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Reform der Altersvorsorge

Kein Plan von Rente?

Letzte Aktualisierung: Cora Dollenberg

Im Dezember 2025 und im März 2026 hat der Bundestag zwei Gesetze beschlossen, die die Rente reformieren sollen. Private Rentenvorsorge, demographischer Wandel, drei Säulen des Rentensystems – worum geht’s eigentlich? Und welche Infos helfen, um die Rentenreformen der aktuellen Bundesregierung besser zu verstehen? Cora hat einen Rentenforscher, einen Abgeordneten der Koalitionsfraktionen und eine Abgeordnete der Opposition gefragt und nimmt euch mit auf ihre eigene Erkenntnisreise. In der Hoffnung, euch damit ein paar Fragen zu beantworten, die ihr sicher selbst habt.

Eine Person mit dunklen Haaren und dunkler Kleidung geht an einem geschlossenen Rollladen vorbei. Auf dem Rollladen steht in großen, schwarzen Buchstaben der Schriftzug 'RENTE FÜR ALLE'. Die Wand und der Rollladen sind hell gehalten.

Heute schon an Übermorgen denken? Angesichts der Rentenreform hat Cora Experten und Abgeordnete gefragt, wie das Rentensystem eigentlich funktioniert und welche Änderungen notwendig sind, um dem demografischen Wandel zu begegnen. © picture alliance / IPON | Stefan Boness

Ich bin Anfang zwanzig, stecke noch im Studium und bin erst ein einziges Mal so richtig mit meiner Rente in Berührung gekommen. Und zwar vor sechs Jahren, als mein Sozialversicherungsausweis in den Briefkasten geflattert kam. Den hat mir damals die Deutsche Rentenversicherung ausgestellt, weil ich in dem Jahr zwischen Abitur und Studium meinen ersten Arbeitsvertrag unterschrieben hatte. Denn wer in Deutschland erwerbstätig ist – also angestellt, Selbstständige zum Beispiel betrifft das nicht – ist automatisch in der gesetzlichen Rentenversicherung pflichtversichert. Und damit wären wir auch schon mitten im Thema, vor dem ich mich seit diesem Brief zu verstecken versuche. Aber hear me out, das Ding mit der Rente ist eigentlich spannender, als es klingt. Jedenfalls betrifft es die meisten von uns. Deshalb kommt hier, was bisher geschah, warum überhaupt Reformbedarf besteht und was die Änderungen bedeuten. 

Die Sache mit den 48 Prozent 

Im November wurde im Bundestag hitzig über die Rente und deren Reform debattiert. Genauer gesagt, ging es damals um den „Gesetzentwurf zur Stabilisierung des Rentenniveaus“. Und was ich lange gar nicht verstanden habe: Dieses Gesetz und die damit verbundene Reform beziehen sich erstmal nur auf eine Säule des Rentensystems, das sich insgesamt auf drei Säulen stützen soll. Falls ihr hier schon abschaltet: Wir kommen später noch dazu, warum die Unterscheidung dieser verschiedenen Säulen wichtig ist. Mit dem im Dezember schließlich verabschiedeten Gesetz sollte also erstmal nur die gesetzliche Säule reformiert werden. Diese Säule umfasst die Altersvorsorge, die jeder Mensch in Deutschland hat, der angestellt ist. Gestritten wurde im Parlament insbesondere über die Frage, ob das Rentenniveau der gesetzlichen Altersvorsorge bis 2031 stabil bleibt – eine Maßnahme, die laut Gesetz bis 2040 insgesamt 200 Milliarden Euro kosten soll. 

Wegen genau dieser Milliarden stellte sich eine Gruppe junger Unionsabgeordneter gegen den Gesetzentwurf. Sie kritisierten die steigenden Kosten, die die Stabilisierung des Rentenniveaus für junge Menschen verursachen werde. Ein Mitglied der Jungen Gruppe ist Niklas Kappe (CDU/CSU), der sich bei der Abstimmung über den „Gesetzentwurf zur Stabilisierung des Rentenniveaus“ am 5. Dezember schlussendlich enthalten hat. Der 29-Jährige wollte bewusst die Möglichkeit wahrnehmen, nicht klar mit Ja und nicht klar mit Nein zu stimmen, sagt er im Interview. Was für ihn feststehe sei aber, dass die Ausgaben für sogenannte Soziallasten wie zum Beispiel Arbeitslosengeld schon heute zu hoch seien. Mit Blick auf den Milliardenbetrag, den die Stabilisierung des Rentenniveaus bei 48 Prozent kosten werde, sei diese Maßnahme deshalb keine schlaue Idee.  

Die drei Säulen des Rentensystems

Die Gesetzliche Rente bildet die Grundlage der Alterssicherung und macht prozentual den größten Teil der meisten Alterseinkommen aus. Alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die mehr als eine geringfügige Beschäftigung ausüben, sind automatisch in der gesetzlichen Rentenversicherung versichert. Auch für bestimmte Gruppen von Selbstständigen stellt die gesetzliche Rentenversicherung eine Pflichtversicherung dar.

  • Wie wird sie finanziert? Finanziert wird die gesetzliche Rente über das Umlageverfahren, bei dem die Einnahmen direkt zur Finanzierung der Ausgaben genutzt werden – die heutigen Zahlungen finanzieren also die heutigen Rentenbezüge. Die Einnahmen der gesetzlichen Rentenversicherung setzen sich dabei zu gut zwei Dritteln aus Beiträgen der aktuell Versicherten und zu einem Drittel aus zusätzlichen Finanzmitteln des Bundes zusammen.

Die betriebliche Altersversorgung bildet die zweite Säule des Rentensystems und wird über den Arbeitgeber organisiert. Alle in der gesetzlichen Rentenversicherung Pflichtversicherten haben einen Anspruch darauf, dass ein Teil ihres Bruttoeinkommens in eine betriebliche Altersversorgung investiert wird. Der Arbeitgeber muss mindestens 15 Prozent dieser Beträge zuzahlen.

  • Wie wird sie finanziert? Anders als beim Umlageverfahren der gesetzlichen Rente werden die Sparbeträge nicht für laufende Ausgaben genutzt, sondern werden am Kapitalmarkt angelegt. Die eigenen Einzahlungen finanzieren auch die eigenen Bezüge.

Die private Altersvorsorge soll als dritte Säule individuelle Vorsorgelücken schließen. Dahingehend entscheidet jeder selbst, ob und wie man die private Altersvorsorge gestaltet und wie man zusätzlich sparen möchte.

  • Wie wird sie finanziert? Zu dieser Säule gehören alle privaten Vorsorgemöglichkeiten, etwa eine eigene Immobilie, Aktien oder eine private Lebens- oder Rentenversicherung.

Wie soll das Rentenniveau stabilisiert werden?

Diese ganze Rentenniveau-Geschichte war mir ehrlich gesagt ziemlich unklar. Und deshalb habe ich auch dem Rentenforscher Peter Haan vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung ein paar Fragen gestellt. Von ihm wollte ich zuerst mal wissen, warum die jungen CDU/CSU-Abgeordneten immer wieder erklärt haben, die Rentenreform werde auf dem Rücken der jungen Leute ausgetragen, den jungen Leuten, zu denen ihr und ich ja gehört. 

Nachdem Peter Haan mir erklärt hat, wie überhaupt das Rentensystem funktioniert, sagte er, dass die Stabilisierung des Rentenniveaus für die junge Generation eigentlich sogar von Vorteil sei, wenn man auf eine Beibehaltung des aktuellen Systems vertraue: „Denn das würde bedeuten, dass das Rentenniveau auch noch bei 48 Prozent liegt, wenn die junge Generation in 30 Jahren in Rente geht.“

Peter Haan macht deutlich, worum es den jungen Abgeordneten der Union eigentlich geht: „Wir geben erst mal Geld aus und haben uns noch keine Gedanken gemacht, wie wir das finanzieren.“ Mit anderen Worten: Nicht die Stabilisierung des Rentenniveaus, sondern deren Finanzierung wird von den jungen Unionsabgeordneten kritisiert. 

Weniger Beitragszahler, mehr Rentner

Im Grunde geht es um die Frage der Generationengerechtigkeit, denn die gesetzliche Rentenversicherung ist umlagefinanziert. Das bedeutet: Es wird nicht gespart und dann später ausbezahlt, sondern die Beiträge der aktuell Beschäftigten finanzieren fortlaufend die aktuellen Rentenbezüge. Schlecht für uns junge Leute ist deshalb, dass die Bevölkerung immer älter wird und es immer weniger Beitragszahlende im Verhältnis zu Rentnern gibt. „Das führt dazu, dass auf der einen Seite die Beiträge steigen müssen und auf der anderen Seite die Renten nicht mehr so hoch ausfallen, wie es in der Vergangenheit der Fall war“, sagt Peter Haan. Man müsse schauen, wie man einen kleineren Kuchen aufteilt.

2025 war es noch so: 53 Prozent des Einkommens deutscher Seniorenhaushalte stammten aus der gesetzlichen Rente; statistisch gesehen war die gesetzliche Rentenversicherung damit die wichtigste Altersversicherung in Deutschland. Der kleiner werdende Kuchen der gesetzlichen Rente reicht aber nicht mehr aus, um davon zu leben, weil es durch den demografischen Wandel mehr Rentner als Beitragszahler gibt. Der Bundestag hat auf diese Entwicklung reagiert und am 27. März 2026 die Reform der privaten Altersvorsorge beschlossen – die zweite Säule des Rentensystems, die nach dem Willen der Bundesregierung in Zukunft eine größere Rolle in der Altersvorsorge spielen muss. Denn im Alter ausreichend abgesichert zu sein, ist, anders als zu anderen Zeiten, mit der gesetzlichen Rentenversicherung allein in der Regel nicht mehr möglich.

Ein Problem, unterschiedliche Lösungen 

Genau deshalb braucht es die Reform der privaten Rentenvorsorge, sagt Nicklas Kappe (CDU/CSU). Auch Sarah Vollath von der Fraktion Die Linke sagt: „Im aktuellen System und wenn es so bleibt, werden junge Menschen verstärkt darauf setzen müssen, privat vorzusorgen.“ Aber sie beschreibt auch eine Gefahr: „Die Leute, die sich das nicht leisten können, und das sind die allermeisten, fallen hinten runter“, fürchtet sie. Ihre Fraktion fordere deshalb, dass der Schwerpunkt wieder dahin verschoben werde, wo er hingehöre, nämlich zur gesetzlichen Rente. Alle Menschen müssten von dieser ersten Säule der Rentenvorsorge leben können, die zweite und dritte Säule dürften immer nur ein Bonus sein, sagt Vollath. Das sieht Nicklas Kappe anders: Für ihn besteht ein funktionierendes Rentensystem zwar aus allen drei Säulen, die Verantwortung liege aber im Privaten. Bei der privaten Rentenvorsorge sieht er nach wie vor einen „enormen Aufholbedarf“. 

Zu tun ist also eine Menge. Und dabei den Überblick zu behalten, ist gar nicht immer leicht.

Nicklas Kappe (CDU/CSU) sitzt seit 2025 im Deutschen Bundestag und ist ordentliches Mitglied des Ausschusses für Wirtschaft und Energie sowie des Petitionsausschusses.

Sarah Vollath (Die Linke) sitzt seit 2025 im Deutschen Bundestag und ist ordentliches Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales.

Peter Haan ist Professor für empirische Wirtschaftsforschung an der Freien Universität Berlin und Leiter der Abteilung Staat am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin.

mitmischen-Autorin

Cora Dollenberg

ist in NRW und Baden-Württemberg aufgewachsen, spricht aber weder Kölsch noch Schwäbisch, dafür Französisch, vor allem während ihres Studiums in Paris. Sie schreibt und spricht am liebsten über tagesaktuelle Politik und Literatur.