Pro und Contra

Widerspruchslösung einführen?

20.02.2019 – Soll jeder mit dem Tod automatisch zum Organspender werden, wenn er oder sie nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen hat? Lilith sagt ja, Christiane ist dagegen.
Lilith und Christiane © privat

Lilith (18): Niemand wird gezwungen

Seit ich 16 Jahre alt bin, trage ich einen Organspendeausweis bei mir. Der Gedanke, einem anderen zu helfen, wenn ich ohnehin sterben muss, hat mir schon immer zugesagt. Deshalb bin ich auch dafür, die sogenannte Widerspruchsregelung in Deutschland einzuführen: Danach wird jeder automatisch zum Spender, wenn er oder sie nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widerspricht.

In einigen Ländern gibt es sie bereits, so zum Beispiel in Spanien. Zwischen drei bis vier Mal mehr Spender pro eine Million Einwohner sind dort zu verzeichnen.

Zu wenig Ausweise

Ich denke, dass einer der Hauptgründe für die geringen Spenderzahlen in Deutschland darin liegt, dass viele Menschen, die einer Organentnahme positiv gegenüberstehen, keinen Spenderausweis haben. Das zeigt auch eine Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) von 2015, in der 71 Prozent der Befragten angaben, eine Organspende zu befürworten. Dies steht im Kontrast zu den 35 Prozent der Deutschen, die tatsächlich einen Organspendeausweis besitzen.

Niemand wird gezwungen

Um mehr Menschen dazu zu bringen, sich mit diesem Thema zu befassen, begrüße ich den Vorschlag des Gesundheitsministers Jens Spahn, die Widerspruchslösung einzuführen. Jeder, der sich bewusst gegen die Organentnahme entscheiden möchte, kann dies nach wie vor tun. Niemand wird also gezwungen, seine Organe zu spenden.

Gegenargumente wie, dass Nächstenliebe nicht erzwungen werden kann, sind unangemessen. Auch Schlagworte wie "Organabgabepflicht" und "Eingriff ins Selbstbestimmungsrecht", wie sie von einigen Abgeordneten im Bundestag geäußert wurden, werfen auf die vorgeschlagene Regelung ein falsches Licht.

Ich beziehe nicht nur Empfänger und Spender ein, sondern auch die Angehörigen. Es liegt an ihnen, den Willen des Verstorbenen zu erahnen – eine denkbar schwere Aufgabe in einer ohnehin schwierigen Lage. Durch die Widerspruchslösung wäre all dies eindeutig bestimmt.

Hohe Kontrolle und Transparenz

Einige Gegner äußern zudem Bedenken, dass von den Ärzten zu schnell beschlossen würde, die "Maschinen abzuschalten" und Organe zu entnehmen, obwohl der Patient noch Überlebenschancen hätte. Die Regularien in Deutschland sind jedoch streng genug, sodass dies nicht passieren kann.

Aktuell ist Entnahmebedingung, dass der "unumkehrbare Ausfall der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod)" festgestellt werden muss. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung schreibt dazu: "Der Tod des Menschen ist somit nach neurologischen Kriterien sicher festgestellt. Eine Rückkehr ins Leben ist ausgeschlossen".

Leben retten

Laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation sind im Jahr 2015 knapp 900 Patienten gestorben, die vergeblich auf ein Spenderorgan gewartet haben. Viele andere, die auf der Warteliste stehen, müssen Medikamente einnehmen oder führen ein eingeschränktes Leben. Ich bin überzeugt davon, dass die Widerspruchsregelung das Potential hat, Menschenleben zu retten, sowie die Lebensqualität vieler Betroffener zu steigern.

Christiane (24): Kein Ersatzteillager

Seine Organe zu spenden, ist eine sehr persönliche Angelegenheit, schließlich geht es um den eigenen Körper und darum, was mit ihm nach dem eigenen (Hirn-)Tod passiert. Eine Spende ist dabei per Definition "freiwillig".

Freier Wille wird eingeschränkt

Obwohl weiterhin jeder frei über den Verbleib seiner Organe entscheiden kann, schränkt die von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn kürzlich vorgeschlagene Widerspruchslösung genau diesen freien Willen meiner Meinung nach ein.

Sein Plan: Künftig soll jeder Deutsche automatisch ein Spender sein, wenn er oder sie nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widerspricht. Meiner Meinung nach sollte diese Regel nicht eingeführt werden.

Rechtfertigungsdruck für Nein-Sager

Ein Mensch, der bisher seine Organe spendete, ging mit gutem Beispiel an Selbstlosigkeit und Hilfsbereitschaft voran. Die Widerspruchslösung verkehrt diese positive Wahrnehmung. Wer sein Veto gegen die automatische Spende einlegt, sagt damit indirekt: "Nein, ich möchte nach meinem Tod keine Menschenleben retten" – und sieht sich damit einem Rechtfertigungsdruck ausgesetzt.

Der Körper als Ersatzteillager

In einer Zeit, in der die Debatte um "Sterben in Würde" sehr präsent ist, verunsichert die Diskussion um die Widerspruchslösung viele. Denn das subjektive Gefühl vom würdevollen Tod – der für manche eben auch die Unversehrtheit des Körpers mit seinen Organen bedeutet – stellt die Widerspruchslösung dem objektiven Mehrwert der gespendeten Organe gegenüber.

Viele Gegner der geplanten Änderung sagen deshalb, der menschliche Körper sei kein Ersatzteillager. Darauf würden Menschen aber reduziert und ihr Wert würde an der Verwertbarkeit ihrer Organe gemessen.

Spendenskandale haben Vertrauen zerstört

Und genau mit dieser Verwertbarkeit erwacht für einige die Angst vor dem Missbrauch. Vor allem Organspende-Skandale der vergangenen Jahre wie beispielsweise in Göttingen und dem Klinikum Großhardern in 2015 haben Vertrauen zerstört und die Angst geschürt, Ärzte könnten sich gegen die Rettung des Patienten und für die Wiederverwendung seiner Organe entscheiden. Der ärztliche Eid verbietet, aktive Sterbehilfe zu leisten. Die Angst – so irrational sie auch ist – aber bleibt.

Die Bereitschaft zu spenden ist längst da

Die Widerspruchslösung räumt Bedenken wie diese nicht aus, sie geht eher darüber hinweg. Wer vorher kein Spender war, wird sich diese Entscheidung von der Politik nicht abnehmen lassen. Stattdessen wäre es besser, Zweifel anzugehen und auszuräumen. Dann würden sich wahrscheinlich von den 84 Prozent der Deutschen, die laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) 2018 Organspenden prinzipiell gut finden, mehr für einen Organspendeausweis entscheiden.

Kein politisches Brecheisen

Zwar liegt Deutschland im EU-Vergleich hinten, was die Zahl der Menschen mit Spendeausweise angeht, laut der BZgA steigt die Zahl der Spendenausweise aber stetig an. Diesen Trend sollten man unterstützen und verstärken – ganz ohne das politische Brecheisen.

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