EU-Parlament

Junge Köpfe für Europa

22.05.2019 – Auch junge Bewerber drängen ins EU-Parlament. Wir stellen euch sechs von ihnen vor.

Christian, du gehörst zu den jüngsten deutschen Kandidaten für die Europawahl; wie bist du in die Politik gekommen? Erzähl uns dein Schlüsselerlebnis!

Mein Weg in die Politik ist eine ganz klassische Geschichte: Mit zwölf Jahren habe ich mich für den Jugendgemeinderat in Brand, meinem schönen Dorf in Bayern, aufstellen lassen. Ich wollte jugendpolitische Dinge auf kommunaler Ebene anpacken – wir haben zum Beispiel Müllaufräum-Aktionen gestartet, Tanzkurse organisiert oder ein Jugendzentrum geschaffen. Später wollte ich mich dann parteipolitisch engagieren und bin in die Junge Union eingetreten, die Jugendorganisation von CDU/CSU. 

Kurz und knapp: womit trittst du an, was sind deine zwei Kernthemen?

Erstens sollten wir die Digitalisierung anpacken, denn wir haben europaweit riesige Chancen der Entwicklung auf diesem Gebiet. Zweitens möchte ich, dass Europa als Zukunftsprojekt wahrgenommen wird und wieder an Vertrauen gewinnt. Dafür braucht es mehr Transparenz: Wir müssen dem Eindruck entgegenwirken, dass in Europa alles in Hinterzimmern entschieden wird. Ich fände es deshalb ganz gut, EU-Abgeordnete direkt zu wählen und Europa dadurch mehr Gesicht zu geben.

Die EU steht oft in der Kritik: zu abgehoben, zu undurchsichtig, zu kleinschrittig. Geht das in einem so großen Staatenbund überhaupt anders und wenn ja, was muss sich da ändern?

Wenn 27 Staaten zusammenarbeiten, ist klar: es braucht Verständnis füreinander und für die jeweilige Position. Politische Prozesse nehmen da natürlich mehr Zeit in Anspruch als in kleineren Parlamenten. Man könnte aber an der Aufgabenverteilung etwas ändern: man könnte die großen Themen, zum Beispiel die Verteidigungspolitik, die Energiepolitik und die Außenpolitik, noch stärker auf die europäische Ebene heben und dafür andere, kleinere Themen wieder zurückverlagern auf die Nationalstaaten.

Bitte beende folgenden Satz: Wenn ich eine Doppelstunde im Fach Politik über die EU in der Oberstufe unterrichten könnte, würde ich... 

… versuchen, die Vorzüge des Friedens- und Zukunftsprojekts Europäische Union zu vermitteln.

Delara, du gehörst zu den jüngsten deutschen Kandidaten für die Europawahl. Wie bist du in die Politik gekommen? Erzähl uns dein Schlüsselerlebnis!

In meiner Familie war Politik immer ein wichtiges Thema. Meine Mutter ist aus dem Iran nach Deutschland geflüchtet, und mein Vater war selbst mal in der SPD. Politisch aktiv wurde ich 2008. In Schleswig-Holstein gab es zu der Zeit überall Schülerstreiks, weil die Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre verkürzt werden sollte. Mit den aktuellen Streiks von Schülern für eine bessere Umweltpolitik im Rahmen der Fridays for Future kann ich mich also sehr gut identifizieren. Es nervt, wenn Entscheidungen getroffen werden, die unsere Zukunft betreffen, ohne dass wir gehört werden.

Kurz und knapp: womit trittst du an, was sind deine zwei Kernthemen?

Mir ist es wichtig, klar zu machen, dass unsere Generation verantwortlich für das Zukunftsprojekt Europa ist. Wir können nicht mehr gewiss sein, dass es mit der europäischen Einigung immer steil nach oben geht. Es muss gerechter werden in Europa: große Konzerne sollten besteuert werden, damit sie sich nicht einfach an Europa bereichern, ohne auch ihren Teil dazu beizutragen. Zum zweiten ist das die Europäische Asylpolitik: Wir können nicht hinnehmen, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken. Wir müssen gemeinsam die Seenotrettung organisieren und Geflüchtete aufnehmen und solidarisch verteilen. 

Die EU steht oft in der Kritik: zu abgehoben, zu undurchsichtig, zu kleinschrittig. Geht das in einem so großen Staatenbund überhaupt anders und wenn ja, was muss sich da ändern?

Ich finde, es ist die Aufgabe von Europa-Abgeordneten, ihre Arbeit in Brüssel und in Straßburg stärker sichtbar zu machen. Auch Politiker auf Bundesebene müssen Entscheidungen, die in Europa getroffen werden, besser erklären. Denn vieles, was in Deutschland beschlossen wird, geht auf solche Entscheidungen in der EU zurück. Ich selbst versuche, über die sozialen Medien von meiner Arbeit zu berichten und diese Sichtbarkeit herzustellen. Und wenn wir es schaffen würden, nicht immer nur dann über Europa zu reden, wenn wir etwas schlecht finden, sondern auch dann, wenn dort gute Dinge passieren, dann wäre schon viel getan. Lasst uns mehr über das Positive sprechen!

Bitte beende folgenden Satz: Wenn ich eine Doppelstunde im Fach Politik über die EU in der Oberstufe unterrichten könnte, würde ich...

… darüber reden wollen, was Europa tun muss, damit die Herausforderungen der Zukunft bewältigt werden können.

 

Jonas, du gehörst zu den jüngsten deutschen Kandidaten für die Europawahl. Wie bist du in die Politik gekommen? Erzähl uns dein Schlüsselerlebnis!

Als ich 2013 meine Ausbildung zum Versicherungskaufmann gemacht habe, musste ich mich zwangsläufig mit dem Sozialversicherungssystem beschäftigen – mit seinen guten und seinen schlechten Seiten. Dabei habe ich schnell festgestellt, dass das Rentenniveau in Deutschland immer weiter absinkt, weil zum Beispiel private Vorsorge für viele Menschen immer schwieriger wird. Parteipolitisch positioniert habe ich mich dann letztendlich erst mit dem Aufkommen der Flüchtlingskrise. Und als dann 2016 der Anschlag am Berliner Breitscheidplatz stattfand, habe ich mir gesagt: jetzt haben wir den Terror in der Hauptstadt, jetzt muss ich was machen.

Kurz und knapp: womit trittst du an, was sind deine zwei Kernthemen?

Ich lasse das Thema Migration mal außen vor, das übernehmen meine Kollegen schon ganz gut. Deshalb möchte ich mich speziell für freie Meinungsäußerung im Internet einsetzen. Wir als AfD sind gegen jede eventuelle Einschränkung dieses Rechts. Als zweites Kernthema möchte ich die Familienpolitik stärken. Die Gesellschaft in Deutschland wird immer älter, deshalb wünsche ich mir eine Willkommenskultur für Kinder. Damit meine ich, dass wir junge Familien fördern müssen, sodass mehr Kinder zur Welt kommen. 

Die EU steht oft in der Kritik: zu abgehoben, zu undurchsichtig, zu kleinschrittig. Geht das in einem so großen Staatenbund überhaupt anders und wenn ja, was muss sich da ändern?

Das ist einer unserer wichtigsten Kritikpunkte: die ganze Struktur der Europäischen Union ist viel zu undurchsichtig. Deshalb muss die EU mit ihren Verwaltungsstrukturen schlanker werden. Dadurch würden wiederum Kosten gespart werden und man könnte mit den Steuergeldern der Bürger sehr viel sparsamer und effizienter umgehen.

Bitte beende folgenden Satz: Wenn ich eine Doppelstunde im Fach Politik über die EU in der Oberstufe unterrichten könnte, würde ich...

… die Schüler auffordern, sich parteiübergreifend stärker zu engagieren. Wir brauchen mehr junge Politiker in Brüssel, die Grauhaar-Fraktionen sollten ein Ende nehmen.

Svenja, du gehörst zu den jüngsten deutschen Kandidaten für die Europawahl. Wie bist du in die Politik gekommen? Erzähl uns dein Schlüsselerlebnis!

Meine ersten politischen Schritte habe ich in der Hochschulpolitik gesetzt. Als ich angefangen habe zu studieren, gab es große Streiks. Studierende hatten damals protestiert und die Hörsäle besetzt, weil sie mehr Geld für die Bildung haben wollten. Ich unterstützte zwar nicht den Streik aber den Wunsch nach besserer Bildung und habe deshalb für das Studierendenparlament kandidiert. Später habe ich dann gemerkt, dass die großen Rahmenbedingungen unserer Zeit eigentlich auf dem europäischen Level entschieden werden. Ich wurde dann Mitglied der JuLis, der Jugendorganisation der FDP, und von Lymec, dem Zusammenschluss liberaler Jugendverbände in Europa.  

Kurz und knapp: womit trittst du an, was sind deine zwei Kernthemen?

Das ist zum einen die Bildungspolitik. Wir müssen dafür sorgen, dass jeder Zugang zu Bildung hat und dass die unterschiedlichen Abschlüsse, die junge Leute innerhalb Europas machen, auch überall anerkannt werden. Als Liberale ist es mir ganz besonders wichtig, dass jeder junge Mensch die Chance hat, sich selbst zu verwirklichen. Jeder soll  Held seines eigenen Lebens werden können. Mein anderes Thema ist der Ausbau des freien Handels – sowohl innerhalb der EU als auch weltweit. Wir brauchen einen Austausch von Waren ohne Zölle, denn das steigert die Wirtschaftskraft und sorgt auch für neue Arbeitsplätze.  

Die EU steht oft in der Kritik: zu abgehoben, zu undurchsichtig, zu kleinschrittig. Geht das in einem so großen Staatenbund überhaupt anders und wenn ja, was muss sich da ändern?

Ich glaube, das ist ein Mythos, dass die EU intransparent wäre. Im Gegensatz zum Deutschen Bundestag ist zum Beispiel das EU-Parlament auf allen Social-Media-Accounts vertreten und informiert dort über seine Arbeit. Die EU ist ziemlich transparent. Das Problem ist nur, dass das bei vielen Bürgern in den Mitgliedsländern trotzdem nicht ankommt. Es wäre deshalb wichtig, dass das EU-Parlament stärker in den Medien vertreten ist – von der Tagesschau bis hin zu den neuen Medien. Daran müssen auch die Abgeordneten arbeiten. An der Diskussion über die Uploadfilter bei Plattformen wie Youtube hat man gut erkennen können, dass europäische Gesetzesinitiativen in Deutschland erst dann wahrgenommen werden, wenn sie eigentlich schon kurz vor dem Abschluss stehen.  

Bitte beende folgenden Satz: Wenn ich eine Doppelstunde im Fach Politik über die EU in der Oberstufe unterrichten könnte, würde ich...

… aufpassen müssen, dass ich nicht überziehe. Bei meiner Leidenschaft für Europa kann ich länger als zwei Stunden sprechen.

Kathrin, du gehörst zu den jüngsten deutschen Kandidaten für die Europawahl; wie bist du in die Politik gekommen? Erzähl uns dein Schlüsselerlebnis!

Es gibt viele Schlüsselmomente in meiner Biografie: Mir wurde im Kindergarten schon nachgesagt, dass ich immer auf die Gleichbehandlung von allen Kindern bedacht war. In der Grundschule habe ich zusammen mit Freundinnen Plakate zum Schutz der Wale aufgehängt; später dann, als ich in der neunten Klasse war, sind wir gegen den Irak-Krieg demonstrieren gegangen. Ganz besonders hat mich mein Geografie-Lehrer geprägt, der mich auf die Ungerechtigkeit zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden aufmerksam gemacht hat. 2014 bin ich dann in Die Linke eingetreten.  

Kurz und knapp: womit trittst du an, was sind deine zwei Kernthemen?

Mir ist es wichtig, soziale Fragen mit ökologischen Fragen zu verbinden – und zwar nach dem Ideal des „Buen Vivir“, ein südamerikanisches Konzept des „guten Lebens“. Dabei geht es darum, nicht immer nur auf wirtschaftliches Wachstum zu kucken, sondern an erster Stelle auf die Gleichberechtigung aller in einer intakten Umwelt. Mein zweites Kernthema wäre eine Reformierung der EU-Außenpolitik – weg von einer imperialistischen Ausbeutung ärmerer Länder und hin zu einer Partnerschaft auf Augenhöhe.

Die EU steht oft in der Kritik: zu abgehoben, zu undurchsichtig, zu kleinschrittig. Geht das in einem so großen Staatenbund überhaupt anders und wenn ja, was muss sich da ändern?

Diese Kritikpunkte teile ich durchaus. Ich glaube, dass man deshalb den Dialog innerhalb der EU fördern sollte. Es gibt immer noch zu wenig vorurteilsfreies Wissen von- und übereinander. Das sollte sich ändern; es wäre gut, wenn sich nicht nur die Parlamentarier über EU-Politik austauschen würden, sondern auch die EU-Bürger. Eine Möglichkeit, den Dialog zu fördern, wären beispielsweise Schüleraustausche. Eine andere Möglichkeit wären Volksentscheide auf EU-Ebene, sodass die Bürger stärker an der Politik teilhaben können.

Bitte beende folgenden Satz: Wenn ich eine Doppelstunde im Fach Politik über die EU in der Oberstufe unterrichten könnte, würde ich... 

… versuchen, gleich ein ganzes Unterrichtsprojekt daraus zu machen – wenn möglich sogar mit einer Partnerklasse aus dem EU-Ausland. Dann könnten sich die Schüler im echten Leben kennenlernen und Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausfinden.

 

Niklas, du gehörst zu den jüngsten deutschen Kandidaten für die Europawahl. Wie bist du in die Politik gekommen? Erzähl uns dein Schlüsselerlebnis!

Ursprüngliche komme ich aus Aachen, also aus der Nähe des rheinischen Braunkohlereviers. Als ich dort gesehen habe, was die Kohle mit der Umwelt macht und wie ihretwegen ganze Dörfer weggebaggert wurden, wurde ich ziemlich früh schon zum Kohlefeind. Zu den Grünen kam ich dann eigentlich durch Zufall. Die hatten bei uns ein Breakdance-Battle veranstaltet, bei dem ein Freund von mir teilnahm. Der wiederum hat dann seine Turnschuhe dort liegen gelassen und als wir diese im Büro der Grünen abgeholt haben, dachte ich mir: jetzt bin ich schon mal da, jetzt kann ich auch eintreten.

Kurz und knapp: womit trittst du an, was sind deine zwei Kernthemen?

Mein erstes Thema ist nicht sonderlich sexy, dafür aber super wichtig: nämlich Verbesserungen in der Strukturpolitik. Mit Strukturen ist ziemlich viel gemeint. Zum Beispiel die Infrastruktur, also Straßen, Busanbindungen oder der Breitbandausbau für besseres Internet. Wir müssen dafür sorgen, dass Menschen vom Land gut in die Städte kommen, dass sie an Veranstaltungen teilnehmen können und sich mit anderen Leuten treffen können – und das auch ohne Auto. Mein zweites Thema ist der Einsatz für ein geeintes und solidarisches Europa

Die EU steht oft in der Kritik: zu abgehoben, zu undurchsichtig, zu kleinschrittig. Geht das in einem so großen Staatenbund überhaupt anders und wenn ja, was muss sich da ändern?

Der Staatenbund ist ein gutes Stichwort. Denn ich denke, wir müssen vom Staatenbund zum Bundestaat. Europa wäre dann so ähnlich organisiert wie die Bundesrepublik Deutschland. Das hätte den Vorteil, dass politische Aufgaben immer dort angepackt werden, wo sie anfallen. In Deutschland wird ein Spielplatz sinnvollerweise von der Kommune betreut, das Autobahnnetz hingegen von der Bundesrepublik. Die internationale Außenpolitik wiederum gehört auf die europäische Ebene. Und nur so hat die EU eine Zukunft, nämlich wenn sie sich wirklich auf die Dinge konzentriert, die in ihre Zuständigkeit fallen.  

Bitte beende folgenden Satz: Wenn ich eine Doppelstunde im Fach Politik über die EU in der Oberstufe unterrichten könnte, würde ich...

… einen Workshop machen, in dem ich die Schüler nach ihren Zukunftsutopien frage, damit wir danach einen Plan haben, wo wir mit Europa eigentlich hinwollen.

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