Im Gespräch mit Tova Friedman
„Was immer ihr hört, es war in Wahrheit einhundert Mal schlimmer“
Marejke Tammen
Tova Friedman, eine der wenigen noch lebenden Zeitzeuginnen des Holocaust, appelliert an die Teilnehmer der diesjährigen Jugendbegegnung, die Gemeinsamkeiten mit anderen zu suchen und die Erinnerungen an den Holocaust am Leben zu halten.
Die Holocaust-Überlebende Tova Friedman im Gespräch mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Jugendbegegnung. Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow und Friedmans Enkel Aron waren ebenfalls Teil der Podiumsdiskussion. © DBT / Stella von Saldern
Es ist der letzte und zugleich emotionalste Programmpunkt der fünftägigen Jugendbegegnung: die Podiumsdiskussion mit der Holocaust-Überlebenden Tova Friedman. Nachdem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Friedman bereits während der Gedenkstunde am Mittwoch, 28. Januar, gesehen und gehört hatten, haben sie jetzt die Möglichkeit, mit ihr ins Gespräch zu kommen. An der Diskussion, die anlässlich des Tages des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus stattfand, nahmen auch Friedmans Enkel Aron Goodman sowie Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow teil.
Mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede
Friedman, eine der wenigen noch verbliebenen Zeitzeugen des Holocaust, die noch aus eigener Erfahrung berichten können, hatte bereits am Mittag eine Gedenkrede vor dem Parlament gehalten. Eindrücklich warnte sie vor einem vielerorts wiedererstarkenden Antisemitismus, dem es sich entschieden entgegenzustellen gelte. „Neutralität im Angesicht des Hasses ist keine Neutralität – sie bedeutet Zustimmung“, so Friedman.
Im Gespräch mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Jugendbegegnung appellierte Friedman an die jungen Erwachsenen, in andere Länder zu reisen, an Austauschprogrammen teilzunehmen und sich mit Jüdinnen und Juden zu unterhalten. „Denn in Wahrheit ist es doch so: Wir haben sehr viel mehr gemeinsam, als uns trennt.“
Auch Friedmans Enkel, Aron Goodman, mit dem sie gemeinsam auf TikTok über den Holocaust aufklärt, betonte: „Es ist leichter, eine Zahl zu töten als einen Namen.“ Es gehe darum zu erkennen, dass die andere Person auch ein Mensch sei. Denn sobald man jemandem das Recht auf Menschsein versagt, komme es zu einer „Gewaltspirale“.
Einhundert Mal schlimmer
Eine Teilnehmerin wollte von Friedman wissen, ob sie im Austausch mit anderen Überlebenden stehe und ob es ihr einfacher falle, ihre Geschichte Menschen zu erzählen, die den Holocaust selbst erlebt hätten. Friedman bejahte und betonte, dass nur Überlebende wirklich verstehen könnten, was sie erlebt habe. Denn: „Was auch immer ihr hört, es war in Wahrheit einhundert Mal schlimmer“, so Friedman.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges emigrierte Friedman mit ihren Eltern in die USA. Doch ihre Erfahrungen mit Amerikanerinnen und Amerikanern seien alles andere als positiv gewesen, wie Friedman den jungen Erwachsenen erzählte. „Niemand wollte die Nummer auf meinem Arm sehen.“ In der Schule baten die Lehrer sie, einen Pullover mit langen Ärmeln zu tragen, damit man die Nummer nicht sieht.
Es wird nicht mehr lange möglich sein, mit Holocaust-Überlebenden ins Gespräch zu kommen. Umso besonderer ist es für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, dass sie die Chance dazu hatten. © DBT / Stella von Saldern
„Wir brauchen Ihre Hilfe“
Positiv überrascht sei Friedman gewesen, als sie das erste Mal zu Besuch in Deutschland gewesen sei. Im Vorfeld habe sie sich davor gefürchtet, die deutsche Sprache zu hören und Schäferhunde zu sehen. Doch entgegen ihren Befürchtungen sei sie „sehr gut behandelt“ worden. „Ich glaube, ich habe in Deutschland den besten Empfang bekommen, den ich jemals bekommen habe.“
Die Frage, ob es in Ordnung sei, Vergleiche zwischen dem Holocaust und heutigen Entwicklungen und heutigen rechtsextremen Parteien zu ziehen, verneinte Friedman entschieden. Es seien „fruchtbare Gruppierungen“, und man müsse ihnen Einhalt gebieten, bevor sie größer würden. Für einen Holocaust brauche es aber ein ganzes Land. Und sie sehe viele Menschen, die gegen diese Parteien kämpfen. „Es ist eine furchtbare Zeit gerade, und wir brauchen Ihre Hilfe.“
Die Podiumsdiskussion in voller Länge
Marejke Tammen
Marejke hat ihr journalistisches Volontariat unter anderem in der mitmischen-Redaktion absolviert. Während dieser Zeit ging es für sie mit der Jugendbegegnung 2024 nach Bad Arolsen. Die diesjährige Jugendbegegnung begleitet sie als freie Autorin und berichtet an dieser Stelle über ihre Erlebnisse und Erfahrungen.