Tochter-Vater-Gespräch zur DDR

„Man hat einen ständigen Mangel gespürt“

31.10.2019 – Wie sich das Wirtschaftssystem der DDR auf das tägliche Leben auswirkte und wie er die Zeit der Friedlichen Revolution erlebte, erzählt Bertram seiner Tochter Hanna im Gespräch.
Vater und Tochter
„Ich merkte, wie ich Teil einer großen Bewegung war, die auf friedliche Weise für Veränderung kämpfte“, sagt Bertram über die Friedliche Revolution. © privat

Wie sah dein Alltag in der DDR aus und wie unterschied er sich von meinem Alltag heute?

Mein Alltag sah eigentlich größtenteils so aus wie deiner heute. Auch ich musste morgens in die Schule gehen und kam nach sechs oder sieben Unterrichtsstunden nach Hause. Den Nachmittag habe ich mit Freunden verbracht, Fußball und Quartett gespielt, Comics gelesen, solche Sachen.

An der Schule müssen aber doch ein paar Dinge anders gelaufen sein als heute, oder?   

In der DDR war ein großer Teil des Unterrichtes ab der 7. Klasse vorbereitend auf die Arbeit in der „sozialistischen Produktion“. Man sollte hingeführt werden zu den Bedingungen, die das Arbeiten in der DDR bot. Dafür gab es zwei Fächer: PA, das stand für „Produktive Arbeit“, und ESP: „Einführung in die Sozialistische Produktion“. Der überwiegende Teil der Schüler, die die 10. Klasse abschlossen, begann schließlich danach eine Lehre.

Du hast die DDR ja größtenteils als Schüler erlebt. 

Genau. Ich bin 1979 eingeschult worden und blieb dann bis 1989 an der sogenannten POS – der Polytechnischen Oberschule. Die letzten zwei Jahre durfte ich mit anderen leistungsstärkeren Schülern an der Erweiterten Oberschule – kurz EOS – lernen und dort mein Abitur ablegen. Das war nur ungefähr zehn bis 15 Prozent eines Jahrgangs vorbehalten. Zum Zeitpunkt der Wende war ich 17 und in der 11. Klasse. Die EOS war sehr staatsnah. Viele der Klassenkameraden hatten Eltern, die Parteimitglied in der SED waren.

Wenn ihr in der Schule über Politik gesprochen habt, musstet ihr euch da systemfreundlich äußern oder konntet ihr auch individuelle Meinungen aussprechen?

Wir haben im Herbst 1989 wirklich viel über Politik geredet und mit den Lehrern diskutiert. Es gab sehr kontroverse Meinungen. Das war natürlich eine besondere Zeit damals, weil eigentlich schon klar war, dass es mit der DDR zu Ende geht. Da war die Stellung des Staates und somit auch der Lehrer geschwächt, so dass wir Schüler uns mehr trauten.

Habt ihr zu Hause über den Staat gesprochen? 

Natürlich. Meine Eltern waren ja beide berufstätig und in bestimmte Strukturen eingebunden, die solche Gespräche veranlassten. Ich erinnere mich, dass mein Vater, der Laborleiter in der Arzneimittel-Forschung war, gelegentlich davon erzählte, dass die Arzneimittel-Produktion nicht so vonstatten gehen konnte wie geplant, weil Materialien fehlten oder Anlagen kaputt waren. 

Die ungünstigen Bedingungen in der DDR-Wirtschaft spielten darüber hinaus in allen Familien eine Rolle, denn die hatten ja Auswirkung darauf, was es zu kaufen gab – oder eben nicht. Man hat eigentlich immer einen ständigen Mangel gespürt.

Kannst du ein Beispiel nennen? 

Wenn mal was kaputt war, bekam man nur schwer Handwerker. Man musste entweder gute Beziehungen haben – oder die Handwerker bestechen, mit guten West-Zigaretten oder Radeberger Bier zum Beispiel.

Die Wirtschaft hat euch also privat mehr betroffen als die Politik?

Beides kann man nicht voneinander trennen. Die Politik hat ja die sozialistische Planwirtschaft geregelt – und das hat eben nicht richtig funktioniert. Das System sah ja vor, dass die Produktion vergesellschaftet wird. Aber wenn das so ist, dann fühlt sich eben niemand so direkt für irgendetwas verantwortlich.

Die Grenzen waren ja dicht. Hast du dich trotz dessen frei gefühlt? Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es für mich wäre, wenn ich nicht überall hinfahren dürfte. 

Interessanterweise war es bei mir so, dass man als Jugendlicher zwar wusste, es gibt noch eine große weite Welt, die schien aber so weit weg, dass man nicht ernsthaft glaubte, dass man da mal hinkönnte. Ich war in den 80er Jahren öfter in Ost-Berlin, um Verwandte zu besuchen. Dort habe ich an der Mauer gestanden und auf die BRD-Seite geguckt. Aber ich habe darüber nicht tiefgründig nachgedacht, sondern es nur zur Kenntnis genommen. Ich habe mich deshalb nicht unfrei gefühlt, weil wir ja trotzdem in einige sozialistische Länder Osteuropas reisen konnten. 

Mama sagt, für sie war die Unfreiheit eher innerlich, weil sie immer von dem Gefühl geplagt war, nicht alles sagen zu dürfen, was sie wollte. Ging es dir auch so?

Nein, ich habe mich eigentlich auch da frei gefühlt. Ich habe mich aber auch sehr für die Schule engagiert. Da hätte ich schon viel Mist bauen müssen, um ernsthaft Ärger zu kriegen.

War euch damals bewusst, dass ihr in einer Diktatur lebt?

Ja, wir wussten das und es wurde sogar öffentlich gesagt. Die DDR hieß ja auch die „Diktatur des Proletariats“. Das wurde als ideologische Leitlinie verkündet. Im Grunde wurde so getan, als wäre man stolz drauf. Wir haben das aber nicht so hinterfragt, weil wir an diese hohlen Floskeln gewöhnt waren.

Wie hast du das Ende dieser Diktatur, also die Friedliche Revolution und dann die Wiedervereinigung erlebt?

Das war für mich eines der tollsten Erlebnisse meines Lebens. Ich merkte damals, wie ich Teil einer großen Bewegung war, die auf friedliche Weise für Veränderung kämpfte. Ich war damals 17. Ich kann zwar nicht behaupten, dass ich an vorderster Stelle dabei war, aber ich bin mit Familie und Freunden zu den montäglichen Demos in Dresden gegangen, habe mit Freunden die Schule plakatiert und mit den Lehrern diskutiert. Ich erinnere mich noch an den 7. Oktober 1989, den 40. Jahrestag der DDR. An dem Abend war ich im Theater in Dresden und habe danach gesehen, wie überall Polizei auftauchte. Es lag in diesen Tagen durchgehend Spannung in der Luft und man hat eigentlich nur darauf gewartet, dass die Lage kippte. 

Das klingt aber nicht sehr friedlich… 

Teilweise agierten die Polizisten sehr brutal, weil sie unbewaffnete Demonstranten festnahmen und dabei hart zur Sache gingen. Trotzdem kann man diese spannungsgeladenen Tage als „friedliche Revolution“ bezeichnen, weil es keine Toten gab – anders als bei allen anderen Revolutionen der deutschen Geschichte.

Hattest du damit gerechnet, dass die Mauer fallen würde?

Es war eine ganz große Überraschung. Ich habe damals, am 9. November 1989, zufällig Fernsehen geschaut. Und da habe ich dann diese berühmte Pressekonferenz gesehen, bei der das Ausreiseverbot aufgehoben wurde. Aber ich habe das überhaupt nicht kapiert und schlussfolgern können, dass es bedeutete, dass die Grenzen geöffnet werden. Am Abend kam dann im Radio, wie die Massen in Berlin feiern. Wir konnten es gar nicht glauben.

Wenn der Mauerfall so eine unvergessliche Sache gewesen ist, kannst du dich bestimmt auch noch an deinen ersten Ausflug nach Westdeutschland erinnern, oder?

Natürlich! Das war am 16. November 1989, als ich mit meinem Bruder in einem sehr vollen Zug nach Berlin gefahren bin. Ich weiß noch haargenau, wie der erste Blick auf Westberlin war, als ich nach einer U-Bahn-Fahrt die Treppe hochging: Ich sah zuerst die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche und die Leuchtreklamen. Da musste ich erstmal schlucken. Gleich am Abend haben wir uns noch das Begrüßungsgeld geholt und ich habe mir davon umgehend zwei Bruce-Springsteen-Schallplatten gekauft. Ein Imbissverkäufer hat uns sogar etwas zu Essen geschenkt, so als Willkommensgeste. 

Hast du mal darüber nachgedacht, wie dein Leben aussähe, wenn es die Wiedervereinigung nicht gegeben hätte und du immer noch in der DDR leben würdest?

Oh, eine schwierige Frage. Mein Leben wäre natürlich vollkommen anders verlaufen. Ich wäre vermutlich nicht Lehrer geworden, sondern möglicherweise Arzt. Aber vielleicht hätte ich ja auch irgendeine Chance ergriffen, woanders leben zu können, wo man größere persönliche Freiheiten hat.   

Bertram ist 1972 geboren und in einer Kleinstadt in der Nähe von Dresden aufgewachsen. Erst nach der Wiedervereinigung lernte er seine Frau kennen, die aus der gleichen Gegend stammt. Sie leben heute mit ihren drei Kindern in Dresden. 

Kommentare