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Stenografen-Ausbildung im Deutschen Bundestag

Zehn Minuten, auf die es ankommt

27. Oktober 2026 Jasmin Nimmrich

Der Deutsche Bundestag gehört zu den wenigen Parlamenten weltweit, die das Plenarprotokoll bereits am nächsten Werktag vorlegen können. Doch wie kommt das handgeschriebene Protokoll dermaßen schnell zustande? Zwei junge Stenografen erzählen von ihrem Arbeitsalltag im Bundestag.

Zwei Personen sitzen nebeneinander vor einem Regal mit zahlreichen, einheitlich gebundenen Büchern. Beide tragen formelle Kleidung. Die Person links hält ein großformatiges, aufgeschlagenes Buch, während die Person rechts das Buch ebenfalls mit beiden Händen hält und aufmerksam hineinschaut. Die Bücher im Hintergrund sind in dunklen Einbänden mit goldener Beschriftung gehalten.

Mit ihrer Arbeit als Stenografen tragen Henriette Groeger und Paul Magister zur Dokumentation des Plenargeschehens im Deutschen Bundestag bei. © Henriette Groeger; Paul Magister

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Sie arbeiten als Stenografin und Stenograf im Deutschen Bundestag. Dank Ihnen wird also jede Plenarsitzung innerhalb weniger Stunden protokolliert und ist auf bundestag.de nachlesbar. Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Paul Magister: In meiner Anfangszeit wurde ich stets eng von meinen Kolleginnen und Kollegen betreut und durfte sogar von Beginn an mit am Stenografentisch im Plenarsaal sitzen. So ergab sich ein fließender Übergang, bis ich dann nur noch mit der Revision allein ins Plenum durfte. Die Revision sitzt für 30 Minuten im Plenarsaal neben uns auf einem der beiden linken Plätze und hat dadurch einen besseren Gesamtüberblick. Auf den beiden rechten Plätzen sitzt eine Turnusstenografin oder ein -stenograf und hält das gesamte Geschehen mithilfe von Stenografie für zehn Minuten detailgetreu fest. Wenn keine Sitzungstage anstehen, haben wir als Ergänzung zu dieser praktischen Arbeit Theorieunterricht und Stenotraining, um die eigene Schreibgeschwindigkeit weiter zu erhöhen.

Zur Person
Ein junger Mann mit kurzem, hellbraunem Haar und Brille steht vor einem Bücherregal, das mit zahlreichen, einheitlich gebundenen Büchern in dunklem Einband gefüllt ist. Er trägt ein hellblaues Sakko über einem dunkelblauen Hemd und lächelt. Links neben ihm ist eine weiße, kalligrafisch wirkende Zeichenfolge auf den Buchrücken zu sehen.

Paul Magister

hat Sprache und Kommunikation studiert. Durch eine Werkstudentenstelle im Deutschen Bundestag kam er mit der Stenografie in Kontakt. Die Verkehrs- und Eilschrift hat er sich im Selbststudium beigebracht, bevor er sich auf eine Anwärterstelle im stenografischen Dienst beworben hat.

Henriette Groeger: Ich habe gerade Unterricht in Redeschrift. Damit schreiben alle Berufsstenografen, weil man damit auch das schnell gesprochene Wort festhalten kann. Außerdem haben wir Schnellschreibtraining und Theorieunterricht, in dem wir uns mit inhaltlichen Fragen und intensiv mit der deutschen Grammatik beschäftigen und besonderes Augenmerk darauf legen, wie wir sie im Plenarprotokoll anwenden. Da lernen wir beispielsweise, dass man zu Beginn einer Rede „Sehr geehrter Herr Präsident“ oder „Sehr geehrte Frau Präsidentin“ immer mit einem Ausrufezeichen schreibt. Und gemeinsam mit einem meiner zwei Ausbilder gehe ich bereits mit in den Plenarsaal, schreibe für die besagten zehn Minuten mit und gehe dann mit ihnen gemeinsam das Stenogramm durch. In der Zeit der Einarbeitung lernen wir wirklich von A bis Z, wie das hier alles im Stenografischen Dienst funktioniert und wie man das Niveau erreicht, um im Plenum mitstenografieren zu können.

Zur Person
Eine junge Frau mit schulterlangem, hellbraunem Haar steht vor einem Bücherregal, das mit zahlreichen, einheitlich gebundenen, schwarzen Büchern mit goldener Beschriftung gefüllt ist. Sie trägt ein braunes Sakko über einem hellen Oberteil und lächelt leicht. Rechts neben ihrem Kopf ist eine weiße, handschriftliche Linie mit mehreren Bögen und Zacken zu sehen, die an Stenografie erinnert.

Henriette Groeger

hat Musikwissenschaften studiert. Stenografie hat sie zunächst als Hobby erlernt, da sie von der Aussicht, so schnell schreiben zu können wie man spricht, beeindruckt war.

Und wie lange dauert Ihre Einarbeitung insgesamt?

Magister: Das ist immer individuell unterschiedlich. Es gibt eine Begleitphase, die sechs bis zwölf Monate dauert und die ich vor zwei Jahren abgeschlossen habe. Aber was die Steno-Geschwindigkeit angeht, kann man quasi immer trainieren – da bin ich selbst auch immer noch im Training. 

Groeger: Ich selbst habe ja gerade erst angefangen und bin in der frühen Einarbeitungsphase. Insgesamt dauert die Begleitung vier Jahre, also etwa so lange wie eine Legislaturperiode. So nimmt man im besten Fall auch alle parlamentarischen Geschehnisse mit, die dazu gehören.

Wie war es, das erste Mal im Plenarsaal auf den Stenografenplätzen zu sitzen?

Groeger: Ich finde es weiterhin total krass, im Plenum zu sitzen. Also zum einen sind da die ganzen Politikerinnen und Politiker, die man aus dem Fernsehen kennt, und zum anderen läuft man ja direkt in die Mitte des Raumes. Denn da, wo die Stenografen sitzen, sind wir ja wirklich mittendrin im Plenarsaal. Mittlerweile fällt es mir etwas leichter, auch zu gucken, was um mich herum geschieht, aber beim ersten Mal im Plenum habe ich noch sehr darauf geachtet, ob ich mich richtig hinsetze oder wie ich den Stift halte. Mittlerweile ist es so, dass ich mich neben dem Protokollieren auch mehr darauf konzentrieren kann, genau zu gucken, wer gerade spricht, oder von welcher Fraktion jetzt der Beifall kam. 

Magister: Ich war beim ersten Mal schon sehr aufgeregt, sodass die Hand beim Stenografieren auch etwas gezittert hat. Aber diese große Aufregung ging dann recht schnell vorbei. Aber man sieht von da vorne zumindest in den ersten Reihen ja auch ganz genau die Mimik der Abgeordneten und was sie sagen. Dass wir so nah am Geschehen sitzen, hört eigentlich nie auf, besonders zu sein. 

Und was passiert, wenn Ihnen beim Protokollieren im Plenarsaal etwas entgeht?

Magister: Wenn wir uns nicht hundertprozentig sicher sind, wer beispielsweise zwischengerufen hat, und auch nach Rücksprache mit der Revision nicht schlauer sind, dann verwenden wir Formulierungen wie etwa „Zuruf von der Fraktion XY“. Oder wenn es andersrum ist, dass man gesehen hat, dass ein bestimmter Abgeordneter zwischenruft, man aber nicht verstanden hat, was gesagt wurde, dann schreiben wir nur „Zuruf der oder des Abgeordneten XY“, damit zumindest diese Information im Protokoll landet. Und beim Protokollieren gilt generell das Vier-Augen- und Vier-Ohren-Prinzip. Wenn dieses Prinzip ein Geschehen im Plenarsaal nicht stützt, dann kommt diese Information nicht ins Protokoll. Und am Protokoll selbst arbeiten wir auch alle zusammen: An einem Sitzungstag sind aktuell 14 Turnusstenografinnen und -stenografen im Einsatz und neun weitere Personen, die die Revision übernehmen. Und dann gibt es noch zwei weitere Personen, die die Schlussredaktion machen. So ist auch die Entscheidung, wie wir protokollieren, welche Regelwerke wir verwenden und welche Schreibvarianten wir zulassen, ein gemeinsamer Aushandlungsprozess. Das Protokoll, das am Ende entsteht, soll ja so wirken, als wäre es von einer einzigen Person geschrieben und nicht von vielen, die jeweils ihren eigenen Stil haben. 

Was ist Ihr nächster Arbeitsschritt nach dem Einsatz im Plenarsaal, damit am Ende das Protokoll entsteht, das online auf bundestag.de zur Verfügung steht?

Magister: Man hat nach den zehn Minuten, die man im Plenarsaal mitschreibt, gut zwei Stunden Zeit, um anhand des Stenogramms dieser zehn Minuten das Protokoll auszuarbeiten. Als weitere Textgrundlage verwenden wir dann entweder eine KI-Transkription oder eine Textdatei, die von einer Schreibkraft verfasst wurde. Und das Ganze glätten wir sprachlich, möglichst minimalinvasiv, und versuchen dabei, die persönliche Ausdrucksweise des Redners beizubehalten. Mithilfe des Stenogramms fügen wir dann die Zurufe und Befälle ins Protokoll ein. An einem Sitzungstag hat man dann bis zu fünf, ganz selten auch mal sechs dieser Turnusse. 

Groeger: Da sich jedes Stenogramm unter Umständen mit einem völlig anderen Thema beschäftigt, muss man sich in viele Bereiche auch sehr schnell einarbeiten können. Und dann gibt es ja auch noch eine gewisse Recherchearbeit, also beispielsweise, wie genau der Gesetzentwurf jetzt eigentlich heißt, ob die erwähnten Abkürzungen und Zahlen stimmen. Oder auch, ob am Rednerpult richtig gerechnet wurde. Kleinere Zahlendreher und Versprecher korrigieren wir im Protokoll dann auch, aber wir schreiben natürlich keine Reden um.

Eine Hand hält einen blauen Kugelschreiber und schreibt in ein liniertes Heft. Die Schrift besteht aus eng gesetzten, geschwungenen Zeichen, die an Stenografie erinnern. Die Linien des Hefts sind orange und verlaufen senkrecht und waagerecht. Im Vordergrund ist die Hand mit dem Stift unscharf, während die Schrift im Heft scharf zu erkennen ist.

Mit der Stenoschrift kann man so schnell schreiben, wie man spricht. Das ist möglich, indem Vokale durch Verbindungen zwischen den Konsonanten dargestellt werden, man häufige Wörter durch Standardsymbole ersetzt und man nur das schreibt, was man wirklich hört, sodass stumme Buchstaben oder Endungen wegfallen. © Funke Foto Services

Dass das vollständige Protokoll so schnell bereitgestellt werden kann, ist dadurch möglich, dass man mit Stenografie so schnell schreiben kann, wie gesprochen wird. Wie haben Sie sich das angeeignet?

Magister: Ich hatte beim Lernen immer wieder den Gedanken, dass es sich so anfühlen muss, als Erstklässler schreiben zu lernen. Durch ein Lehrbuch, mit dem ich mich insgesamt ein knappes Jahr lang beschäftigt habe, habe ich angefangen, Laute und Buchstaben mit neuen Zeichen und Handbewegungen zu verknüpfen. Das war wie nochmal neu schreiben lernen, und irgendwann hat es dann Klick gemacht und alles hat angefangen, sich zusammenzufügen. 

Groeger: Und auf jeden Fall ist das Wichtigste, Steno anzuwenden! Für mich ist Steno üben ein wenig wie das Spielen eines Instruments. Man muss sich wirklich jeden Tag hinsetzen und ein bisschen was machen. Irgendwann habe ich Steno dann genutzt, um an der Uni mitzuschreiben – und sobald ich etwas Neues gelernt habe, habe ich immer versucht, es irgendwie in meinen Alltag zu integrieren.  

Sehen Sie Ihren Beruf durch technologische Neuerungen wie künstliche Intelligenz bedroht?

Groeger: Auch wenn ich noch nicht so lange dabei bin, merke ich immer wieder von Neuem, wie wichtig das Plenarprotokoll für unsere parlamentarische Demokratie ist. Wir schreiben für zehn Minuten und nutzen das Stenogramm als Hilfsmittel für das Protokoll. Und ich sitze ja mittendrin, ich nehme alles mit auf, schreibe jeden Zuruf und jede Zwischenbemerkung mit. All das bekommt eine KI ja nicht mit, auch weil manches im Applaus untergeht. Und bei den gut zwei Stunden, in denen wir die stenografierten zehn Minuten für das Protokoll ausarbeiten, ist auch das Menschliche entscheidend. Denn wir gucken uns den Wortlaut, jede Formulierung und jede Nuance genau an. Und der Sinn, die Aussprache oder auch Mehrdeutigkeit von Wörtern, etwa nach aktuellen Geschehnissen, kann eine KI nicht immer richtig interpretieren. Das sind alles Sachen, wofür es Menschen braucht. 

Magister: Stenografie wurde schon so oft totgesagt – etwa mit der Einführung der Tonaufzeichnung. Doch ich empfinde unsere Kunst als lebendiger und das Protokoll als attraktiver denn je. Eine KI kann eben nur eine Transkription erstellen, kein vollumfängliches Protokoll mit den beschriebenen Klammerbemerkungen, also mit Zurufen, Beifällen und anderem Nonverbalen. Wir sind ein Dienstleister für die Abgeordneten, die Gesellschaft und Wissenschaft zugleich und es erfüllt mich immer wieder mit Stolz, an diesem Gedächtnis der Nation mitzuarbeiten. Der deutsche Parlamentarismus und die Stenografie gehören von Anfang an zusammen.

Selbst Stenograf oder Stenografin werden?

Voraussetzungen für die Stenografenausbildung im Deutschen Bundestag sind neben einem abgeschlossenen Masterstudium und Kenntnissen in Verkehrs- und Eilschrift. Die Redeschrift erlernt man im Rahmen der Ausbildung.

Außerdem braucht man eine umfassende Allgemeinbildung, Interesse am politischen Geschehen, sowie hohe Sprachkompetenz und Kommunikations- und Teamfähigkeit. Aufgrund häufiger und oft langer Sitzungstage ist eine hohe körperliche Belastbarkeit erforderlich.

Für Studierende mit einem Bachelorabschluss und ausbaufähigen stenografischen Fertigkeiten besteht auch die Möglichkeit, studienbegleitend im Stenografischen Dienst beschäftigt zu sein. Bei Interesse kann man sich per E-Mail an den Stenografischen Dienst wenden.

Fragen & Antworten

Die Stenografie ist eine Kurzschrift, mit der man gesprochene Sprache nahezu in Echtzeit festhalten kann. Statt Buchstaben werden Striche und Bögen verwendet, und Vokale werden durch die Höhe und die Verbindung der einzelnen Zeichen ausgedrückt. Außerdem werden Verbendungen häufig weggelassen, sodass von „fahren“ nur „fahr“ übrig bleibt. Außerdem werden teilweise auch ganze Wortteile weggelassen. Die Deutsche Einheitskurschrift (DEK) von 1924 unterscheidet zwischen den drei Schriftstufen Verkehrsschrift, Eilschrift und Redeschrift.

Während man in normaler Schreibschrift 30 bis 40 Silben pro Minute schreiben kann, ist es mit der Verkehrsschrift, der ersten Stufe, möglich, dreimal so schnell, also circa 120 Silben pro Minute, zu schreiben. Bei Anwendung der Eilschrift, der zweiten Stufe, kann man etwa 240 Silben pro Minute erreichen. Und bei der dritten Stufe der Redeschrift verdoppelt sich die Geschwindigkeit durch weitere Kürzungstechniken nochmals, sodass rund 480 Silben pro Minute erreicht werden.

Neben dem Deutschen Bundestag werden auch in einigen Landtagen die Plenarsitzungen von Stenografinnen und Stenografen protokolliert. Und neben den Parlamenten kommt die Stenoschrift auch in einigen Gerichtssälen zur Dokumentation von Gerichtsverhandlungen zum Einsatz.