Ein Wochenende in Ravensbrück
Zwischen Stille und Erinnerung
Marejke Tammen
Nicht weit von Berlin entfernt liegt ein Ort, der lange Zeit für Schrecken stand: das ehemalige Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Heute ist es Mahnmal, Lernort und Raum für Begegnungen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der diesjährigen Jugendbegegnung haben ein Wochenende auf dem ehemaligen Lagergelände verbracht und dabei Geschichte hautnah erlebt.
Wie und an wen erinnern wir uns? Und wie halten wir das Gedenken am Leben, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt? In der Gedenkstätte Ravensbrück sehen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der diesjährigen Jugendbegegnung mit keinen geringen Fragen konfrontiert. © DBT / Stella von Saldern
Von Berlin aus sind es nicht einmal 100 Kilometer. Keine zwei Stunden Autofahrt, wenn der Verkehr mitspielt. Einfach der A111 folgen, immer Richtung Norden, vorbei an Seen, Wäldern und Orten mit eindrucksvollen Namen wie „Löwenberg“ und „Himmelpfort“. Und dann ist man da: In Fürstenberg/Havel. In Ravensbrück.
Der Kies knirscht unter den Schuhen, als die Gruppe das Gelände betritt. Kein Stimmengewirr, kein Verkehrslärm. Es ist ein Ort der Stille. Der See, die Bäume, die Wege – das alles wirkt geordnet, fast friedlich. Nichts weist auf den ersten Blick auf das hin, was hier geschehen ist. Und doch liegt zwischen den Baracken eine Geschichte: die Geschichte von zehntausenden Frauen und Kindern, die hier entrechtet, ausgebeutet und ermordet wurden.
Rundgang durch die Geschichte
Wie es im größten Konzentrationslager für Frauen in Deutschland aussah, weiß Linus Klappenberger. Er arbeitet freiberuflich für die Bildungsabteilung der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück und führt an diesem eiskalten Samstagmorgen einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer über das Gelände. „Zur Lagerzeit war es hier sehr trubelig und laut“, sagt er, als er durch das Tor zum ehemaligen Häftlingslager geht. „Aus den Lautsprechern hallten Befehle und Ansprachen, Hunde bellten, und immer wieder fielen auch Warnschüsse.“ Ruhepausen gab es kaum. Denn: Wenn die Häftlinge nicht arbeiteten, mussten sie stundenlang Appellstehen.
Dort, wo früher Appell gestanden wurde, erfahren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von der Geschichte des Lagers Ravensbrück und den Schicksalen der Häftlinge. 120.000 Frauen und Kinder, 20.000 Männer und 1.200 weibliche Jugendliche wurden hier interniert, schätzungsweise 28.000 von ihnen wurden ermordet. © DBT / Stella von Saldern
„Dieses militärische Appellstehen diente nicht nur dazu, Befehle zu verkünden“, sagt Linus. „Die Aufseherinnen nutzten es, um die Häftlinge zu zählen, ihren Gesundheitszustand zu prüfen – und natürlich, um sie zu demütigen.“ Sein Atem bildet kleine Wolken in der kalten Luft, und auch die jungen Erwachsenen vergraben die Hände tiefer in den Jackentaschen.
Wie haben wohl die Frauen die Kälte überstanden? Mehr als blau-grau gestreifte, sackartige Uniformen hatten sie nicht. Schmuck, Fotos, Briefe, persönliche Kleidung – all das wurde ihnen bei der Ankunft im Lager abgenommen. Sogar die Haare. Offiziell aus Angst vor Läusen, tatsächlich war es aber ein Akt der systematischen Entmenschlichung. Aus individuellen Frauen sollten Nummern werden – anonym und austauschbar. Nur die Farbe der Winkel auf den Uniformen verriet etwas über ihre Geschichte: Rot für politische Häftlinge, Grün für „Berufsverbrecherinnen“, Schwarz für „Asoziale“.
Zwangsarbeit in deutschen Betrieben
„Dort hinten am Ende der ehemaligen Lagermauer“, Linus zeigt einmal quer über das Gelände, „schloss sich das Siemens-Lager an. Dort mussten die Häftlinge rüstungsrelevante Gegenstände wie Spulen und Schalter herstellen.“ Doch Siemens war kein Einzelfall: Nahezu jeder größere Betrieb in Deutschland beschäftigte Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter.
Für Mikail ist das nichts Neues. Während seiner Ausbildung bei VW hat er sich schon intensiv mit der NS-Vergangenheit des Konzerns beschäftigt. Das Unternehmen engagiert sich seit einigen Jahren in der Gedenkstättenarbeit in Auschwitz. Jedes Jahr verbringen zehn Auszubildende einige Wochen in Auschwitz und helfen bei der Instandhaltung der Gedenkstätte. Einer von ihnen war Mikail. Über sein Engagement in der Erinnerungskultur sagt er: „Ich möchte verhindern, dass so etwas wie der Holocaust noch einmal passiert."
Emmie Arbel: Die Farbe der Erinnerung
Viele Überlebende berichten über ihre traumatischen Erlebnisse. Auch Emmie Arbel hat sich dazu entschieden, ihre Geschichte zu teilen. Mit gerade einmal acht Jahren überlebte sie als Kind einer jüdischen Familie die Konzentrationslager Ravensbrück und Bergen-Belsen. Ihre Eltern starben an den Folgen der Zwangsarbeit und den miserablen Lebensbedingungen im Lager. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges kamen Emmie und ihre zwei Brüder daher in eine holländisch-jüdische Pflegefamilie, mit der sie später nach Israel emigrierten.
Noch heute lebt Emmie in der Nähe von Haifa, reist aber immer wieder nach Deutschland, um als Zeitzeugin über die Verbrechen der Nationalsozialisten zu sprechen. Zum Beispiel mit der Künstlerin Barbara Yelin. Nach zahlreichen intensiven Gesprächen entstand daraus die Graphic Novel „Emmie Arbel. Die Farbe der Erinnerung“.
Zeitzeugengespräch via Videokonferenz
Punkt 19 Uhr: Die Videocall-Verbindung steht. Zwei Personen erscheinen auf der Leinwand im Seminarraum. Links Emmie, dunkle Haare, Brille, im Hintergrund ein großes Bücherregal. Rechts Barbara Yelin. In der nächsten Stunde nehmen sie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit auf eine Zeitreise: nach Ravensbrück 1942, nach Israel ins Kibbuz, an Emmies Küchentisch in Haifa.
Erinnerungsarbeit überspannt nationale Grenzen. Via Videocall hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Möglichkeit, mit der Zeitzeugin Emmie Arbel und der Künstlerin Barbara Yelin ins Gespräch zu kommen. © DBT / Stella von Saldern
Sie erfahren, dass Emmie im Lager geschlagen wurde, immer Bauchschmerzen vor Hunger hatte, im Kibbuz niemand fragte, was sie erlebt hat, und dass sie heute in Cafés gerne nah an der Tür sitzt und nachts Solitär spielt, wenn sie nicht schlafen kann.
Rebellisch sein
Am Ende will eine Teilnehmerin wissen, was junge Leute gegen Antisemitismus tun können. Emmies Ratschlag: Reden, im Gespräch bleiben und lernen, rebellisch zu sein!
Ein Ratschlag, den die Teilnehmerinnen und Teilnehmer direkt in die Tat umsetzen: Sie feiern die Havdalah-Zeremonie, das Ende des Shabbats. Im warmen Licht der Kerze stehen sie dicht beieinander, singen, beten, lachen. Die Arme liegen auf den Schultern der Personen neben ihnen, als wollten sie diesen Moment festhalten – einen Moment gemeinsamer Freude und stiller Verbundenheit, für manche vielleicht auch ein leiser Akt des Widerstands. Hier, ausgerechnet hier, auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers.
Ein Becher Wein (oder in diesem Fall eine Flasche Bier), duftende Gewürze und eine geflochtene Kerze symbolisieren zur Havdalah-Zeremonie das Ende des Shabbat und den Beginn der neuen Woche. © DBT / Stella von Saldern
Ravensbrück, Sonntagmorgen, 7.30 Uhr. Müde Gesichter am Frühstückstisch, die Nacht war kurz. Noch schnell Kaffee nachschenken, dann geht es auch schon weiter im Programm: Eine Workshop-Session steht auf der Agenda. Dafür kommen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in kleinen Gruppen zusammen.
Täterinnen in Ravensbrück
Eine Gruppe begibt sich in die ehemaligen Wohnhäuser der SS-Aufseherinnen, um über die Täterinnenschaft im Frauen-KZ Ravensbrück zu sprechen. Schon beim Betreten der Räume macht sich ein beklemmendes Gefühl breit. Wer waren diese Frauen, die hier über Leben und Tod wachten? Warum entschieden sie sich für diesen grausamen Beruf und wie gelangten sie überhaupt in diese Position?
Ein Blick auf Biografien von SS-Aufseherinnen zeigt: Die Gründe waren so verschieden wie die Frauen selbst. Während manche aus wirtschaftlicher Not oder dem Wunsch nach sozialem Aufstieg in den Dienst der SS traten, taten es andere aus ideologischer Überzeugung. Manche bewarben sich freiwillig auf die Stelle, andere wurden von den Arbeitsämtern dienstverpflichtet. Und doch hatten sie eins gemeinsam: Sie befürworteten Ausgrenzung, Verfolgung und Rassismus.
Ein Fakt, den bis heute manche leugnen. Diese Erfahrung machen auch viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer immer wieder. Gelegenheit, darüber ins Gespräch zu kommen, bietet sich am Nachmittag.
Fragen, Diskussionen, Anregungen
Als die Themen für die Diskussions- und Fragerunden vorgestellt werden, wird es wuselig im Seminarraum. Stühle rücken, Stimmen überschlagen sich. „Ich gehe zu den Zeitzeugen“, sagt jemand. „Ne, ich will lieber über rechte Provokationen reden.“ Nun müssen sie sich entscheiden. Lieber über eine Zukunft ohne Zeitzeugen oder über den Umgang mit rechtsextremen Provokationen in Gedenkstätten sprechen? Lieber fragen, wie man queerem Leben gedenken sollte oder wissen wollen, wie es um das deutsch-tschechische Verhältnis seit dem Holocaust steht?
Gemeinsam setzen sich die Jugendlichen mit den schweren Themen, auf die sie in der Gedenkstätte Ravensbrück stoßen, auseinander. © DBT / Stella von Saldern
Es sind schwierige Themen, die sie sich für die nächsten zwei Stunden ausgesucht haben. Themen, die berühren, aufwühlen und wütend machen. Manche lassen einen ratlos zurück, bei manchen kann man nur ungläubig den Kopf schütteln. Und vor allem sind sie eins: komplex.
Nach zwei intensiven Stunden voller Diskussionen ist für heute erst einmal Schluss. Der letzte Programmpunkt steht an: Lagerfeuer und Stockbrot. Während das Holz in der Glut knistert und das Brot vor sich hin brutzelt, ist Zeit für andere Themen. Bevor es dann morgen zurückgeht – nach Berlin, auf der A111 Richtung Süden.
Das Gelernte der vergangenen Tage muss verarbeitet werden. Der Austausch bei Lagerfeuer und Stockbrot eignet sich dafür perfekt. © DBT / Stella von Saldern
Marejke Tammen
Marejke hat ihr journalistisches Volontariat unter anderem in der mitmischen-Redaktion absolviert. Während dieser Zeit ging es für sie mit der Jugendbegegnung 2024 nach Bad Arolsen. Die diesjährige Jugendbegegnung begleitet sie als freie Autorin und berichtet an dieser Stelle über ihre Erlebnisse und Erfahrungen.