Damals in der Slowakei...

„Die Sehnsucht war unglaublich stark“

30.09.2020 – 1990 lebte Renata Alt (FDP) noch in der Slowakei. Später kam sie, zunächst als Diplomatin, nach Deutschland. Wie sie die deutsche Teilung und Wiedervereinigung aus dieser Außenperspektive erlebt hat, erzählt sie im Interview.
Porträt der Abgeordneten Renata Alt
„Wir haben uns mit den Bürgern der ehemaligen DDR gefreut“, erzählt Renata Alt (FDP). © Renata Alt

Am 3. Oktober 1990 lebten Sie noch in Ihrer damaligen Heimat, der Slowakei (seinerzeit Tschechoslowakei). Wie haben Sie die Wiedervereinigung Deutschlands von dort aus erlebt?

Wir haben damals die Aufbruchsstimmung in Richtung Freiheit in ganz Mitteleuropa miterlebt. Wir wussten, dass in Deutschland die Sehnsucht nach der Wiedervereinigung unglaublich stark war und haben damit gerechnet, dass es irgendwann dazu kommt. Und als wir gesehen haben, dass es sich dahin entwickelt, hat es uns wahnsinnig gefreut. Wir waren genauso glücklich wie die Bürger der ehemaligen DDR und haben uns mit ihnen gefreut.

Sie kamen dann zunächst als Diplomatin nach Deutschland. Was hat Sie daran gereizt?

Ich war damals zunächst noch im Außenhandel tätig. Der diplomatische Dienst wurde in dieser Zeit in der Tschechoslowakei komplett neu aufgestellt und entsprechend der neuen demokratischen Strukturen neu organisiert. Ich wurde gefragt, ob ich mich bei dieser Erneuerung einbringen möchte im Bereich der Wirtschaft. Das habe ich als große Chance empfunden. Deshalb habe ich das Angebot angenommen. In welches Land ich entsandt werden würde, wusste ich zu dem Zeitpunkt allerdings noch nicht.

Es wurde dann also eher zufällig Deutschland ...

Genau, in München wurde dann eine Stelle frei. Ich dachte: Wunderbar. München hatte ich schon einmal besucht und sehr gemocht. Ich habe mich auf die neuen Erfahrungen und auf die Vertiefung der bilateralen Beziehungen gefreut.  

Wie haben sich diese Beziehungen in den letzten 30 Jahren verändert?

Hervorragend. In den Zeiten des „Eisernen Vorhangs“ gab es ja so gut wie gar keine richtigen Kontakte zwischen den Ländern. Die Bürger durften nicht ausreisen, höchstens Wissenschaftler oder Techniker in Einzelfällen. Das hat sich alles enorm entwickelt.

Ich bin dankbar, dass inzwischen sehr viele Joint Ventures entstanden sind, Unternehmen über die Grenzen hinweg. Volkswagen oder die Deutsche Telekom wären hier als Beispiele zu nennen. Beide Unternehmen haben sehr viel in der Slowakei und in Tschechien investiert. Natürlich gilt das auch für viele mittelständische Unternehmen. Wir haben damals in den Anfangsjahren zum Beispiel sehr enge Beziehungen zwischen den Industrie- und Handelskammer in Prag und hier in Deutschland geknüpft, um die wirtschaftliche Zusammenarbeit so schnell wie möglich voranzutreiben. Heute sieht man, dass das gelungen ist.

Was denken Sie: Wie weit ist die Deutsche Einheit vollzogen?

Es wurde sehr viel erreicht. Das Wichtigste war damals die Demokratie und die Freiheit. Der Freiheitsdrang der Menschen hat letztlich zum Fall der Mauer und der Wiedervereinigung geführt. Das alles haben wir jetzt und das ist sehr wertvoll.

Natürlich haben auch viele Menschen, besonders die junge Generation, die neuen Bundesländer verlassen. Der Grund war der Wegfall der Arbeitsplätze aufgrund der Restrukturierung und Transformation der Wirtschaft. Besonders in den ländlichen Regionen ist das teilweise bis heute spürbar.

Was haben wir noch vor uns? Und was ist Ihnen dabei wichtig?

In Ostdeutschland gibt es ein unglaubliches Potenzial an Bildung, Forschung und Entwicklung, auch an Arbeitskraft. Wir sollten weiterhin daran arbeiten, dass sich irgendwann alles angleicht, auch das Lohn- und das Rentenniveau. Das ist ein langer Prozess, aber ich hoffe sehr, dass wir den Zustand baldmöglichst erreichen werden.

Ich bekomme immer wieder mit, dass manche Menschen in den neuen Bundesländern sich als „Bürger zweiter Klasse“ fühlen. Übrigens gilt das auch für die mitteleuropäischen Länder. Das darf nicht sein, deshalb müssen wir alle diese Länder weiter unterstützen.    

Was werden Sie am 3. Oktober machen?

Ich weiß es noch nicht genau. Entweder werde ich diesen wunderbaren Tag in Berlin verbringen oder in meinem Wahlkreis. Auf jeden Fall werde ich mit Dankbarkeit und Freude den Tag genießen, denn wir sollten wirklich dankbar dafür sein, was wir für die Freiheit und den Frieden in Deutschland erreicht haben.

Über Renata Alt

Renata Alt ist Chemie-Ingenieurin und FDP-Politikerin. Die 55-Jährige wurde in der damaligen Tschechoslowakei geboren und ist seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages. Mehr erfahrt ihr auf ihrem Profil auf bundestag.de.   

(jk)

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