Schul-Expertin

„Wie eine große Familie“

03.12.2019 – Wer entscheidet, wo im Ausland eine "Deutsche Schule" gebaut wird? Und wie viele gibt es überhaupt? Heike Toledo von der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen über klitzekleine Schulen, deutsche Lernkultur und Surfweltmeister.
Wer geht auf Deutsche Schulen im Ausland? Kinder und Enkelkinder von deutschen Auswanderern, andere, die einfach so Deutsch lernen möchten, Kinder von Eltern, die für große deutsche Unternehmen im Ausland arbeiten und Diplomaten-Kinder. © Deutsche Schule Porto Seguro

Warum gibt es Deutsche Schulen im Ausland? 

Damit Schülerinnen und Schüler auch im Ausland die Chance haben, intensiv Deutsch zu lernen und einen deutschen Schulabschluss zu machen, um vielleicht später in Deutschland zu studieren. 

Die ersten deutschen Auslandsschulen sind vor über 150 Jahren entstanden. Damals wurden sie von Auswanderern gegründet, die Deutschland in schwierigen Zeiten verlassen haben, zum Beispiel in Richtung Lateinamerika. Und deren Kinder sollten auch dort eine deutsche Schulbildung bekommen. Deutsche Schulen im Ausland garantieren Kindern von deutschen Wirtschaftsvertretern, Journalisten oder Diplomaten einen Schulbesuch, der eine Fortsetzung in Deutschland ermöglicht. Alle Schulen sind Orte der Begegnung, sowohl für die internationale Schülerschaft, als auch für die Lehrkräfte aus den Sitzländern und aus Deutschland.

Wie viele Deutsche Auslandsschulen gibt es heute? 

Im Moment sind es 140 weltweit. 

Welche ist die größte? 

Mit 2.356 Schülerinnen und Schülern steht die größte Schule in Sao Paulo in Brasilien. In Madrid gibt es für Europa eine überdurchschnittlich große Deutsche Schule mit mehr als 1.500 Schülerinnen und Schülern. Sie ist vor gar nicht langer Zeit in ein sehr modernes neues Schulgebäude gezogen. 

Und welche ist die kleinste? 

Im kanadischen Toronto gibt es eine erweiterte Grundschule mit 56 Schülerinnen und Schülern. Dort geben Eltern ihre Kinder hin, damit sie in den ersten sechs Schuljahren einen Grundstock in Deutsch bekommen. Wenn sie dann stabil auf Deutsch lesen und schreiben können, gehen sie auf fortführende  Schulen in Toronto, die einen guten Ruf in Deutschland genießen. 

Wer entscheidet, wo eine neue Deutsche Schule entsteht?

Es beginnt häufig mit Initiativen von Eltern, die sich eine Deutsche Schule vor Ort wünschen. Sie gründen oft Vereine – und dann melden sie sich bei uns. Das Auswärtige Amt entscheidet, ob es so eine neue Initiative unterstützt. Wenn ja, dann bekommt die Schule unter bestimmten Voraussetzungen von uns einen staatlichen Zuschuss. Aber alle 140 deutschen Auslandsschulen sind private Schulen, an denen die Eltern in der Regel Schulgeld zahlen. 

Wer geht dort zur Schule? 

Das sind verschiedene Gruppen. Es gibt die Kinder und Enkelkinder von deutschen Auswanderern. Es gibt auch Ortsansässige, die gar keine deutschen Vorfahren haben, aber Deutsch lernen und eventuell in Deutschland studieren wollen. Und natürlich gibt es auch die Kinder von Eltern, die für große deutsche Unternehmen im Ausland arbeiten, ebenso Diplomaten-Kinder oder etwa Kinder von Journalisten, die für ein paar Jahre im Ausland leben. Für sie ist der Wiedereinstieg ins deutsche Schulsystem natürlich einfacher, wenn sie im Ausland an einer Deutschen Schule waren. 

Was unterscheidet eine Auslandsschule von einer ganz ‚normalen‘ Schule in Deutschland? 

Na ja, auch in Deutschland gibt es ja sehr unterschiedliche Schulen. Die ‚normale‘ Schule gibt es eigentlich gar nicht. Das zeichnet unser Bildungssystem ja auch aus, dass wir keine Einheitsschule haben. 

Aber uns ist schon wichtig, die deutsche Lernkultur an den Auslandsschulen zu vermitteln. Wir achten darauf, dass die Lehrerinnen und Lehrer ihren Schülerinnen und Schülern eigenständiges und soziales Lernen beibringen. Diese Lernkultur trifft in vielen Ländern auf ganz andere traditionelle Vorstellungen von Lernen, die stärker auf Faktenwissen und Auswendiglernen ausgerichtet sind. Diese Mischung ist gerade spannend. 

Besonders ist an den von uns geförderten Schulen außerdem, dass die Schülerschaft sehr vielfältig ist. Es gibt eine internationale Schülerschaft, alle tragen in sich eine eigene Mehrsprachigkeit. Die deutschsprachigen Fächer müssen daher sehr sprachsensibel unterrichtet werden.

Die deutschen Schüler bleiben im Durchschnitt drei bis fünf Jahre an einer Schule. Es ist also normal, dass neue Kinder und Jugendliche kommen und gehen. Deshalb machen wir eine starke Alumni-Arbeit, um ihnen bezüglich ihres Bildungswegs Halt und Beständigkeit zu geben. 

Bekommen Sie denn Feedback von ehemaligen Schülern? 

Oh ja. Viele danken uns, wenn sie hier in Deutschland studieren und erste Erfolge erzielen. Wir haben übrigens auch prominente Alumni: Giovanni di Lorenzo zum Beispiel, der Herausgeber der ZEIT, besuchte in Rom die Deutsche Schule. Weitere Alumni sind die Schauspielerin Jasmin Tabatabai (Deutsche Schule Teheran), der Star-Tenor Rolando Villazón (Deutsche Schule Mexiko), der Windsurf-Weltmeister Philip Köster (Deutsche Schule Santa Cruz de Tenerife), der Gewinner beim Ironman Hawaii 2015, 2016, 2019 Jan Frodeno (Deutsche Internationale Schule Kapstadt). Eine nicht geringe Zahl von Botschaftern in Berlin waren an Deutschen Auslandsschulen in ihren Heimatländern. Für sie war der Besuch der Deutschen Auslandsschule der entscheidende Faktor für ihren Karriereweg. 

Und wir haben ein Mentoren-Programm, in dem ehemalige Schülerinnen und Schüler von Deutschen Auslandsschulen, die in Deutschland studieren, den jüngeren Studienanfängern beim Einleben hier in Deutschland helfen. Dabei ist es ganz egal, von welcher Deutschen Auslandsschule man kommt. Es ist wie eine große Familie.

Wer unterrichtet an Auslandsschulen? 

Zum Teil ausgewanderte Deutsche. Zum Teil deutschsprachige Lehrkräfte vor Ort. Aber die Lehrerinnen und Lehrer, die im Ausland das Deutsche Abitur abnehmen, kommen aus den 16 Bundesländern. Sie unterrichten sonst in Deutschland und gehen für einige Jahre ins Ausland. Aktuell sind ungefähr 2.000 deutsche Lehrkräfte im Ausland tätig. 

In Deutschland ist Bildung ja überwiegend Sache der Bundesländer. Es gibt also 16 Bildungssysteme. Nach welchem richten sich die Deutschen Auslandsschulen? 

Früher haben wir uns an zwei exemplarischen Bundesländern orientiert: Thüringen und Baden-Württemberg. Inzwischen gibt es ja auch hier in Deutschland die Bildungsstandards. Daraus hat man jetzt Kern-Lehrpläne für alle Deutschen Auslandsschulen gebildet. Es gibt das Deutsche Internationale Abitur der Kultusministerkonferenz für die Deutschen Auslandsschulen mit gleichen Anforderungen und einheitlicher Prüfungsordnung. 

Und das wird in Deutschland überall anerkannt? 

Ja. Aber von den 140 Deutschen Auslandsschulen bieten nicht alle das Deutsche Internationale Abitur an. Einige  bieten auch einen anderen internationalen Abschluss mit hohem Anteil an deutschsprachigen Fächern an, mit dem man auch direkt in Deutschland studieren kann.

Über Heike Toledo 

Heike Toledo hat früher als Lehrerin gearbeitet. 2007 wechselte sie zur Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA), die Teil des Bundesverwaltungsamtes ist. Seit 2017 leitet sie die ZfA, die unter anderem dafür zuständig ist, die Lehrer auszuwählen und vorzubereiten, die an Auslandsschulen gehen. 

(jk)

Kommentare