Interview
„Eine Pandemie, die auf Abstand ausgelegt ist, haben wir nie geübt“
Nicole Tepasse und Jasmin Nimmrich
Von März 2020 bis April 2023 hat die Corona-Pandemie unser aller Leben bestimmt. In einer Enquetekommission beschäftigt sich der Bundestag mit der Aufarbeitung und möglichen Lehren. Die Vorsitzende Franziska Hoppermann (CDU/CSU) und die Sachverständige Carolin Kubbe sprechen im Interview über die Einbindungen junger Menschen und was sie im Falle einer erneuten Pandemie anders machen würden.
Während der Corona-Pandemie galt auch im Deutschen Bundestag: Abstand halten. © picture alliance / Flashpic | Jens Krick
Hoppermann: Es gibt zwei Möglichkeiten, wie der Bundestag sich intensiver als in einem normalen Ausschuss mit Themen beschäftigen kann: Die eine Option wäre ein Untersuchungsausschuss. Dieser ist dafür da, rückblickend Fehler aufzudecken und Verantwortlichkeiten von einzelnen Personen oder Verwaltungseinheiten auszumachen. Das zweite Instrument sind Enquete-Kommissionen. Davon hat es schon viele im Deutschen Bundestag gegeben. Und nach der Bundestagswahl 2025 haben sich die Fraktionen in dieser Legislatur mehrheitlich darauf verständigt, eine Enquete-Kommission zum Thema der Corona-Pandemie einzusetzen. Sie hat den Auftrag, nicht nur zu schauen, was alles falsch gelaufen ist und welche Fehler gemacht wurden. Sie kann ebenso anerkennen und zur Sprache bringen, was gut gewesen ist. Und sie soll vor allem Empfehlungen für die Zukunft erarbeiten – und das unter anderem mit Hilfe von externen Sachverständigen aus der Praxis, aus dem Gesundheitsbereich, aus der Wirtschaft und Wissenschaft, die mit ihrer Expertise den Blick von außen auf die politischen Themenfelder einbringen.
Franziska Hoppermann (CDU/CSU)
sitzt seit 2021 im Deutschen Bundestag. Seit dem 8. September 2025 ist sie Vorsitzende der Enquete-Kommission „Aufarbeitung der Corona-Pandemie und Lehren für zukünftige pandemische Ereignisse“.
Kubbe: Als Sachverständige sehe ich meine Aufgabe vor allem in der Beratung. In die Enquete-Kommission bringe ich insbesondere meine praktischen Erfahrungen als Schulleiterin ein. Dadurch kann ich einen vertieften Einblick in die Situation und die Entwicklungen an den Schulen während der Pandemie geben. Wenn die Kommission zu bestimmten Themen Expertinnen und Experten in ihre Sitzungen einlädt, geben diese zunächst ein Eingangsstatement ab. Anschließend folgen Fragerunden, in denen gezielt nach weiteren Details und Einschätzungen gefragt werden kann. An diesem Prozess teilzunehmen, ist für mich eine beeindruckende demokratische Erfahrung, die ich auch gerne in die Schule zurücktrage.
Carolin Kubbe
ist Schuldirektorin einer integrierten Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe. Sie ist eine von insgesamt 14 Sachverständigen der Enquete-Kommission und wurde durch die CDU/CSU-Fraktion ernannt.
Hoppermann: Ich habe ja die besondere Rolle der Vorsitzenden der Kommission inne. Das heißt, mir ist sehr wichtig, dass wir in dieser besonderen Situation alle betroffenen Lebensbereiche, alle Menschen, alle Unternehmensbereiche betrachten, sodass wir sichergehen, dass alles zur Sprache kommen kann. Der zweite entscheidende Punkt ist für mich, dass wir unserer Verantwortung, eine auch in dieser Frage gespaltene Gesellschaft wieder zusammenzuführen, gerecht werden. Dies passiert aus meiner Sicht dadurch, dass wir zuhören und alle Lebensrealitäten einen Platz bekommen, die sonst vielleicht zu kurz kommen. Meine ganz persönliche Erfahrung ist, dass diese Mitsprachemöglichkeit schon ein Stück weit der Verbitterung entgegenwirken kann. Darüber hinaus ist mir wichtig, dass wir mit der Enquete-Kommission besondere Formate veranstalten. Zum einen stellen wir Bürgerforen in Nord, Ost, Süd und West mit aus dem Melderegister zufällig ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern auf die Beine. So wollen wir die Erfahrungen direkt sammeln. Zum anderen werden wir auch Beteiligungsformate explizit für Kinder und Jugendliche veranstalten. Bei all dem spielen die Mitglieder der Kommission selbst keine Rolle, sondern die betroffenen Menschen selbst werden zu Wort kommen.
Kubbe: In einer unserer letzten Sitzungen fiel das Stichwort „Zuhören“, und ich glaube, genau darum geht es bei unserer Arbeit. Corona hat uns alle betroffen, zugleich aber auch die Gesellschaft in Teilen gespalten. Umso wichtiger ist es, das Verständnis füreinander, das in dieser Zeit verloren gegangen zu sein scheint, wieder neu aufzubauen.
Hoppermann: Wir haben bei den Formaten mit direkter Bürgerbeteiligung stets Awareness-Teams dabei, so dass ein gewisses Maß an psychologischer Betreuung sichergestellt ist, um emotional aufgeladene Situationen auch direkt vor Ort auffangen zu können. In den Enquete-Sitzungen wiederum haben wir ja Expertinnen und Experten zu Gast, mit denen eher ein Fachgespräch geführt wird. Richtig große Emotionen kommen da nicht auf. Allerdings wird es durch Desinformationskampagnen und Verschwörungstheorien zunehmend schwieriger, deutlich zu machen, was wahr ist und was nicht. Davon ist auch die Arbeit der Kommission betroffen. Wenn es dann mal heftiger wird, auch in der Kommission mit den Expertinnen und Experten, ist es meine Aufgabe als Vorsitzende, dies zu moderieren.
Kubbe: Zu Beginn war absolut niemandem klar, was da auf uns zukommt: Wohin entwickelt sich die Situation? Was bedeutet das für unseren Alltag in der Schule? Wir haben daher sehr schnell versucht zu reagieren – etwa indem wir digitale Endgeräte zu den Familien nach Hause gebracht haben, um die Schülerinnen und Schüler auf diese Weise wiederzusehen und ihnen Struktur im Alltag zu geben. Ich glaube, das war für viele von ihnen sehr wichtig. Gerade in angespannten sozialen Milieus, in denen die Wohnverhältnisse beengt waren, viele Menschen gleichzeitig zu Hause waren und jeder versuchen musste, einen Platz für sich zu finden, spielte das eine große Rolle. Deshalb haben wir vor allem versucht, digital in Kontakt zu bleiben. Rückblickend hat uns das allen sehr geholfen. Als Lehrerinnen und Lehrer sind wir insgesamt sehr kreativ mit dieser absoluten Ausnahmesituation umgegangen. Das hat uns untereinander, aber auch mit den Schülerinnen und Schülern enger zusammengeschweißt. Auch nachdem wieder ein Stück Normalität eingekehrt war, hat uns die Pandemie noch lange im Klassenzimmer begleitet – und in Teilen tut sie es bis heute. Manche Schülerinnen und Schüler, die an Long Covid erkrankt sind, werden mittlerweile per Avatar beschult oder regelmäßig von ihren Lehrerinnen und Lehrern zu Hause besucht. Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir für mögliche zukünftige Pandemien Strukturen entwickeln, mit denen wir den unterschiedlichen Bedürfnissen aller Schülerinnen und Schüler gerecht werden können.
Hoppermann: Zum einen bin ich selbst Mutter, ich hatte also die gleichen Herausforderungen wie viele andere auch, was die Kindererziehung und das Arbeiten in Vollzeit während der Krisenbewältigung angeht. Ich habe in dieser Zeit sehr zugewandte Lehrkräfte erlebt, die sich viel haben einfallen lassen und angerufen haben, regelmäßig gecheckt haben, wie die Lage bei den Kindern zu Hause ist. Ich habe aber auch Kinder erlebt, die aufgeblüht sind, die in der Schule ansonsten von Mobbing und Ausgrenzung betroffen waren, die gesagt haben, auch rückblickend: Das war die beste Zeit meines Lebens, weil ich dem mal nicht ausgesetzt gewesen bin. Ich habe viele Eltern erlebt, die Schwierigkeiten hatten, Job und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bringen. Ich habe viele Frauen erlebt, die wieder in ganz alte Muster zurückgefallen sind: Wer hat sich denn gekümmert und ist im Zweifel zuhause geblieben? Aber es gab in dieser ganzen Zeit auch enorm viel Kreativität, ganz viel Gutes, ganz viel Gemeinschaft – auch dies wollen wir in der Kommission herausarbeiten.
Hoppermann: Wir haben es heute mit einer Generation zu tun, die in dieser Zeit jugendlich war, also zwischen zehn und 20 Jahren, mitten im Übergang von Schule zu Studium oder Ausbildung. Sie musste enorm viel schlucken und schultern. Gerade der Start ins Studium ist während Corona an ganz vielen Stellen digital nicht gelungen. Und es ist auch eine Generation, so habe ich sie zumindest erlebt, die anders groß geworden ist, als ich es bin. Ich selbst war wenig zuhause, habe mich viel verabredet. Heute spielen viele online von zuhause gegeneinander, jeder und jede für sich in seinen vier Wänden. Sich draußen zu treffen und wegzugehen, sich woanders mit seiner Peergroup treffen, das musste diese Generation erst wieder richtig lernen.
Hoppermann: Es gibt eine Anhörung der Kinderkommission von Kinder- und Jugendverbänden, um die wir als Enquete-Kommission gebeten haben. Und gemeinsam mit der Kinderkommission organisieren wir im April eine Veranstaltung mit 150 zufällig ausgewählten Kindern und Jugendlichen im Alter von zwölf bis 25 Jahren im Deutschen Bundestag. Wir freuen uns sehr darauf, dass sie herkommen und ihre Erfahrungen und Wünsche mit uns teilen. Uns ist es enorm wichtig, ein Umfeld zu schaffen, in dem die Kinder und Jugendlichen sich wirklich öffnen und Dinge sagen können. Alles, was an diesem Tag von den Kindern und Jugendlichen zusammengetragen wird, werden wir anonymisiert dokumentieren, weil wir natürlich als Enquete-Kommission auch mit den Ergebnissen dieses Tages arbeiten wollen. Kinder und Jugendliche gehören auf jeden Fall zur Gruppe der Betroffenen, deren Aussagen über das, was gut war, was schwierig war, und wie wir es in Zukunft besser machen sollten, für uns entscheidend sein werden.
Kubbe: Das ist eine gute Frage. Ich glaube, die Energie und Motivation, mit der wir die Schule geleitet, den Kindern Struktur gegeben und kreativ auf die verschiedenen Maßnahmen reagiert haben, müssen wir unbedingt beibehalten. Gleichzeitig ist es wichtig, dass wir die Strukturen, die wir uns inzwischen erarbeitet haben – etwa im Bereich des digitalen Lernens – künftig von Anfang an besser nutzen. Auch wir Lehrkräfte sind heute deutlich besser auf solche Ausnahmesituationen vorbereitet. Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir vor dem Fernseher saßen und die Pressekonferenzen mitgeschrieben haben. Einige Stunden später folgte dann der entsprechende Erlass per E-Mail mit konkreten Anweisungen. Mit der Umsetzung waren wir anschließend unter erheblichem Zeitdruck und mussten die Maßnahmen dann versuchen bestmöglich umzusetzen. Genau deshalb müssen diese Entscheidungs- und Abstimmungsprozesse künftig besser, schneller und vor allem mit mehr direktem Austausch gestaltet werden. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass wir diese Anliegen in der Enquete-Kommission voranbringen können.
Hoppermann: Was in einigen Sitzungen schon deutlich geworden ist: Ein Setting wie die Pandemie haben wir noch nie geübt. Jeder kennt Brandschutzübungen, Sirenen-Alarm, je nach Region Sturmflutwarnungen und Evakuierungen aufgrund von Blindgänger-Bombenfunden. Aber eine Pandemie, die auf Abstand ausgelegt ist, haben wir nie geübt. Aber man muss Szenarien üben, auch wenn man sich wünscht, dass sie nie eintreten werden. Was so besonders war: Die Krise hat das gesamte Land erfasst. Sonst kennen wir das nur punktuell. Im Falle einer landesweiten Krise beraten wir jetzt viel darüber, was die richtige Entscheidungsstruktur und -ebene ist oder welche Rolle die Parlamente im Verhältnis zu den Regierungen haben, die die Entscheidungen irgendwie vorbereiten und umsetzen müssen. Und vor allen Dingen müssen wir uns mit dem Faktor Zeit beschäftigen! Gerade dahingehend erhoffe ich mir, dass wir Ideen und Vorschläge erarbeiten.
Kubbe: Die durch die Corona-Pandemie entstandenen Strukturen werden heute bewusst weitergeführt. Gerade von der digitalen Infrastruktur profitieren wir im Schulalltag noch immer sehr. Klassenbücher werden mittlerweile vollständig digital geführt, und niemand muss mehr einen dicken Wälzer mit sich herumtragen – das wäre noch vor sechs Jahren kaum vorstellbar gewesen. Ebenso ist es für Schülerinnen und Schüler heute ganz selbstverständlich, über digitale Portale mit ihren Lehrkräften zu kommunizieren – und umgekehrt für Lehrkräfte mit den Eltern. Diese Strukturen helfen uns auch in Situationen wie Schnee, Sturm oder Streik. Auch die Eltern haben sich inzwischen darauf eingestellt, per E-Mail zu kommunizieren. Früher gab es dafür noch die sogenannte „Ranzenpost“, die man heute, soweit ich sehe, eigentlich nur noch in der Primarstufe findet.
Hoppermann: Inwieweit die Exekutive das insgesamt üben kann, ist noch zu entwickeln. Aber es gibt da Parallelen zum Zivil- und Katastrophenschutz. Kommt es beispielsweise zu einem Massenanfall von Verletzten, dann ist zwischen den Einsatzkräften und Hilfsorganisationen klar, was passieren muss, wer wofür zuständig ist und was als nächstes passiert. Wir sind ja auch an anderer Stelle als Land ziemlich bedroht und haben eine unsichere Weltlage, auf die wir reagieren müssen – und da geht es auch um Resilienz. In welches genaue Übungsszenario wir all dies übersetzen, das muss dann die Bundesregierung zusammen mit den Landesregierungen noch entwickeln.