Jugendbegegnung 2026
„Einen Beitrag dazu leisten, dass sich dieser Terror nie wiederholt.“
Zum mittlerweile 29. Mal lädt der Deutsche Bundestag zur Jugendbegegnung ein, die sich in diesem Jahr mit dem Thema „Die Verfolgung von Frauen und Kindern im Nationalsozialismus“ beschäftigt. Wir haben zwei der Teilnehmer vorab gefragt, was Erinnerungskultur für sie bedeutet und was sie von der Jugendbegegnung erwarten.
Nils absolviert aktuell ein Freiwilliges Soziales Jahr Kultur im Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin. © privat
Schon früh in der Grundschule fand ich den geschichtlichen Abschnitt der Weimarer Republik, der NS-Diktatur und des Zweiten Weltkrieges dermaßen interessant, dass ich mich da schon intensiv damit beschäftigt habe. Später die Teilung Deutschlands und der unterschiedliche Umgang mit Erinnerungskultur. Schlussendlich war es vermutlich mein erster Besuch in einem ehemaligen Konzentrationslager, der mich zu einem aktiven Engagement motiviert hat. In einer Projektwoche in der Schule war ich 2022 zu Besuch in der Gedenkstätte und im Museum Sachsenhausen bei Berlin. Das erste Mal an einen Ort zu gehen, wo die Gräueltaten der Nazis passiert sind, die ich vorher nur aus Texten, Fotos oder Videos kannte, war ein einschneidendes Erlebnis für mich. Das Gefühl, das man hat, wenn man ein KZ besucht, lässt sich nicht beschreiben, aber umwandeln in Motivation, dafür zu kämpfen, dass sich diese Verbrechen nicht wiederholen.
Ich mache gerade mein Freiwilliges Soziales Jahr Kultur beim Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors. Das Gedenkstättenreferat ist die zentrale Anlaufstelle für Vernetzung unter den deutschen Gedenkstätten mit Bezug zu den Verbrechen des Nationalsozialismus.
Mein Engagement geht aber auch zurück in die Schulzeit. Dort war ich Teil der „Schulgeschichte AG“. Zusammen haben wir die Historie unserer Schule, insbesondere zu Zeiten des NS-Regimes, erforscht. Bei den Recherchen sind wir auf eine jüdische Lehrerin gestoßen, die in den Anfängen der Nazi-Diktatur an unserer Schule unterrichtet hat, bevor sie tragischerweise deportiert und ermordet wurde. Gemeinsam haben wir ihr Leben rekonstruieren können und hatten das Glück, einen Stolperstein für jene Lehrerin vor unserer Schule zu bekommen. So konnten wir eine seit über 80 Jahren beinahe vergessene Person an einem Berliner Gymnasium verewigen.
Ich möchte meinen Beitrag dazu leisten, dass sich dieser Terror nie wiederholt. Mir ist bewusst, dass ich das allein nie werde schaffen können. Es braucht die Gesamtgesellschaft und ein kollektives Erinnern an die Leidtragenden der NS-Zeit. Das wird erreicht durch engagierte Menschen, denen das Thema und die Opfer am Herzen liegen, die tagtäglich Zeit und Kraft aufwenden, um die deutsche Erinnerungskultur am Leben zu erhalten, und die auch in Zeiten eines massiven Rechtsrucks in der Gesellschaft am Ball bleiben und weiterkämpfen. Ich gebe mein Bestes, um genau einer dieser Menschen zu sein.
Es ist nie genug. Über eine so weitreichende Tragödie muss viel gesprochen werden. Eine Studie aus dem Jahr 2025 zeigte, dass zwölf Prozent der 18- bis 29-Jährigen den Begriff „Holocaust“ nicht kannten. Eine solche Bildungslücke lässt sich nur schließen, indem man über das Thema redet. Es geht dabei vor allem um das Wie. Gerade den Unwissenden gegenüber darf man nicht in einen hochnäsigen, besserwisserischen Umgang verfallen. Es braucht Dialog und Aufklärung auf Augenhöhe. Man muss insbesondere unwissende Jugendliche dort abholen, wo sie sind. Genau das ist ein Aspekt, der in Zukunft besser laufen muss, ansonsten laufen wir Gefahr, in Deutschland das Erinnern zu vergessen.
Die Gefahren kann man jetzt schon in Ansätzen sehen. Die Jugend in Deutschland wird immer rechter. Verharmlosung, wenn nicht sogar Billigung von nationalsozialistischen Verbrechen wird langsam Alltag. Das ist ein Symptom einer rostigen Erinnerungskultur. Nur wenige in meiner Altersgruppe haben noch lebende Familienangehörige, die direkt von den Zeiten der Nazis oder dem Krieg berichten können. So geht die Erinnerung verloren und eine deutsche Diktatur erscheint unrealistisch. Die Jahre von 1933 bis 1945 sollten uns eine Warnung sein und zeigen, dass eine Demokratie nicht selbstverständlich ist und wie gefährlich rechtsextreme Bewegungen sind. Daraus folgt eine Verantwortung, die wir tragen müssen, das Erinnern an die NS-Zeit zu erhalten und Warnungen vor den geistigen Nachfolgern der Nazis zu verstärken. Wenn mehr und mehr Teile der Gesellschaft das Erinnern aber verlernen, so wird auch die Anfälligkeit für rechtsextreme Bestrebungen größer und eine Diktatur in Deutschland wird leider wieder realistischer.
Es braucht mehr Dialog mit der Jugend. Über die letzten Jahre fühlen sich Menschen in meinem Alter in verschiedensten Aspekten schlichtweg allein gelassen. So eben auch bei der Erinnerungskultur. Insbesondere bei der Behandlung der Jahre 1933 bis 1945 im Schulunterricht wird das sichtbar. Die NS-Zeit wird nur noch verbunden mit monotonen Ausflügen zu Lernorten, langweiligen Texten aus dem Geschichtsbuch oder stressigen Klausuren zum Thema NS-Propaganda. Auch ich hatte in der Oberstufe ehrlicherweise wenig Motivation, mir seitenlange Texte durchzulesen. Es braucht zeitgemäße Lernmethoden, die den Schülern das Thema auf eine motivierende Art und Weise näherbringen. Dabei spielt auch der Umgang mit rechtsextremen Inhalten auf Social Media eine Rolle. Besonders über TikTok und Instagram radikalisieren sich viele und neigen dadurch zu rechten Tendenzen. Um einen Gegenpol zu den rechtsextremen Akteuren zu schaffen, braucht es mehr Präsenz von erinnerungskulturellen Einrichtungen auf Social Media. Dabei ist besonders wichtig, dass dies nicht über den Kopf der Jugend hinweg, sondern mit uns zusammen passiert.
Eine solche Veranstaltung ist wichtig, um uns Jugendlichen einen intensivierten Einblick in die Erinnerungskultur zu bieten. Wann bekommt man schon die Chance bei einer erinnerungskulturell so zentralen Veranstaltung wie der Gedenkstunde im Deutschen Bundestag anwesend zu sein und mehrere Tage konkret und intensiv mit den deutschen Verbrechen auseinanderzusetzen?
Ich möchte die Chance nutzen, um mich mit den anderen über ihren Arbeitsalltag, ihre Einrichtung und ihre Perspektive auf das Gedenkwesen in Deutschland zu unterhalten. Ich möchte neue Blickrichtungen kennenlernen, die auch über meine Blase und meinen Sichthorizont hinausgehen. Dabei wird natürlich auch der Umgang mit dem Rechtsruck eine große Rolle spielen. Besonders ländliche Einrichtungen haben stark mit den Folgen eines erinnerungskritischen Wandels zu kämpfen, und ich möchte erfahren, was diese Menschen motiviert, weiter für das kollektive Gedenken in Deutschland zu kämpfen.
Alina ist unter anderem Guide in der Gedenkstätte im hessischen Hadamar. © privat
Seit meinem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) in der Gedenkstätte Hadamar vor mittlerweile fast fünf Jahren engagiere ich mich heute noch immer als Guide in der Gedenkstätte Hadamar und begleite dort Gruppen im Rahmen von pädagogischen Angeboten wie Rundgängen oder Workshops.
In den Dialog zu treten und vor allem Besuchergruppen in meiner Tätigkeit als Guide ein persönliches und sicheres Umfeld zu ermöglichen für die Auseinandersetzung mit den besprochenen Themen.
Die Gegenfrage, die mir da direkt durch den Kopf geht, ist: Erreicht der Dialog jede Person auf ihrem persönlichen Niveau und in einer Form, die sie nicht nur informiert, sondern berührt und zum Denken anregt?
Ein Vergessen, eine Gleichgültigkeit und das Verlieren der Greifbarkeit, die man erhält durch einen persönlichen Dialog mit Zeitzeugen oder den Besucher eines Gedenkortes.
Es muss ein individueller und geschützter Raum geschaffen werden für die Personen, die sich mit der Thematik beschäftigen möchten, durch verschiedene geeignete Medien: beispielsweise Biografien, digitale Formate, Gesprächsformate. Es soll kein Abhaken innerhalb eines Lehrplans sein. Es braucht eine empathische Aufklärung und Erinnerungsarbeit in einem Tempo, das den Anforderungen der jeweiligen Personen entspricht.
Junge Menschen aus unterschiedlichen Altersgruppen und mit verschiedenen Hintergründen treten in den Dialog und können dadurch neue Perspektiven gewinnen oder besser verstanden werden.
Ich gehe da sehr unvoreingenommen rein. Aber ich erwarte einen sehr interessanten und aktiven Austausch mit anderen jungen Menschen, viele neue Einblicke in einen neuen historischen Ort und über einen Teil der Geschichte mehr zu erfahren, mit dem ich mich noch nicht so intensiv befasst habe.