Marcel Bauer (Die Linke): Forstwirt und Feldhüter
Durch den Wald politisiert
18. August 2026 Naomi Webster-Grundl
Statt im Wald verbringt Marcel Bauer (Die Linke) seine Arbeitszeit nun im Parlament. Welche Fähigkeiten aus seinem Beruf als Forstwirt und Feldhüter besonders nützlich im Bundestag sind, erzählt der Abgeordnete im Interview.
Bevor Marcel Bauer (Die Linke) Bundestagsabgeordneter wurde, hat er als Forstwirt und Feldhüter gearbeitet. © Marcel Bauer/Mehmet Ibi
Ich bin gelernter Forstwirt. Das heißt, ich habe eine Ausbildung zum Waldarbeiter gemacht. Zuerst habe ich bei Forst Baden-Württemberg, dann bei einem kleinen privaten Unternehmer und später im Großprivatwald bei Thurn und Taxis gearbeitet. Also habe ich verschiedene Perspektiven kennengelernt und ganz unterschiedliche Tätigkeitsbereiche gehabt.
Während Corona habe ich eine Weiterbildung als Natur- und Landschaftspfleger gemacht. Da habe ich zuletzt bei der Stadt Karlsruhe als Feldhüter gearbeitet. Das ist sowas wie die Naturschutzpolizei, ein bisschen wie Ranger in Nationalparks.
Dass ich politisch aktiv geworden bin, liegt sehr an den beiden Berufen. Als Forstwirt kann man sehr gut miterleben, wie der Wald sich verändert und unter welchem Stress er steht. Etwa 30 Prozent der Fläche der Bundesrepublik Deutschland sind mit Wald bedeckt. Aber gerade ist nur noch jeder fünfte Baum gesund. Man sieht, dass die Vegetationsperioden jedes Jahr früher beginnen, also die Bäume und Sträucher früher austreiben, dass die Sommer trockener werden und die Hitzeperioden länger dauern. Und auch als Feldhüter kann man beobachten, wie sich die Natur verändert und wie stark sie unter Druck steht. Diese Verbundenheit mit der Natur hat mich dazu bewogen, politisch stärker aktiv zu werden.
Forstwirt ist ein körperlich sehr anstrengender Beruf, aber es ist auch sehr belohnend, weil man am Abend beinahe immer sehen kann, was man tagsüber geschafft hat: Wie viele Bäume man zum Beispiel gepflanzt und welche man gefällt hat. Dass man Biotope angelegt hat. Auch Jahre später kann man noch sehen, welchen Einfluss die eigene Arbeit auf den Wald hat.
In der Politik dauert es sehr viel länger, bis man konkrete Ergebnisse sieht. Selbst wenn man Erfolge erringt und Sachen konkret verbessert, dauert die Übersetzung vom Papier in die Realität einfach lange. Selbstwirksamkeitserfahrungen sind also deutlich seltener.
Und so viel von zuhause und meiner Familie weg zu sein, das ist schon sehr lebensverändernd und anspruchsvoll.
Ich glaube, für mich war es die größere Überraschung als für meine Kollegen. Denn in der Vergangenheit haben Leute aus meinem beruflichen Umfeld immer wieder zu mir gemeint, ich sollte den Blick, den ich aus der Arbeit im Wald gewonnen habe, in die Politik tragen. Ich habe immer sehr viel Unverständnis darüber geäußert, dass wir gesellschaftlich eigentlich wissen, was wir für klimaresiliente Wälder tun müssen, dass wir aber auf der politischen Ebene bei weitem nicht da sind, wo wir sein müssten angesichts der dramatischen Lage, in der sich unsere Natur befindet.
Als Forstwirt bekommt man einen Blick dafür, wie der Wald als System funktioniert, dass man den einzelnen Baum nicht losgelöst betrachten kann vom Wald als Ganzes. Unsere Waldbäume können in der Regel bei unseren klimatischen Bedingungen gar nicht als Einzelbäume in dem Maße wachsen und profitieren vom Waldinnenklima mit Schutz vor Frost, Trockenheit und Erosion.
Ähnlich funktionieren alle Systeme, die aus vielen Individuen bestehen. So funktioniert auch unsere Gesellschaft. Selbst wenn man an einzelnen Stellen arbeitet, muss man immer das große Gefüge und das Ganze im Blick haben.
Außerdem muss man im Wald in ganz anderen Zeitdimensionen denken, die Planung geht über Generationen. Dieser langfristige Blick fehlt in der Politik oft. Deswegen ist das eine Perspektive, die ich gut aus dem Wald in die Politik hineintragen kann.
Wenn ich jetzt wieder als Forstwirt anfangen würde, müsste ich mich auf jeden Fall wieder in die körperliche Belastung einarbeiten. Und man arbeitet im Wald meist in sogenannten Rotten, in einem kleinen Verbund von zwei bis vier Leuten, die gemeinsam Waldarbeiten machen. Man braucht ein hohes Maß an Vertrauen, um diese gefährliche Arbeit sicher gemeinsam machen zu können. Und ich glaube, es wäre erstmal für jede Rotte eine Herausforderung, jemanden aus der „hohen Politik“ aufzunehmen. Man müsste sich da erstmal beweisen – sowohl körperlich als auch was das Wissen angeht. Aber für mich ist es auf jeden Fall eine Perspektive, das wieder zu machen. Ich habe auch immer gerne im Wald gearbeitet.
Es ist sehr, sehr schön und befriedigend, mit dem Wetter und in Wechselwirkung mit der Natur zu arbeiten und in den Jahreszyklus eingebettet zu sein. Jeden Tag hat man beeindruckende und interessante Naturerlebnisse und die vermisse ich absolut.
Marcel Bauer
ist seit 2025 Mitglied des Deutschen Bundestages für die Fraktion Die Linke. Er ist ordentliches Mitglied im Ausschuss für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat.