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Ausstellung

An eine Zukunft glauben

Marejke Tammen

Der fünfte Tag der Jugendbegegnung endet mit einer unbequemen Frage: Gab es nach 1945 wirklich einen Neuanfang? Eine Ausstellung im Bundestag widmet sich Biografien von Abgeordneten mit jüdischer Herkunft und fragt, wie in der Bundesrepublik und der DDR mit Schuld und Verantwortung umgegangen wurde.

Drei Personen betrachten Ausstellungstafeln mit Texten und Fotos zu jüdischer Geschichte an einer weißen Wand

Die Ausstellung „An eine Zukunft glauben. Jüdische Biografien in der parlamentarischen Gründergeneration nach 1945“ befasst sich mit den Biografien jüdischer Bundestagsabgeordneter nach 1945 und kann bis zum 6. März im Paul-Löbe-Haus besichtigt werden. © DBT/Sebastian Rau/photothek

Es liegt ein langer Tag hinter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Jugendbegegnung, als sie an diesem Dienstagabend im Paul-Löbe-Haus eintreffen. Der Tag begann mit Arbeitsgruppensitzungen und einer Führung durch das Reichstagsgebäude und ging weiter mit einem Besuch im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide.

Jetzt, gegen 18 Uhr, sitzen sie in der Halle des Paul-Löbe-Hauses und warten auf die Bundestagspräsidentin. Als Julia Klöckner die Bühne betritt und zum Mikrofon greift, wird es schlagartig still im Publikum. „Gab es nach 1945 wirklich eine Stunde Null?“, fragt Klöckner und beantwortet die Frage gleich selbst: „Nein.“ Denn Antisemitismus sei nach Kriegsende nicht vorbei gewesen, und leider müsse man feststellen, dass Antisemitismus auch heute, 2026, nicht vorbei sei.

Eine gläserne Wand

Mit diesen Worten eröffnet Klöckner die Ausstellung „An eine Zukunft glauben. Jüdische Biografien in der parlamentarischen Gründergeneration nach 1945“. Die Ausstellung widmet sich Abgeordneten mit jüdischer Herkunft, die trotz bestehender Judenfeindlichkeit am demokratischen Neuaufbau Deutschlands mitwirkten.

Pädagogisches Begleitmaterial

An eine Zukunft glauben...

für den Ausstellungsbesuch und den Einsatz im Unterricht. Mit kreativen Aufgaben zum Einsenden an den Deutschen Bundestag.

Im Zentrum stehen dabei die Biografien der Abgeordneten Jeanette Wolff und Erik Blumenfeld. Beide kämpften um persönliche Entschädigung, engagierten sich in der Entnazifizierung und setzten sich für die gesellschaftliche Anerkennung des Leids der Opfer ein. Doch in einer Gesellschaft aus Mitläufern, Opfern und Tätern bestand immer „eine Art gläserne Mauer“, wie Blumenfeld es beschrieb.

Schuld und Verantwortung

Die Ausstellung zeigt verschiedene Dokumente und Fotografien, Ausschnitte aus Debatten, historische Objekte, bietet Audio-Interviews und geht der Frage nach, wie die beiden deutschen Staaten mit Schuld und Verantwortung nach 1945 umgegangen sind. Worüber wurde gesprochen – und worüber geschwiegen? Wie sah Antisemitismus in einem antifaschistischen Staat aus? Und welche Rolle spielte der Ost-West-Konflikt in der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit?

Zum Schluss richtet der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, noch mahnende Worte an das Publikum: „Lassen Sie uns dieses Erbe würdigen, indem wir keinen Schlussstrich ziehen!“

„An eine Zukunft glauben. Jüdische Biografien in der parlamentarischen Gründergeneration nach 1945“

Die Ausstellung kann bis zum 6. März montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr in der Halle des Paul-Löbe-Hauses besucht werden.

Hier gibt es den Ausstellungskatalog und viele weitere Informationen sowie Interviews mit Angehörigen und Experten.  

mitmischen-Autorin

Marejke Tammen

Marejke hat ihr journalistisches Volontariat unter anderem in der mitmischen-Redaktion absolviert. Während dieser Zeit ging es für sie mit der Jugendbegegnung 2024 nach Bad Arolsen. Die diesjährige Jugendbegegnung begleitet sie als freie Autorin und berichtet an dieser Stelle über ihre Erlebnisse und Erfahrungen.