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Die Autorin

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Mila Corlateanu (24)
Journalistin bei der Frankophonen Presse Moldau

Was keine Maschine schafft

21.06.2013 |

Seit zehn Jahren geht Christoph Weemeyer entlang der Regierungsbank im Plenarsaal des Bundestages zu seinem Sitzplatz, direkt vor dem Plenum. Mit Block und Bleistift ausgerüstet schreibt er jedes Wort auf, das im Parlament gesprochen wird. Er ist Stenograf im Deutschen Bundestag und hat Mila von seinem nicht so einfachen, aber spannenden Beruf erzählt.

Ein blonder Mann im Anzug steht im Plenarsaal des Bundestages

Christoph hat schon mit neun Jahren angefangen, Steno zu lernen. – © Johannes Bock

Verbindung zur Demokratie

Im März 2003 hat der heute 33-jährige Stenograf angefangen, Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität in Berlin zu studieren. Zeitgleich begann seine Anstellung als Parlamentsstenografenanwärter beim Bundestag und damit auch seine Ausbildung. "Ich habe als Anwärter für eine gewisse Zeit einen erfahrenen Kollegen bei der Arbeit begleitet." Sein Studium und damit die Zeit als Anwärter hat er dann sieben Jahre später beendet.

Warum ist es nötig, stenografische Protokolle zu schreiben? Was bindet die Kurzschrift und die Politik zusammen? "Die Antwort ist offensichtlich", sagt Christoph, "denn die Arbeit der Stenografen ist ein untrennbarer Teil der parlamentarischen Kultur." Die Menschen wollten schon immer ihre Gedanken in Worte fixieren. Die Protokolle sind somit die Nachweise der wichtigsten politischen Handlungen und Aussagen von Abgeordneten im zeitlichen Ablauf. Die Stenografie sei sehr eng mit der Entwicklung des demokratischen Bewusstseins verbunden, weil sie nämlich die Aussagen von Politikern schnell und klar widerspiegeln könne, so Christoph.

Fünf Silben je Sekunde: Recht auf Fehler

Klarheit schaffen, unglückliche Formulierungen vermeiden und unlogischen Sätzen wieder logische Struktur geben: Auf all diese Regeln muss Christoph als Stenograf achten. Das wäre nicht so schwierig, wäre da nicht dieses Wahnsinnstempo: Um einem Redner folgen zu können, muss er 350 Silben pro Minute, also mehr als fünf Silben pro Sekunde, schreiben können.

Nach gut zehn Jahren Stenografen-Praxis im Bundestag versteht und schreibt Christoph alles mit. Fehler und Lücken sind trotzdem nie ausgeschlossen. Hier hilft der Redner im Nachhinein selbst: "Nachdem das Protokoll rausgeschickt wird, hat der oder die Abgeordnete zwei Stunden Korrekturrecht. Wenn wir da was falsch gemacht hätten, besteht eine Chance das wieder zu korrigieren. Aber natürlich darf niemand die Rede neu schreiben", scherzt der Stenograf.

Hohe Ansprüche, aber viel Spaß

Wie schnell sich das Stenografieren erlernen lässt, ist eine schwierige Frage für Christoph. Er selbst hat mit der Kurzschrift angefangen, als er neun Jahre alt war. "Meine Mutter hat damals stenografische Kurse an einer Schule gegeben. Da wurden noch Teilnehmer gesucht. Ich war neugierig und hab das quasi nebenbei gelernt", sagt er. Der Rest bestünde eben aus mehreren Jahren intensive Arbeit. Seine Ausbildung dauerte immerhin sieben Jahre.

Die Voraussetzungen, um als Stenograf im Bundestag angestellt zu werden, nennt er sofort: Das sind ein gutes Sprachgefühl und eine breite politische und allgemeine Bildung. Das Sprachgefühl braucht man für kleine Übersetzungstätigkeiten, denn die gesprochene Sprache ist etwas anderes als die geschriebene Sprache. Das politische und Allgemeinwissen ist erforderlich, um sich nicht in den Inhalten zu verlieren. 

Mitschreiben bis in die Nacht

Der anstrengendste Tag in der Woche für Christoph ist Donnerstag. Er muss dann bis zu zwölfmal in den Plenarsaal, um die Reden von Abgeordneten zu protokollieren. Es kann vorkommen, dass Sitzungen von neun Uhr morgens bis in die Nacht hinein dauern. Stenografen sind auch im Einsatz, wenn öffentliche Anhörungen von Experten oder andere Sitzungen der Untersuchungsausschüsse stattfinden. Am Anfang jeder Woche gibt es auch viel zu tun: Da muss Christoph nämlich die Protokolle auf ihre Richtigkeit hin überprüfen.Stenografieren definiert Christoph als eine unvorhersehbare Arbeit: "Es ist insgesamt eine abwechslungsreiche Aufgabe, auch wenn das viele nicht glauben, die auch ziemlich herausfordernd sein kann. Ich habe nie das Gefühl, dass ich mich langweile. Es passiert immer etwas Besonderes, und man weiß nie vorher, was. Ich finde das ganz spannend!"

Und wozu braucht man noch Stenografen, wenn es digitale Aufnahmesysteme gibt? Wann werden Maschinen wohl den Menschen bei dieser peinlich genauen Arbeit ersetzen? Solche Fragen gefallen Christoph nicht, er zieht skeptisch die Augenbrauen zusammen. Dann plötzlich setzt er sich euphorisch für seinen Beruf ein: "Ich glaube, dass das Protokollieren immer noch praktisch wichtig ist und bleiben wird. Es gibt ja auch kein Parlament in der Welt, das das anders macht." Maschinen könnten Stenografen nicht ersetzen, ist er sich sicher, selbst wenn es irgendwann eine perfekte Spracherkennung gibt.

Es ist auch kaum realistisch, sich vorzustellen, dass sich Hunderte von Mikrofonen und Spracherkennungsgeräte in einem Plenarsaal befinden. Und wer soll dann all die Einzelheiten notieren, die jede Rede ergänzen, wie zum Beispiel das Händeklatschen, laute Zurufe oder gedämpftes Schimpfen. Das geht aus keiner Tonaufnahme hervor. Die Stenografen jedoch zeichnen alles auf. "Es gibt Dinge, die man nur mitbekommt, wenn man im Saal ist. Genauso wie ein Fußballreporter nicht auf dem Sofa sitzt, sondern im Stadion. Man kriegt einfach mehr mit", schließt Christoph.

Kommentare

 

Darkwin Duck schrieb am 11.11.2013 23:05

@Martin Grundwald Genau, dass ist es eben nicht. EIne Maschine kann bespielsweise keine Zwischenrufe festhalten. Selbst wenn man eine System entwickelt mit Kameras und Ton, dann wäre der Aufwand und die Kosten dafür enorm.

 

 

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