Zeitzeugin im Interview
„Wütend, aber nicht entmutigt“
Sandra Schmid und Nicole Tepasse
Die Holocaust-Überlebende Tova Friedman wird am 28. Januar anlässlich des Tages des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag sprechen. Im Interview haben sie und ihr Enkel Aron uns erzählt, wie sie mithilfe der sozialen Medien gegen das Vergessen kämpfen.
Aron Goodman dreht Videos für TikTok mit seiner Großmutter Tova Friedman, um über diesen Kanal über den Holocaust aufzuklären. © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Ted Shaffrey
Tova Friedman: Ich war erstaunt, aber ich fühlte mich geehrt! Ich freue mich sehr über die Einladung und bin dankbar, vor solch einem Publikum sprechen zu dürfen.
Aron Goodman: Schon als Kind habe ich die Nummer auf ihrem Arm gesehen und wissen wollen, was das ist. Weil ich so jung war, schützte meine Großmutter mich aber vor der vollen Wahrheit. Sie sagte dann so etwas wie: „Ich war eine Gefangene“ oder „Ich wurde gefangen gehalten“. Je älter ich wurde, desto mehr erzählte sie mir von ihrer Geschichte, bis sie den Eindruck hatte, ich sei alt genug, um Auschwitz zu besuchen. Ich glaube, das war in der Mittelstufe.
Tova Friedman
wurde am 1938 in Polen geboren. Im Alter von fünf Jahren wurde sie mit ihrer Mutter nach Auschwitz-Birkenau deportiert und überlebte vermutlich durch einen technischen Defekt der Gaskammern. Bei den Todesmärschen im Januar 1945 gelang es ihr, sich zwischen Leichen zu verstecken und so zu überleben. Nach dem Krieg emigrierte die Familie in die USA, Friedman arbeitete dort als Therapeutin.
Seit 1998 engagiert sie sich dafür, dass der Holocaust nicht vergessen wird. Sie geht in Schulklassen und hat Bücher geschrieben - eines für Kinder ab zwölf Jahren. Darin erzählt sie, was sie als fünfjähriges Mädchen in Auschwitz erlebt hat. Seit ein paar Jahren nutzt sie auch die sozialen Medien: Gemeinsam mit ihrem Enkel Aron Goodman betreibt sie einen TikTok-Kanal mit mehr als 500.000 Followern, auf dem sie über den Holocaust informiert und sich regelmäßig den Fragen von jungen Menschen stellt.
Aron Goodman: Ja, die Verantwortung, das Wissen über den Holocaust weiter zu tragen, fühle ich – aber sie liegt nicht nur bei mir, sondern bei allen. Im nächsten Jahrzehnt wird es keine Überlebenden mehr geben. Es ist unsere Aufgabe, ihre Geschichten weiterzugeben.
Aron Goodman: Untersuchungen zeigen, dass ein großer Teil meiner Generation Nachrichten und Informationen vor allem aus den sozialen Medien bezieht. An diese jungen Menschen wenden wir uns. In unseren Videos können sie eine Überlebende sehen und sprechen hören. Das ist etwas anderes, als den Holocaust im Unterricht durchzunehmen. Ich habe mit der Hebräischen Universität und mehr als 30 Gedenkstätten, darunter Sachsenhausen und Auschwitz-Birkenau, und einer ganzen Reihe von Museen zusammengearbeitet, um Strategien für den Einsatz sozialer Medien zu pädagogischen Zwecken zu entwickeln. Die Idee ist, die Kinder und Jugendlichen direkt anzusprechen.
Aron Goodman: Als wir 2021 die ersten Videos auf Tiktok hochluden, waren Falschinformationen dort noch nicht so verbreitet. Das hat sich geändert, aber ich halte TikTok gerade auch deswegen mehr denn je für die am besten geeignete Plattform. Dort, wo man Falschinformationen findet, muss man auch die richtigen Informationen zur Verfügung stellen. Es äußern sich dort auch so viele Menschen unverhohlen antisemitisch. Ich wollte dem eine positive, realistischere und authentischere Botschaft entgegensetzen.
Tova Friedman: Das Leben der Kinder hat sich verändert. Sie sind nicht mehr so behütet wie früher – vor allem jetzt, da die Welt in Aufruhr ist. Darüber spreche ich. Ich spreche darüber, wie sie sich fühlen, wenn Kinder in der Schule erschossen werden. Oder ich frage sie, was sie darüber denken, wenn Geflüchtete in ihre Klassen kommen. Ich bringe die Welt in den Klassenraum. Es gab eine Zeit, in der ich das nicht tun musste. Auch Antisemitismus ist ein wichtiges Thema.
Tova Friedman: Es macht mich sehr wütend, aber es entmutigt mich nicht. Im Gegenteil: Es motiviert mich, noch härter zu arbeiten und lauter meine Stimme zu erheben.
Tova Friedman: Ich sorge mich, dass mehr Menschen den Holocaust leugnen, wenn niemand mehr da ist, ihn zu bezeugen und zu sagen: „Ich war dort.“ Davor möchte ich warnen. Der Holocaust darf nicht nur Erinnerung, sondern muss auch Warnung für die Gesellschaft sein, wachsam zu bleiben und sich der Gefahren für die Menschheit bewusst zu sein. Ich hoffe sehr, dass die nächste Generation noch lange als Gewissen fungieren kann, wenn wir Überlebenden nicht mehr da sind. Ich hoffe, dass dann Aron da ist und sagt: „Ja, das ist geschehen.“