Austausch-Programm

300 Jugendliche aus den USA im Bundestag

23.05.2022 – Junge Amerikanerinnen und Amerikaner verbringen derzeit ein einzigartiges Jahr in Deutschland, und zwar mit einem Stipendium des Bundestages und des US-Kongresses. Nun trafen sie sich in Berlin, erlebten Politik hautnah und lernten ihre Paten-Abgeordneten kennen.
Jugendliche auf der Besuchertribüne im Plenarsaal
Einblicke in die deutsche Politik: Auf der Besucher-Tribüne verfolgen die Jugendlichen eine Plenarsitzung mit. © DBT/photothek/Thomas Imo

Während in den USA rund 300 deutsche Jugendliche amerikanische Highschools und Colleges besuchen, sind zeitgleich etwa 300 Amerikanerinnen und Amerikaner hierzulande zu Gast. Sie leben in Gastfamilien und gehen auf deutsche Schulen oder machen Praktika in Unternehmen. Diesen Austausch ermöglichen der Deutsche Bundestag und der US-Kongress seit fast 40 Jahren.

Das Parlamentarische Patenschafts-Programm (PPP)  

Interessiert ihr euch für einen USA-Austausch? Alle praktischen Informationen zum PPP findet ihr auf www.bundestag.de/ppp.
 

Seit letztem Sommer sind die Stipendiaten in Deutschland, letzte Woche kamen sie zum sogenannten Berlin-Tag in der Hauptstadt zusammen. Im Bundestag besuchten sie eine Plenarsitzung und die Kuppel auf dem Reichstagsgebäude und kamen mit Abgeordneten ins Gespräch.

„Ich bin viel selbstständiger geworden“

Bridget (17) kommt aus Salt Lake City im Bundesstaat Utah. Hier geht sie auf ein Gymnasium in der Nähe von Bremen. „In Deutschland lernt man mehr in der Schule“, sagt sie. Das findet sie gut. Überhaupt lerne sie durch das Jahr im Ausland wahnsinnig viel – vor allem Selbstständigkeit. „Ich bin an eine neue Schule gekommen, habe eine neue Sprache gelernt, habe das erste Mal ohne meine Familie gelebt, bin alleine gereist. Diese neue Selbstständigkeit nehme ich auf jeden Fall mit nach Hause.“

Bridget interessiert sich sehr für Politik. Sie ist im Jugendrat ihrer Gemeinde aktiv und schreibt für verschiedene Medien Beiträge zu sozialpolitischen Themen. Nächstes Jahr wird Bridget an der University of Utah Biologie studieren, Schwerpunkt Neurobiologie. Ihr Ziel ist, in der Gesundheitspolitik zu arbeiten. Aber zuvor möchte sie im Gesundheitssystem praktische Erfahrungen sammeln.

Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer des Parlamentarischen Patenschafts-Programms hat ein Mitglied des Deutschen Bundestages als Paten. 284 Abgeordnete sind dieses Jahr dabei. Bridgets Pate ist Christian Dürr (FDP). Beim Berlin-Tag lernt sie ihn kennen. Nach dem Gespräch ist sie beeindruckt: „Er hat erzählt, dass er heute bis nach Mitternacht im Bundestag bleiben muss. Ganz schön langer Tag!“ Zur Erklärung: In Sitzungswochen ist die Tagesordnung des Bundestages häufig so voll, dass sich die Debatten im Plenum oft bis tief in die Nacht ziehen.

„Bei den Artikeln muss ich raten, das ist zu schwer“

Neben Schülerinnen und Schülern kommen mit dem Programm auch junge Berufstätige aus den USA nach Deutschland, die hier ein Praktikum machen. Einer von ihnen ist Alex (23). Er kommt aus New Orleans und hat dort Wirtschaftswissenschaften studiert. Danach arbeitete er bei einer Bank. Hier macht er ein Praktikum in der Buchhaltung eines großen Süßwarenherstellers bei Heidelberg.

Alex gefällt es in Deutschland. Nur an den Winter musste er sich gewöhnen: „Grau, nass, kalt – das bin ich nicht gewöhnt. Bei uns scheint entweder die Sonne oder es regnet sehr stark“, lacht er. Toll findet er dagegen das Essen und die kurzen Wege in Deutschland. „Wenn ich zuhause vier Stunden fahre, bin ich immer noch am gleichen Ort. Hier bin ich nach vier Stunden gefühlt schon wieder in einer ganz anderen Kultur.“

Auch das deutsche Sozialsystem findet er gut, dass zum Beispiel jeder krankenversichert ist. Nach dem Austauschjahr möchte Alex gerne noch länger in Deutschland bleiben. Er hat sich bei der Bundesbank beworben. „Ich glaube, mein Deutsch ist ganz gut geworden“, sagt Alex. „Nur bei den Artikeln – da muss ich raten, das ist zu schwer.“ 

„Die Welt ist so viel mehr als Deutschland“

Zum Programm des Berlin-Tags gehören Gesprächsrunden mit Abgeordneten. Alex sitzt in einem Ausschuss-Saal mit Cansel Kiziltepe (SPD) und Alexander Ulrich (Die Linke). Er findet die Unterschiede in den politischen Systemen Deutschlands und der USA spannend. „Ihr habt eine starke Demokratie“, sagt er. „Und alles Wichtige steht im Grundgesetz, das ist auch interessant.“   

Die Jugendlichen im Ausschuss-Saal stellen Fragen zur Europäischen Union, zur Energiewende, zum Krieg in der Ukraine und der deutschen Corona-Politik, zu feministischer Außenpolitik und Barrierefreiheit.

Einer will wissen: „Was können Jugendliche tun, um sich politische einzubringen?“ Das Thema Fridays For Future kommt auf – für Kiziltepe eine Erfolgsgeschichte: „Das kann die Politik nicht ignorieren, wenn so viele junge Menschen sich für eine Sache stark machen.“

Beide Abgeordnete erzählen, wie wichtig ihnen persönlich internationale Kontakte sind. Ulrich sagt, er sei seit 17 Jahren im Europa-Ausschuss. „Mir hilft es immer wieder, andere Perspektiven auf die Welt kennenzulernen und unsere deutsche zu hinterfragen“, sagt er. „Die Welt ist so viel mehr als Deutschland.“ Kiziltepe erzählt, ihre Eltern seien als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Die Familie habe sich einen Schüleraustausch nicht leisten können. Deshalb finde sie es umso wichtiger, dass es Stipendien-Programme wie das PPP gebe.  

„Wenn ich in Ihre Gesichter schaue, sehe ich eine tolle Zukunft“

Danach kommen die Stipendiaten im Foyer des Paul-Löbe-Hauses des Bundestages zusammen. Dort werden sie von Bundestagspräsidentin Bärbel Bas begrüßt, die Schirmherrin des Programms ist.

„Wenn ich in Ihre Gesichter schaue, sehe ich eine tolle Zukunft“, sagt die Präsidentin zu den Jugendlichen. Sie hätten Mut bewiesen, indem sie für ein Jahr ihre Heimat verlassen hätten und in ein fremdes Land gekommen seien. „Ich hoffe, Sie haben hier Erfahrungen gemacht, so vielfältig und bunt wie Deutschland selbst.“

Als Botschafterinnen und Botschafter des Parlamentarischen Patenschafts-Programms spielten die Jugendlichen „so eine wichtige Rolle im Verhältnis zwischen Deutschland und den USA“, sagte Bas. Für Deutschland sei die USA „ein Land, dessen Freundschaft uns sehr wichtig ist – heute vielleicht wichtiger denn je“.

Sie bat die jungen Leute, im Kontakt zu bleiben mit den neugewonnenen Freunden in Deutschland. Für ihre Zukunft riet sie: „Ob in der Politik, in der Wissenschaft, in Unternehmen: eine internationale, vielfältige Perspektive ist immer wichtig!“ Ihr Plädoyer für Weltoffenheit schloss Bas mit den Worten: „Ich sehe hier eine Generation, die Vorurteile abbauen und die mitgestalten will“ – das mache sie froh und zuversichtlich.

(jk)

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