Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen)

„Lampenfieber bis heute“

10.11.2021 – Schon zum dritten Mal ist Claudia Roth als Vizepräsidentin des Bundestages Teil der Hausspitze. Warum sie das mit Stolz erfüllt und wie sie in kniffeligen Situationen Ruhe bewahrt, erzählt die Grünen-Politikerin hier.
© Kristina Schuller

Als Bundestagsvizepräsidentin leiten Sie häufig Sitzungen des Bundestages. Die Augen hunderter Abgeordneter und Besucher sind auf Sie gerichtet, dazu tausende Menschen an den Bildschirmen. Wie erleben Sie das? Wie bereiten Sie sich vor?

Die Sitzungen des Bundestages zu leiten ist tatsächlich eine verantwortungsvolle Aufgabe. Ein Amt, das in der letzten Legislaturperiode vielleicht so wichtig war wie niemals zuvor. Es erfüllt mich mit Demut und Stolz, das Parlament, die Herzkammer unserer Demokratie, repräsentieren zu dürfen. Ich nehme dieses Amt und die damit verbundenen Aufgaben aus tiefster Überzeugung mit Leidenschaft, mit Herz und Haltung wahr. Die Sitzungsleitung kann für mich nie zur kalten Routine werden, weil ich bis heute immer etwas Lampenfieber habe.

Vizepräsidenten müssen auch in heiklen Situationen die Ruhe bewahren. Welche Eigenschaften und Fähigkeiten sind für dieses Amt darüber hinaus notwendig?

Als Vizepräsidentin sorge ich dafür, dass die Geschäftsordnung eingehalten wird, damit es einen fairen und respektvollen Umgang der Abgeordneten miteinander gibt – trotz aller Differenzen. Es ist eine Arbeit, die höchste Konzentration erfordert, aber auch Mut, in schwierigen Situationen standhaft zu bleiben, um die Regeln unserer parlamentarischen Demokratie durchzusetzen. Die Parlamentsmitarbeiterinnen sind dabei eine wichtige Stütze, die einen rechtssicher beraten oder auf angebliche Nebensächlichkeiten im Plenum hinweisen, die keineswegs unwichtig sind.

Sowohl im Parlament als auch im Präsidium sind mehr Frauen vertreten. Wird das Ihrer Meinung nach einen Einfluss auf die parlamentarische Arbeit haben?

Das hoffe ich sehr, wobei sich die bittere Realität mit nur 34 Prozent Frauen im gesamten Bundestag nicht durch das Präsidium ändern lässt. Da muss dringend etwas passieren. Denn Frauen haben einen anderen Blick auf die Politik, das verändert auch die Debatten. Nicht nur worüber geredet, sondern auch wie miteinander gesprochen wird. Wir brauchen eine angemessene Vertretung von Frauen in unserem Parlament. Es ist ein wichtiges Zeichen, dass erstmalig das Präsidium mit mehr Frauen als mit Männern besetzt ist. Aber: Es ist erst ein Anfang!

Welche Debattenkultur wünschen Sie sich für die kommenden vier Jahre?

Mir ist wichtig, dass das Parlament der zentrale Ort bleibt, wo debattiert, gestritten und entschieden wird. Das Parlament ist ja nicht nur dafür da, die Vorlagen der Regierung abzusegnen. Ich hoffe, dass wir in den kommenden vier Jahren leidenschaftlich um die richtigen Lösungen streiten werden – ohne rassistische Äußerungen, Hetze und Angriffe auf die Integrität und Persönlichkeitsrechte von anderen. Denn die Debattenkultur im Bundestag hat Vorbildcharakter.

Sie haben als Abgeordnete auch eine Verantwortung für Ihren Wahlkreis. Wie vereinbaren Sie dies mit den Aufgaben als Vizepräsidentin?

Sie haben Recht, auch als Vizepräsidentin bleibe ich Augsburger Abgeordnete, die ihren Wahlkreis mit Herzblut im Bundestag vertritt und für die Interessen der Menschen vor Ort eintritt. Es bleibt immer ein Balanceakt, die aus allen Teilen der Republik kommenden Erwartungen an die Vizepräsidentin mit den lokalen Erwartungen aus Augsburg zu verbinden. In sitzungsfreien Wochen bin ich daher viel unterwegs, neben verschiedenen Aktivitäten im ganzen Land, habe ich viele Termine und Begegnungen im Wahlkreis.

 

 

Dürfen Sie als Vizepräsidentin gewisse Themen voranbringen? Welche sind Ihnen wichtig und wie gehen Sie sie an?

Ja, natürlich! Meine Leidenschaft gilt den Menschenrechten, der Gesellschaft der Vielen, den Werten unserer Verfassung und unserer Demokratie. Dafür bin ich als Botschafterin sehr gerne unterwegs, in Deutschland und der Welt. Das ist auch ein Grund, warum ich mich im Bereich auswärtige Kultur- und Bildungspolitik engagiere. Über unsere Erinnerungskultur und den Umgang mit den schrecklichen Verbrechen der Nazi-Zeit können wir weltweit in der Konfliktbearbeitung und Versöhnung einen einzigartigen Beitrag leisten.

 

Mehr über Claudia Roth

Claudia Roth, 66, ist Mitglied der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen. Sie zog 1998 zum ersten Mal in den Bundestag ein. Von 2001 bis 2002 und von 2004 bis 2013 war sie außerdem Parteivorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen. Seit 2013 ist die Augsburgerin Vizepräsidentin des Bundestages.

(loh)

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