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Die Autorin

Ein dunkelhaariges Mädchen schaut in die Kamera

Juliane Fiegler (26)
studiert Gender Studies

 
 

"Engagement lohnt sich!"

29.05.2012 |

Eine Delegation der deutsch-südamerikanischen Parlamentariergruppe ist nach Südamerika gereist. Neben Venezuela und Argentinien stand auch Chile auf dem Programm – dort protestieren Jugendliche gerade gegen das teure Bildungssystem. Wie die Vorsitzende der Parlamentariergruppe, Ingrid Hönlinger (Bündnis 90/Die Grünen), den Erfolg der Jugendbewegung einschätzt und was wir uns von den Protesten abgucken können, hat sie mitmischen-Autorin Juliane verraten.

Ingrid Hönlinger im Gespräch mit Juliane

Ingrid Hönlinger (Bündnis 90/Die Grünen) im Gespräch mit Autorin Juliane. – © Michael Kuchinke-Hofer

Momentan halten 54 verschiedene Parlamentariergruppen die Beziehungen zwischen dem Bundestag und  Parlamenten in der ganzen Welt aufrecht. Sie sind Vorsitzende der deutsch-südamerikanischen Parlamentariergruppe. Warum ausgerechnet Südamerika?

Lateinamerika hat mich schon immer fasziniert, ich hatte Spanisch schon in der Schule und interessiere mich für den Kultur- und Gesprächsaustausch. Dabei sieht man, dass es sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede zu uns gibt. Durch einen solidarischen Dialog auf Augenhöhe können wir uns gegenseitig bereichern. Wir können uns etwa ein Beispiel an der dort großen Toleranz gegenüber Einwanderern nehmen oder auch an der Kunst, das Leben positiv zu sehen. Dagegen können wir unser technisches Wissen für den Umweltschutz einbringen und demokratische Strukturen fördern.

Mit wem stehen Sie dazu in Kontakt und wie arbeitet die Gruppe?

Wir haben zu allen spanisch-sprachigen Ländern Südamerikas Kontakt, also zu elf Ländern. Zwei Mal pro Legislaturperiode laden wir Parlamentariergruppen aus Partnerländern ein – vor kurzem war die Gruppe aus Uruguay hier. Die wollte dann zum Beispiel Tipps von uns, wie man Eisenerz fördert und dabei keine großen Umweltschäden anrichtet. Außerdem suchen wir immer den Kontakt zu Botschafterinnen und Botschaftern aus den Ländern, um aktuell informiert zu sein. Und wir arbeiten mit sogenannten Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zusammen, etwa mit "Misereor", "Brot für die Welt", oder "amnesty international", die sich unter anderem dafür einsetzen, dass Unternehmen in südamerikanischen Ländern die Menschenrechte einhalten.

Im April sind Sie mit anderen Mitgliedern Ihrer Gruppe nach Venezuela, Chile und Argentinien gereist. Welche Ziele hatten Sie dabei und konnten Sie diese erreichen?

Wenn wir zwei Mal pro Legislaturperiode so eine Delegationsreise machen, wollen wir dabei möglichst alle Partnerländer besuchen, sodass unsere Ziele dabei so verschieden sind wie die Länder selbst. In Venezuela waren uns vor allem die sozialen Bedingungen, die Situation der Demokratie und der Wirtschaftsgesetze wichtig. Auch in Argentinien war "Wirtschaft" ein Hauptthema: Kurz vor unserer Ankunft hat die Regierung ein spanisches Unternehmen enteignet. Die Form, in der das geschah, verunsichert ausländische Firmen. Sie befürchten, in eine ähnliche Situation zu geraten. Über das Thema Umwelt haben wir in allen drei Ländern geredet. In Chile ging es außerdem um die Lebenssituation der Indigenen und um die Bildungslage.

Die sieht momentan ja so aus, dass chilenische Schüler nach ihrem Abschluss nur studieren können, wenn sie sehr reiche Eltern haben oder einen etwa 60.000 Euro­ schweren Kredit aufnehmen. Jugendliche protestieren deshalb nun schon seit einem Jahr für ein kostenloses Bildungssystem. Was fordern sie außerdem?

Die Jugendlichen in Chile wollen allgemein eine demokratischere Gesellschaft. Wie in Argentinien gab es auch hier einmal eine Militärdiktatur und die aktuelle Verfassung stammt noch aus dieser Zeit. Die Studenten fordern hier umfassende Änderungen, etwa ein einfacheres Wahlsystem, damit mehr junge Leute wählen gehen.

Hatten Sie bei ihrer Reise Kontakt zu protestierenden Studenten?

Ja, wir haben mit sehr engagierten und politisch motivierten Studenten gesprochen: zum Beispiel mit Gabriel Boric, dem Sprecher einer Studentenorganisation und mit José Ancalao, dem Vertreter der indigenen Mapuche-Gruppe. Sie werden weiterhin den Dialog mit Regierung und Abgeordneten suchen. Wichtig ist ihnen neben einem neuen Bildungssystem auch mehr Bürgerbeteiligung durch demokratischere Strukturen.

Haben sie Ihrer Meinung nach Erfolg?

Schon jetzt ist es eine beachtliche Leistung, dass weltweit über die Proteste berichtet wird. Und auch innerhalb ihres Landes haben die Studenten die Bildungsdebatte stark bewegt und das Bewusstsein dafür geschaffen, dass etwas verändert werden muss. Wir konnten mit dem chilenischen Bildungsminister, dem Vorsitzenden des Bildungsausschusses und der Arbeitsministerin reden. Ihnen ist bewusst, dass die aktuelle Situation verbesserungswürdig ist. Die Regierung will aber nur innerhalb des Systems etwas ändern, also etwa günstigere Kreditbedingungen schaffen. Die Studenten wollen aber ein komplett kostenfreies Bildungssystem.

Was können wir Jugendliche hier in Deutschland von der Jugendbewegung im fernen Chile lernen?

Dass sich politisches Engagement lohnt! Denn wenn sich junge Menschen engagieren, ist das ein Zeichen für die Politik, dass Veränderungen her müssen. Auch wenn unser Bildungssystem wesentlich ausgewogener ist, gibt es trotzdem noch etwas zu tun: etwa bei Fragen, ob Studenten an Unis mitbestimmen können, ob es genügend Lehrpersonal und ausreichend Kurse gibt und ob es in Deutschland keine Studiengebühren mehr geben sollte.