Gloria, Constantin, Helene, Oliver

Deshalb demonstrieren wir

10.04.2019 – 800 Teilnehmer in Frankenthal oder 25.000 in Berlin – Helene, Oliver, Constantin und Gloria haben sich den Klimastreiks in ihren Heimatstädten angeschlossen. Warum sie demonstrieren und was sie dort erlebt haben.
Was bleibt nach den Demos, wie hier im britischen Oxford? © dpa/picture alliance

Lautstarker Protest

Seit Monaten gehen in vielen Ländern junge Menschen für den Klimaschutz auf die Straße. Am bisher größten Protesttag am 15. März sollen sich den Organisatoren zufolge weltweit in fast 1.700 Städten Jugendliche der "Fridays for Future"-Bewegung angeschlossen haben. Im Kampf gegen die Umweltverschmutzung stellen sie Forderungen an die Politiker und erhalten dafür Unterstützung von Wissenschaftlern, Eltern und vielen Abgeordneten im Bundestag. Aber sie ernten auch Kritik. Einer der Kritikpunkte im Plenum und in der breiten Öffentlichkeit: Die Schüler schwänzen den Unterricht und gehen während der Schulzeit auf die Straße. Das bemängeln unter anderem Abgeordnete von CDU, CSU, FDP und AfD. FDP-Chef Christian Lindner sagt: Die Umsetzung der Klimaziele aus Paris sollten die Jugendlichen lieber Ingenieuren und Technikern überlassen. Und überlegen, was sie selbst zum Schutz des Klimas beitragen können? Auf den Straßen und in Parks bleibt jedenfalls nach den Demos jede Menge Müll liegen.

Wie weit würdet ihr gehen?

Auf das Smartphone und Unmengen von Kosmetik-Produkten in Plastikbehältern verzichten beispielsweise, nur noch Bahn und Fahrrad fahren? Wie ernst es den Demo-Teilnehmern mit ihren Forderungen ist, haben sich Oliver, Gloria, Constantin und Helene angeschaut und dabei nicht nur ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl und lautstarke Protestrufe erlebt, sondern manchmal auch Konfetti, Plastiktüten und Einwegbesteck. So war es in Berlin, Freiburg, Frankenthal und Stuttgart.

Helene, 20, in Berlin

Von Klimawandel habe ich zum ersten Mal erfahren, als ich mit sieben Jahren ein Kindermagazin las. Geschockt lief ich daraufhin durch die Wohnung und schaltete alle Lichter aus. Einige Jahre später wurde ich Vegetarierin und fuhr lieber zehn Stunden Zug, um nach Italien zu kommen, als zu fliegen.

Wie für viele meiner Freunde wurde Klimaschutz für mich zu einer politischen Schlüsselfrage. Trotz Unterstützung meines Umfelds wurde ich allerdings bald desillusioniert: Persönliches Engagement reicht nicht aus, um den Klimawandel zu stoppen.

Kindlicher Aktionismus reicht nicht

Während ich meinem kindlichen Aktionismus folgte, passierte von den "Großen" zu wenig und zu spät. Ich gehe nicht mehr zur Schule, kann deshalb nicht streiken. Aber ich kann demonstrieren und ich unterstütze die Forderung nach konsequentem Klimaschutz auf politischer Ebene aus tiefstem Herzen.

Wer nicht wählen darf, hat buchstäblich keine Stimme. Junge Menschen werden in unserer Gesellschaft weniger gehört, so mein Eindruck. Ihre einzige zugeschriebene Aufgabe ist der Schulbesuch. Die gezielte Verweigerung dieser ist meiner Meinung nach eine intelligente Taktik. Keine Schulstunde kann wichtiger sein als gelebtes Engagement für Klimaschutz, finde ich.

Schilder halb so groß wie sie selbst

Deswegen stehe ich also an einem verregneten Freitagmorgen mit, laut Veranstaltern, circa 25.000 hauptsächlich jungen Menschen im Invalidenpark in Berlin. Ich bin überwältigt von der Masse an Teilnehmenden. Die Musik von der Bühne erreicht uns kaum, trotzdem ist die Stimmung super.

Immer wieder laufen Grundschüler an uns vorbei, die Schilder halb so groß wie sie selbst. Die Menschenmenge öffnet ihnen den Weg und tuschelt verzückt über die niedlichen Kinder. Hinter uns reden Menschen auf Englisch und Schwedisch, eine Gruppe hat es sich auf dem Dach eines Haltestellenhäuschens bequem gemacht.

"Wir sind hier..."

Die Banner und Plakate der Demonstrierenden sind voll mit Memes, kreativen Sprüchen und Zitaten. Trotz jeder Spaßmacherei ist die Wichtigkeit des Anliegens allgemein zu spüren. "Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!" ist nicht nur ein griffiger Slogan. Der entstandene Müll wird aufgesammelt, der verteilte Glitzer kritisch auf die Zutaten überprüft. Entgegen vieler Vorwürfe geht es hier meiner Meinung nach nicht ums Schule schwänzen oder Provokation. Es geht um eine politische Mobilisierung einer ganzen Generation – und um ihre Zukunft.

Constantin, 19, in Freiburg

Bisher war ich schon bei ein paar Demos dabei. Ich war auf Konzerten oder im Fußballstadion. Aber noch nie zuvor habe ich eine solche Masse an Menschen tatsächlich so greifbar spüren können, wie bei der "Fridays for Future"-Demonstration in Freiburg: Mehr als 5.000 Schüler, Azubis und Studierende streikten dort laut Polizei am 15. März für das Klima. Meine Heimatstadt Freiburg ist zwar dafür bekannt, die "Öko-Hauptstadt" oder auch Green City zu sein. Trotzdem hätte ich nie mit einer solchen Menge an jungen Demonstranten gerechnet.

Wie alles begann

Die Demo war für mich eine Premiere. Bis zum ersten großen Klimastreik im Januar in Freiburg hatte ich nichts über die "Fridays for Future"-Bewegung gehört. Doch dann begann ich mich näher mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich stieß im Internet erstmals auf Greta Thunberg, die anfing, freitags vor dem Schwedischen Parlament für das Klima zu demonstrieren, statt in die Schule zu gehen. Ich begann mich damit auseinanderzusetzen, in was für einer Welt ich in zehn Jahren leben möchte. Als ich begriff, dass vor allem die Umweltpolitik eine Kehrtwende machen und nachhaltiger werden muss, beschloss ich auf die nächste Demonstration in Freiburg zu gehen.

Sorgen Gehör verschaffen

Am Tag der Demo regnet es zu Beginn stark, was zahlreiche Schüler aber nicht von der Teilnahme abhält. Bevor wir durch die Stadt laufen, halten die Initiatoren einige Reden. Sie fordern schnelle Veränderung in der Politik, den Ausstieg aus der Kohle-Energie und appellieren an ihre Generation, sich die Zukunft nicht kaputt machen zu lassen. Die anderen Demonstranten halten Banner und Schilder in die Höhe, auf denen Forderungen, Anschuldigungen und Parolen geschrieben stehen. Nach circa einer Dreiviertelstunde setzt sich die Demo in Bewegung in Richtung Innenstadt. Es wird laut gerufen, gepfiffen, Musik schallt durch die engen Straßen.

Trotz guter Stimmung scheint mir, dass jedem der Ernst der Lage bewusst ist und sich die Teilnehmer Sorgen um ihre Zukunft machen. Aus diesem Grund gehen auch viele meiner Freunde zu "Fridays for Future", nicht um die Schule zu schwänzen oder weil sie konkrete Ansätze für die Energiewende hätten. Sie machen sich Sorgen um unsere Zukunft und wollen diese Sorge mitteilen und sich Gehör verschaffen.

Gloria, 17, in Frankenthal

Langsam versammeln sich mehr und mehr Schüler auf dem Platz vor der Kirche in Frankenthal – am Ende werden es laut Polizei etwa 800 sein. Viele noch mit Ranzen auf dem Rücken – sie sind direkt aus der Schule gekommen, um zu demonstrieren. Laute Musik dröhnt über den Platz. Viele halten Plakate in den Händen, auf denen zu lesen ist: "There is no planet B" und "Wir lernen nicht für eine zerstörte Zukunft". Es werden Sprüche eingeübt, die wir schon von zahlreichen Videos aus den sozialen Medien kennen: "Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!" und "Hopp, hopp, hopp, Kohlestopp".

Lustlose Demonstranten

Dann setzt sich der Zug in Bewegung. Er schlängelt sich durch die Innenstadt Richtung Rathaus. Zwei Mädchen steuern die Rufe der Menge. Mit ihren Megafonen gestalten sie eine Art Frage-Antwort-Spiel, bei dem zumindest ein Teil der Jugendlichen begeistert mitmacht. Je weiter ich den Blick nach hinten werfe, an das Ende des Zuges, desto lustloser scheinen die Demonstranten zu sein. Nachdem wir kurze Zeit später am Rathausplatz ankommen, verläuft sich die Menschenmenge schnell.

Mit der Plastiktüte vom Chinesen

Ich achte in meinem Leben darauf, die Umwelt mit meinem Lebensstil so wenig wie möglich zu belasten. Damit habe ich mich bislang immer wie ein Außenseiter gefühlt, doch offenbar interessieren sich Tausende Jugendliche dafür. Trotzdem habe ich ein bisschen das Gefühl, es geht vielen dieser Jugendlichen nicht um die Umwelt. Auch heute sehe Teilnehmer mit Plakat in der einen und einer Plastiktüte vom Chinesen in der anderen Hand. Dann geben sie ihr Plakat einem Freund und essen mit einer Plastikgabel aus dem Styroporbehälter gebratene Nudeln mit Schweinefleisch. Das passt für mich nicht ganz zusammen.

Aber immerhin: Das Thema Umweltschutz ist durch die Demonstrationen seit Wochen in den Nachrichten präsent, und "zwingt" viele Politiker dazu, sich auch mit dieser Thematik zu beschäftigen – so zumindest mein Eindruck.

Oliver, 19, in Stuttgart

Um 11 Uhr, zu Beginn der Demo, ist der gesamte Schlossplatz vor dem Stuttgarter Rathaus voll. Vor Rufen verstehe ich mein eigenes Wort nicht mehr und wegen der Plakate und Banner sehe ich das Rathaus nicht. Viele der Plakate sind sehr kreativ und haben ein ernstes Thema auf einen Spruch heruntergebrochen "2050 schwimmt im Ozean mehr Plastik als Fisch", zum Beispiel. Der Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart, Fritz Kuhn (Grüne), hält gerade eine Rede. Es folgen zwei Forscher, die die "Fridays for Future"-Bewegung unterstützen, mit ihrer Sicht auf das Thema. Deren Einschätzungen machen mir Mut.

Ein Demonstrationszug legt die Stadt lahm

Gegen 14 Uhr brechen wir dann zum Demozug auf. Vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof verläuft eine große, vielbefahrene Bundesstraße. Die ist an diesem Tag gesperrt, genau wie andere große Straßen in der Innenstadt – damit wir demonstrieren können. Viele Passanten schauen uns verdutzt an. Motiviert von der Hauptparole der Proteste "Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!", zeigen wir denen und dem Rest der Welt, dass uns unsere Zukunft ein Anliegen ist, für das wir kämpfen wollen.

Schuleschwänzen muss sein

Genau das ist auch für mich der Grund, warum ich demonstriere. Die Fakten, die den Klimawandel belegen, sind eindeutig, und wir als Jugend haben eine Stimme, die wir jetzt nutzen müssen. Selbstverständlich habe ich mir auch Gedanken um das Thema "Schulschwänzen" gemacht. Das werfen viele uns Schülern ja vor.

Ich bin der Meinung, dass wir die Proteste nicht mit derselben Aufmerksamkeit und Hebelkraft machen könnten, wenn wir am Wochenende demonstrieren würden — ein Pilot demonstriert ja auch nicht in seiner Freizeit, sondern während seiner eigentlichen Arbeitszeit. Und am Ende eines solchen Freitags macht sich bei mir das Gefühl breit: Wenn sich so viele Schüler aufraffen und eine gigantische Demonstration auf die Beine stellen, dann muss Veränderung kommen.

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