam auf den Geschmack, meinen Beruf in einem anderen Land zu erleben. Herr Werner von der Handwerkskammer drückte mir dann irgendwann den Flyer des PPP in die Hand – mit dem klaren Auftrag, mich zu bewerben.

Zuerst dachte ich mir: "Schaden tut‘s nicht!", dann, "Bei einem politischen Programm hab ich doch eh keine Chance!" Aber der erste Gedanke hat gesiegt und ich bin sehr froh, dass ich nun Teil dieses Programms sein darf.

Was ist das eigentlich, dieses Programm?

Das Parlamentarische Patenschafts-Programm ist eine Zusammenarbeit zwischen Deutschland und den USA. Der amerikanische Kongress und der Bundestag vergeben Stipendien, um deutschen und amerikanischen Schülern sowie jungen Berufstätigen einen Aufenthalt im jeweils anderen Land zu ermöglichen.

Nimmt man – so wie ich – als junge Berufstätige teil, stehen einem ein Semester Studium an einem College und ein halbes Jahr Arbeite bevor. Es geht zunächst darum, das amerikanische Bildungssystem und danach den Arbeitsmarkt kennenzulernen.

Reisevorbereitungen

Bald geht es los: In meinem Zimmer liegen die Kleiderstapel und warten darauf, endlich in den Koffer gepackt zu werden. Der erste Kontakt, den ich zu der Gastfamilie hatte, bei der ich unterkomme, war sehr positiv und ich werde immer ungeduldiger, weil ich endlich alle kennenlernen möchte.

Auf meiner Packliste stehen Dinge wie: Zuschneideschere, Geduld, Nähnadeln, Offenheit und Neugierde, genug T-Shirts, Tops und Hosen. Fest vorgenommen habe ich mir, das kommende Jahr zu genießen, Erfahrungen zu sammeln und innerlich festzuhalten. Und darüber möchte ich euch hier berichten.

Also bis bald,

Eure Clara

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