Interview

„Tatsachen fallen nicht vom Himmel“

07.08.2019 – Er ist Mr. Zensus. Stefan Dittrich vom Statistischen Bundesamt über die nächste Volkszählung, bei der viel mehr als das Volk gezählt wird, Wikipedia und Überraschungen im Zahlensalat.
Statistisches Bundesamt mit eingeblendetem Porträt
Mr. Zensus: Stefan Dittrich ist beim Statistischen Bundesamt der fachliche Projektleiter für die Volkszählung 2021. Frank Rumpenhorst/dpa-Report

Der Bundestag hat grünes Licht gegeben: Deutschland soll 2021 seine Einwohner zählen. Warum?

Politiker müssen ja viele Entscheidungen treffen. Und diese Entscheidungen sollen natürlich auf Tatsachen basieren. Tatsachen fallen aber nicht vom Himmel. Wenn man auf Wikipedia eine Zahl liest, denkt man: Das ist die Wahrheit. Aber irgendwoher muss diese Zahl ja kommen. Bei der Einwohnerzahl ist der Zensus die Quelle, die diese Zahl liefert. 

Warum nicht die Einwohnermeldeämter? Die wissen doch auch, wer wo wohnt. 

Wir greifen auch tatsächlich auf die Zahlen der Einwohnermeldeämter zurück. Aber wir verarbeiten sie noch weiter. Die Meldeämter haben zum Beispiel das Problem, dass Leute mitunter wegziehen oder für eine bestimmte Zeit im Ausland sind, ohne sich abzumelden. Da steuern wir nach, damit die Zahlen genauer und vergleichbarer werden. 

Für welche Entscheidungen werden die Zahlen denn genutzt? 

Zum Beispiel richtet sich der Anteil, den die Gemeinden von bestimmten Steuern bekommen, nach der Einwohnerzahl einer Gemeinde. Oder das Gehalt eines Bürgermeisters. Auch für die Durchführung der Bundestagswahlen benötigen wir genaue Einwohnerzahlen: Die Wahlkreise sollen ja vergleichbar groß sein, damit jede Stimme bei Wahlen auch gleich viel wert ist. Das wird mithilfe der Einwohnerzahlen sichergestellt. 

Es werden nicht nur Menschen gezählt. Was noch?

Neben der reinen Zählung sammeln wir auch Informationen über die Menschen. Zum Beispiel über ihre Bildung, ihren Beruf, ihren Haushalt. Das ist wichtig, um politische Entscheidungen zu treffen. Darüber hinaus erheben wir auch Daten über Gebäude: Wie viele Quadratmeter hat eine Wohnung? Wie hoch ist die Miete? Auch das ist wichtig für Entscheidungen, die die Politik trifft. Mit dem Zensus können wir zum Beispiel zeigen: Wie wohnen alleinerziehende Mütter? Oder wir können sehen, wo Bedarfe sind: Wo brauchen wir Kindergartenplätze, Schwimmbäder, Zugstrecken?  

Das Statistische Bundesamt 

Wie viele Menschen haben Laptops, Notebooks, Netbooks oder Tablets? Wie viel Zucker, Konfitüre, Schokolade und Süßwaren konsumieren wir? Wie viel Zeit verwenden wir auf Sport, Hobbys, Spiele oder für die Mediennutzung? Wie viele Menschen haben in Deutschland Arbeit? Wie viel verdienen sie im Durchschnitt? Wie viele Abfälle produzieren wir? Wie viele Schüler gibt es? Wie viele Jura- oder Medizin-Studenten? Wer Antworten auf solche Fragen sucht, findet sie beim Statistischen Bundesamt. Seine Aufgabe ist es, statistische Informationen zu erarbeiten und sie uns allen zur Verfügung zu stellen. Übrigens überwacht der Präsident des Statistischen Bundesamts auch die Bundestagswahlen und prüft, ob alles korrekt läuft. Er ist also auch Bundeswahlleiter.

Wie funktioniert die Zählung denn genau? 

Wir nehmen die Melderegister-Zahlen als Basis. Deshalb spricht man auch von „registergestütztem Zensus“. Wir nutzen auch die Daten der Bundesagentur für Arbeit, des Auswärtigen Amtes, der Bundeswehr, der Bundespolizei, von Grundbuchämtern und Landesvermessungsämtern und anderer Ämter. Zusätzlich befragen wir aber in Haushalten auch Menschen direkt. Nicht alle Menschen, aber eine Stichprobe. Zudem befragen wir alle Wohnungseigentümer.

Und wie läuft diese direkte Befragung der Bürger ab? 

Die Wohnungseigentümer befragen wir online. Die können ihren Fragebogen einfach über das Internet ausfüllen. Aber die Personenbefragungen werden tatsächlich von Interviewern durchgeführt. Ab Mai 2021 steht dann nach Ankündigung ein Interviewer vor der Haustür und stellt fest, wie viele Menschen an dieser Anschrift wohnen. Weitere Fragen können auch hier bequem online beantwortet werden. Natürlich muss man den Interviewer nicht in die Wohnung lassen. Aber es ist verpflichtend, diese Fragen zu beantworten. Schließlich ist der Zensus eine vom Gesetzgeber angeordnete Zählung. 

Wie viele Menschen werden denn ungefähr Besuch bekommen und befragt werden? 

Wir gehen im Moment davon aus, dass wir ungefähr 10 Millionen als Stichprobe befragen werden. Zusätzlich bekommen alle 20 Millionen Wohneigentümer Fragebögen. 

Danach haben Sie dann unglaublich viele Daten. Wie werden die gespeichert und ausgewertet? 

Im Grunde ist der Zensus ein riesengroßes IT-Projekt. Wir entwickeln im Moment ungefähr 50 Anwendungen, um all die Daten zu sammeln, aufzubereiten und auszuwerten. Damit sind etwa 200 IT-Experten beschäftigt. Ein Beispiel: Allein die Informationen aus den Melderegistern der 12.000 Kommunen entsprechen ungefähr 90 Millionen Datensätzen. 

Die Informationen, die Sie sammeln, sind zum Teil ziemlich privat. Wie stellen Sie sicher, dass diese Daten nicht in falsche Hände geraten? 

Die Datensicherheit ist uns natürlich sehr wichtig. Es gibt verschiedene Maßnahmen, um sicherzustellen, dass sich niemand Zugang zu diesen Daten verschaffen kann. Über die einzelnen Maßnahmen kann ich jetzt nicht im Detail reden, weil das wieder Sicherheitsrisiken bedeuten würde. Aber wir werden regelmäßig beraten, etwa vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik und vom Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, und unterliegen auch deren Sicherheitsprüfungen. Und sensible Daten wie Name oder Anschrift werden sofort gelöscht, nachdem wir sie aufbereitet haben. 

Wie viele Menschen leben in Deutschland – mit welcher Zahl rechnen Sie in etwa? 

Beim letzten Zensus 2011 wurden 80,2 Millionen festgestellt. Das war eine Überraschung, denn die Zahl lag doch ein ganzes Stück entfernt von den Erwartungen. Wir gehen stark davon aus, dass es auch diesmal wieder deutliche Abweichungen geben wird. Um wie viel, das kann ich nicht sagen – sonst bräuchten wir ja keinen Zensus.

Über Stefan Dittrich 

Stefan Dittrich, Jahrgang 1971, hat Volkswirtschaftslehre in Göttingen studiert. Seit 2000 arbeitet er beim Statistischen Bundesamt. Er hat dort zum Beispiel an Projekten zur automatischen Kodierung von Leichenschauscheinen, zur maschinellen Geheimhaltung und zur Anonymisierung wirtschaftswissenschaftlicher Daten mitgearbeitet. Seit fünf Jahren leitet er die Gruppe „Zensus“. 

 

(DBT/jk) 

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