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Ende des 2. Weltkriegs „Ein eigenes Bild machen“

Tim Oswald

Findet das Thema "75 Jahre Kriegsende" überhaupt nicht nervig: Historiker Johannes Großmann erklärt, warum dieses Ereignis wichtig für unser Selbstverständnis ist und was wir trotz der intensiven Aufarbeitung über diese Zeit immer noch nicht wissen.

Lichtinstallation: Friedenstaube und Schriftzug 'Fackeln aus!'

Schon vor dem 8. Mai gab es viele Gedenkveranstaltungen – zum Beispiel in Pforzheim, wo im Februar die Lichtinstallation „Fackeln aus!“ zu sehen war. © picture alliance/Sebastian Gollnow/dpa

Das Ende des Zweiten Weltkriegs jährt sich nun zum 75. Mal. Viele Berichte und Veranstaltungen erinnern derzeit daran. Gleichzeitig gibt es Menschen, die das Thema als nervig oder längst überholt erachten. Können Sie diese Einstellung nachvollziehen?

Es geht darum, welche Bedeutung wir einem geschichtlichen Thema für unsere Gegenwart beimessen. Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust sind für uns auch aktuell enorm wichtig. Denn die Bundesrepublik Deutschland gründet ihr Selbstverständnis als Staat von Beginn an auf der Abgrenzung gegenüber und der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus.

Wer das als überholt ansieht, der möchte einen grundlegenden Wandel des Selbstverständnisses des deutschen Staates und der deutschen Gesellschaft. Das ist dann keine historische Frage mehr, sondern eine sehr aktuelle politische Frage, die man mit Bedacht beantworten sollte.

Ich persönlich bin der Meinung, dass Deutschland mit seiner aktuellen Linie bei der Bewältigung der Vergangenheit sehr gut fährt. Immerhin hat das dazu geführt, dass wir seit 75 Jahren keinen Krieg mehr hatten, dass wir die europäische Einigung erlebt haben und dass unser Lebensstandard kontinuierlich gestiegen ist.

Wie wurde das Ende des Zweiten Weltkriegs damals in Deutschland aufgenommen?

Es ist schwer, hier eine Antwort zu geben, die auf alle Menschen in Deutschland zutrifft. Generell kann man aber sagen, dass viele Menschen in Deutschland das Kriegsende als etwas Negatives gesehen haben. Ihre Lebensrealität änderte sich von einem Tag auf den anderen komplett. Denn die Nationalsozialisten waren sehr gut darin, der Bevölkerung mit ihrer Propaganda vorzugaukeln, dass der Krieg noch zu gewinnen sei.

Außerdem war Deutschland bis weit in den Krieg hinein von übermäßiger Gewalt und Mangel verschont geblieben. Die Nationalsozialisten beuteten die eingenommenen Gebiete sehr stark aus und nutzen eben diese Rohstoffe und dieses Geld dafür, den Lebensstandard der deutschen Bevölkerung möglichst hoch zu halten.

Als der Krieg dann endete, waren vor allem die Menschen glücklich, die unter dem NS-Regime gelitten hatten und von ihm verfolgt worden waren. Doch mit der alliierten Besatzung kam für viele Menschen eben auch Gewalt, Leid und Mangel nach Deutschland, wofür jedoch eigentlich das NS-Regime verantwortlich war.

Die meisten alliierten Länder hatten ebenfalls schwere Kriegsschäden erlitten und waren deshalb nicht daran interessiert, den Lebensstandard der Deutschen hoch zu halten.

Außerdem hatte sich auch viel Hass aufgebaut, und es kam beispielsweise zu sexuellen Übergriffen gegenüber Frauen in Deutschland durch die Alliierten. Auch wenn dieses Leid nicht kleingeredet werden soll, ist es dennoch wichtig anzuerkennen, dass sich solche Übergriffe im Vergleich zu den deutschen Kriegsverbrechen in Grenzen hielten.

Wie fielen die Reaktionen im Ausland auf das Kriegsende aus?

Generell deutlich positiver als in Deutschland. Doch auch im Ausland gab es nicht nur positive Entwicklungen und Reaktionen. In Frankreich beispielsweise kam es zu Säuberungen und Übergriffen auf Menschen, die vermeintlich oder tatsächlich mit den Nationalsozialisten zusammengearbeitet hatten. Frauen, von denen man dachte, dass sie Beziehungen zu deutschen Soldaten gehabt hätten, wurden mit geschorenen Haaren nackt durch die Ortschaften getrieben und vergewaltigt. Außerdem waren Lebensmittelmangel und Wohnungsknappheit in Frankreich bis weit in die 1950er Jahre hinein an der Tagesordnung, teilweise sogar noch länger als in Deutschland.

Wenn wir nach Osteuropa und auf den Balkan blicken, sehen wir ebenfalls ein zwiespältiges Bild. Mit dem Ende der NS-Herrschaft begann dort die Besatzung durch die Sowjetunion. Nationale Selbstbestimmung war daher kaum möglich. Bei vielen Menschen kam das Gefühl auf, die Unterdrückung habe nicht aufgehört. Nur waren die Unterdrücker nun andere.

Glauben Sie, dass der Zweite Weltkrieg und seine Folgen in Deutschland schon ausreichend aufgearbeitet sind?

Geschichte kann nie wirklich abgeschlossen werden. Natürlich sind unsere Quellen begrenzt, aber wie wichtig ein Thema ist, hängt in erster Linie davon ab, welche Fragen wir daran stellen. Diese Fragen sind aber immer Fragen aus der Gegenwart und wandeln sich. Deshalb ist Geschichte nie abschließend aufgearbeitet.

Und auch wenn wir denken, dass wir über den Zweiten Weltkrieg viel wissen, so gibt es auch hier noch blinde Flecken, also Ereignisse, über die wir kaum etwas wissen. So erforsche ich momentan etwa großangelegte Evakuierungen an der deutsch-französischen Grenze in das Landesinnere zu Beginn des Krieges. Das waren für eine sehr große Anzahl an Menschen auf beiden Seiten der Grenze enorm prägende Erfahrungen, von denen man so aber in nahezu keinem Geschichtsbuch etwas erfährt.

Der 8. Mai 1945 markiert das Ende des Zweiten Weltkriegs und wird als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus gefeiert. Einige fordern, den 8. Mai bundesweit zum Feiertag zu erklären. Eine gute Idee?

Aus historischer Sicht muss man hier den Begriff der „Befreiung“ in Frage stellen. Das Kriegsende wurde für viele Deutsche zu dieser Zeit ziemlich klar als Besetzung der Alliierten und nicht wirklich als Befreiung wahrgenommen. Bei dem Begriff „Befreiung“ handelt es sich um eine spätere Zuschreibung durch den ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker aus dem Jahr 1985. Darüber waren sehr viele Menschen, die das Kriegsende noch miterlebt hatten, stark empört, da sie es eben nicht als „Befreiung“ wahrgenommen hatten.

Aus unserer heutigen Perspektive erscheint der 8. Mai 1945 jedoch vielen Menschen ganz klar als Befreiung. Das heißt aber nicht, dass die Zeitzeugen, die das Kriegsende miterlebt haben, eine falsche Erinnerung an die Vergangenheit haben. Vielmehr muss man unterscheiden zwischen der Erinnerung der Zeitzeugen und der Betrachtung der Geschichte aus unserer heutigen Perspektive.

Ich persönlich weiß nicht, ob ich einen Feiertag in diesem Sinne für angemessen halte. Vielmehr wünsche ich mir mehr Gedenkveranstaltungen und Schulprojekte, sodass sich die Menschen aktiv mit der Geschichte auseinandersetzen müssen. Außerdem sollte man darüber nachdenken, ob Feiertage, gerade bei einem solchen Ereignis, immer national gestaltet werden sollten. Den Gedanken an einen europaweiten Feier- und Gedenktag am 8. Mai fände ich sehr schön.

Jahr für Jahr gibt es weniger Zeitzeugen, also weniger Menschen, die noch vom Zweiten Weltkrieg berichten können. Stellt das die Geschichtsforschung vor Probleme?

Das klingt jetzt vielleicht etwas hart und paradox, aber für die Geschichtsforschung ist das erstmal kein großes Problem, sondern eher eine Chance. Zeitzeugen-Berichte sind für Historiker stets die schwierigsten Quellen, da das Erlebte, das dann schon lange zurück liegt, häufig durch Eindrücke aus dem Umfeld oder aus den Medien ergänzt wird. Dies kann dazu führen, dass die Beschreibungen der Zeitzeugen nicht wirklich zeigen, was in diesem Moment passiert ist, sondern manchmal eben auch von der Gegenwart beeinflusst sind.

Tagebucheinträge, Briefwechsel oder Archive sind von daher häufig die besseren Quellen für uns als Historiker, da sie nicht im Nachhinein verändert werden können und deshalb sehr akkurat darstellen, was in diesen Momenten passiert ist und wie sich die Menschen gefühlt haben.

Für die Vermittlung von Geschichte jedoch ist das Sterben von Zeitzeugen ein immenser Verlust. Niemand kann beispielsweise das, was in den deutschen Konzentrationslagern passiert ist, so anschaulich machen wie Zeitzeugen. Ihre Berichte helfen anderen Menschen, einen Zugang zur Geschichte zu finden und sich mit ihr zu befassen.

Wie kann man das Thema generell lebendig und interessant für junge Leute vermitteln?

Ich weiß nicht, ob Geschichte generell immer den Anspruch haben sollte, lebendig zu sein. Wenn man etwas lebendig gestalten möchte, sind Zeitzeugen natürlich immer sehr packend, doch sie dürfen nur der Ausgangspunkt sein. Zeitzeugen vermitteln ihr persönliches Bild von Geschichte und die Aufgabe für uns alle sollte nicht sein, bereits bestehende Bilder der Geschichte einfach zu übernehmen, sondern uns ein eigenes Bild zu machen. Geschichte fordert uns dazu auf, mehrere Quellen zu lesen, viele Blickwinkel einzunehmen und selbst über das Geschehene und unsere Einordnung dessen nachzudenken. Das ist vielleicht manchmal anstrengend, doch nur so werden wir dem Anspruch von Geschichte gerecht.

Portrait des Historikers Johannes Großmann

„Ich wünsche mir mehr Gedenkveranstaltungen und Schulprojekte“, sagt Juniorprofessor Johannes Großmann. © Universität Tübingen, Fotograf: Friedhelm Albrecht

Über Johannes Großmann

Johannes Großmann (38) ist Juniorprofessor für Geschichte Westeuropas an der Universität Tübingen. Er forscht und lehrt zur Geschichte Europas vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Derzeit schreibt er an einem Buch zum Beginn des Zweiten Weltkriegs in Deutschland und Frankreich. Außerdem ist er Co-Autor eines „virtuellen Stadtgrundgangs“ zur französischen Besatzung in Tübingen.

Zur Person

Portraitfoto von mitmischen-Autor Tim Oswald
mitmischen-Autor

Tim Oswald

ist Schüler aus Weisenheim am Sand. Seine großen Leidenschaften sind Politik und Engagement. Außerdem liest er gerne, geht joggen und ist fasziniert von fremden Ländern und Sprachen. Seine Freunde machen sich heute noch darüber lustig, dass sein Lieblingsbuch in der Grundschule der Atlas war.

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