Attacken im Netz

„Hass ist ein demokratisches Problem“

10.02.2021 – Attacken gegen Frauen gibt es auch im Netz. Was kann man dagegen tun? Darüber hat Laura mit Politikwissenschaftlerin Kristina Lunz gesprochen, die Gewalt gegen Frauen öffentlich thematisiert und selbst schon Drohungen online erfahren hat.
Wer von Gewalt on- oder offline betroffen ist, sollte sich professionelle Hilfe suchen, sagt Kristina Lunz. © F. Castro

Kristina, wie erlebst du den Umgang untereinander im Netz? Und besonders gegenüber Frauen?

Das Netz und Social Media haben durchaus eine dunkle Seite. Wenn Frauen etwas an aktuellen Zuständen kritisieren, folgen überproportional oft Reaktionen wie Beleidigungen, Drohungen oder Kommentare, die die Person diskreditieren. Ich fasse das kurz unter dem Begriff „Hass“ zusammen.

Warst Du schon persönlich betroffen?

Ja. Ich habe vor knapp sieben Jahren angefangen, als Aktivistin online aktiv zu sein, zum Beispiel mit einer Kampagne gegen die Bild-Zeitung. Das Ziel war, dass die Oben-Ohne-Bilder von Frauen in der Zeitung abgeschafft werden. Seit dieser Zeit habe ich immer wieder Hass zu spüren bekommen. Das heißt: Drohungen gegen mich und sogar gegen meine Familie, Androhung von Gewalt oder sogar Vergewaltigung.

Wie gehst du damit um?

Als ich damals mit der Kampagne angefangen habe, hatte ich gar keine Erfahrung im Bereich Kommunikation und wusste nicht, was auf mich zukommt. Ich habe tagelang immer wieder geweint und war mir sicher, dass ich nie wieder den Mund aufmachen will. Ich habe mich dann an andere Aktivistinnen gewandt und sie nach ihren Erfahrungen gefragt. Vielen ging es ähnlich. Und das wollte ich nicht zulassen und habe mich weiter für Themen eingesetzt.

Anfeindungen und strafbare Inhalte treffen einen persönlich, klar. Aber welchen Einfluss hat dieses Verhalten auf die Gesellschaft?

Es ist ein demokratisches Problem, wenn Frauen sich nicht trauen, ihre Meinung on- und offline zu äußern, weil sie Angst vor Hass haben. Oft sind es nur kleine Kommentare, in denen dann das Aussehen kommentiert wird oder angemerkt wird, man sei dumm und hässlich. Solch ein Umgang bringt sehr viele Frauen zum Schweigen. Und das ist genau das, was diejenigen, die mit Hass reagieren, erreichen wollen. Sie wollen ihre Macht und ihren aktuellen Status erhalten, den sie durch andere Meinungen bedroht sehen.

Laut einer Studie von Plan International sind 70 Prozent der 15- bis 24-jährigen Mädchen in Deutschland Bedrohungen, Beleidigungen und Diskriminierungen in sozialen Medien ausgesetzt, auch dort, wo es nicht um politische Themen geht. Warum ist das so?

Ja, das stimmt. Viele Frauen folgen einfach nur und bekommen trotzdem Hass ab. Da ist die Onlinewelt ein Spiegel der Gesellschaft. Jede dritte Frau in Deutschland ist von männlicher Gewalt betroffen.

Was kann ich persönlich tun, wenn ich von Hass auf meinen Social-Media-Kanälen betroffen bin?

Immer alles direkt bei den entsprechenden Diensten und Plattformen melden. Sollte man das Gefühl haben, dass es strafrechtlich relevant ist, also konkrete Androhungen von Gewalt, kann man auch zur Polizei gehen. Auch Organisationen wie HateAid bieten Beratung an, wenn man von Hass und Gewalt betroffen ist. Und zusätzlich hilft es, sich eine Gruppe von anderen Frauen und wohlwollenden Menschen zu suchen, die einen unterstützen und helfen.

Social Media kann auch sehr empowernd sein. Man kann und sollte Accounts folgen, die einem gut tun und Mut zusprechen, von denen man motiviert wird. Zudem habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele Frauen und auch Männer Solidarität gezeigt haben, als ich öffentlich über den Hass gegen mich gesprochen habe.

Was kann die Politik aus deiner Sicht tun, um die Situation von Frauen und Mädchen on- und offline zu verbessern?

Die Perspektiven müssen sich ändern: gesellschaftlich, politisch und auch in den Medien. Morden und Gewalt an Frauen einen Namen zu geben, also den Begriff Femizid dafür einzuführen, muss ein erster Schritt sein. Medien sollten nicht verklausuliert von Familiendramen sprechen, wenn es sich um eine Straftat gegen Frauen handelt.

In der Schule sollten Kinder bei der Sexualaufklärung lernen, dass alles, wozu sie nicht ausdrücklich ja sagen, nicht in Ordnung ist. Online gilt: Es muss sichergestellt werden, dass Hass gegen Frauen im Netz auch geahndet wird.

Über Kristina Lunz

Kristina Lunz, 31, engagiert sich in verschiedenen Projekten gegen Gewalt an Frauen und war etwa an der ’Nein heißt Nein’-Kampagne zur Änderung des deutschen Sexualstrafrechts beteiligt. Dabei wurde sie persönlich mit Hatespeech attackiert. Lunz ist Mitbegründerin und Co-CEO des Centre for Feminist Foreign Policy, freie Autorin und Kampagnenberaterin. Sie lebt in Berlin und hat Politikwissenschaften am University College in London und Diplomatie in Oxford studiert.

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