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Bürgerrat Wie Ben (16) Politik machte

Laura Heyer

Plötzlich Politik machen: Ben (16) wurde in einen Bürgerrat gelost, der Empfehlungen an den Bundestag aufschreiben sollte. Der Schüler fand das „super cool“, aber auch „nicht so einfach“. Laura hat ihn interviewt.

Wolfgang Schäuble mit zwei Männern

Wie soll Deutschland mit Ländern umgehen, die keine Demokratien sind? Tonja Buchholz (l.) und Michael Korth (r.) vom Bürgerrat übergaben Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble am 19. März 2021 Handlungsempfehlungen für Fragen wie diese. © picture alliance/dpa | Wolfgang Kumm

Du bist eines von 154 Mitgliedern eines Bürgerrats, der dem Bundestag kürzlich seine Empfehlungen überreichte. Wie hat dich die Einladung dazu erreicht und wie hat es sich angefühlt, dass du „ausgelost“ wurdest?

Ich habe die Einladung per Post bekommen. Ehrlich gesagt hatte ich vorher noch nie etwas von diesem Projekt gehört und wollte den Brief schon wegwerfen, weil ich dachte, es wäre Werbung. Dann habe ich mich aber im Internet informiert und auch meinen Wirtschaftslehrer um Hilfe gebeten. Erst da habe ich realisiert, dass ich eine riesige Chance bekommen habe, um wirklich etwas in der Politik zu bewirken und war sehr begeistert. Aber ein bisschen eingeschüchtert hat mich die Herausforderung auch.

Hast du dich vorher für Politik interessiert? Und wie ist es jetzt, nachdem du Teil des Bürgerrates warst?

Politik fand ich vor meiner Teilnahme am Bürgerrat nicht uninteressant, aber ich habe mich damit nie wirklich auseinandergesetzt. Durch meine Teilnahme ist mein Interesse wirklich gewachsen. Ich schaue häufiger Nachrichten im Fernsehen und Internet und lese Zeitung. Und wenn ich darf, werde ich auf jeden Fall wählen gehen.

Junger Mann

© privat

Ben ist 16 Jahre alt und besucht ein Gymnasium in Baden-Württemberg. Er war einer von 4.378 Deutschen, die eine Einladung zur Teilnahme am Bürgerrat bekommen haben und schließlich einer von 154 Teilnehmern und Teilnehmerinnen.

Das Thema „Deutschlands Rolle in der Welt“, das der Bürgerrat bearbeitete, war sehr allgemein gefasst. Wie kamt ihr damit zurecht?

Teilweise war es wirklich nicht so einfach, weil die Zeit begrenzt war, aber man über so viele Themen sprechen wollte und musste. Denn Deutschlands Rolle in der Welt ist ja mit allem verknüpft. Aber ich fand, die Organisation war so gut, dass wir mit allem zurechtgekommen sind.

10 Sitzungen, insgesamt 50 Stunden Online-Treffs und 154 Mitglieder, die was zu sagen haben: Wie kann man sich den Ablauf dieser Mammutsitzungen vorstellen? Wie waren sie für dich?

Wir waren entweder im großen Plenum mit allen zusammen, oder in kleinen, sogenannten „Reisegruppen“ zu unterschiedlichen Themen. In der großen Runde haben wir die Ergebnisse entweder zusammengefasst oder hatten Fragestunden mit Experten. Alles fand aber online statt und man hat dann meist nur den Sprecher auf dem Bildschirm gesehen und konnte sich die anderen Teilnehmer als kleine Kacheln anschauen. Ich persönlich mochte die kleinen Gruppen lieber, weil man dort auch seine Meinung einbringen konnte. In unserer Gruppe, „Demokratie und Rechtsstaat“, haben wir uns mit Deutschlands Umgang mit Autokratien und seiner Rolle im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen beschäftigt.

Wie war es, mit so vielen Menschen und unterschiedlichen politischen Meinungen zusammenzukommen? Konntest du auch deine Ideen einbringen?

Ich fand es super cool, weil ich quasi einen Querschnitt durch die ganze Gesellschaft erlebt habe. Dadurch hatte ich die Chance, auch mal ganz andere Meinungen zu hören. Mich hat es aber wirklich überrascht, dass keine Extrem-Meinungen dabei waren. Damit hatte ich gerechnet. Wir waren häufig einer Meinung oder haben am Ende Lösungen gefunden, sodass jeder mit den Empfehlungen zufrieden war. Für den privaten Austausch haben einige auch mittlerweile eine Chat-Gruppe gegründet.

Der Bürgerrat „Deutschlands Rolle in der Welt“ ...

  • bestand aus 154 zufällig aus ganz Deutschland ausgewählten Personen ab 16 Jahren

  • wollte damit den Querschnitt der Bevölkerung abbilden (Alter, Beruf, soziale Position)

  • stand unter der Schirmherrschaft des Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble

  • befasste sich mit außenpolitischen Fragen, daher der Titel „Deutschlands Rolle in der Welt“

  • übergab am 19. März 2021 ein „Bürgergutachten“ mit Empfehlungen an den Bundestag

  • mehr Infos unter buergerrat.de

Was passiert denn jetzt mit euren Empfehlungen?

Jeder hatte die Chance, sich einzubringen, wenn er oder sie wollte. Und meine konkreten Ideen kann ich sogar ganz klar in den Empfehlungen wiedererkennen. Zum Beispiel bei der Frage, wie Deutschland mit Autokratien wie China und Russland umgehen soll. Die Empfehlungen wurden ja im März an den Bundestag übergeben und ich hoffe sehr, dass die Abgeordneten sie jetzt lesen und dann auch umsetzen.

Welche Empfehlung findest du persönlich wichtig?

Ich würde mich da gar nicht festlegen wollen. Denn alle Empfehlungen haben ihre Wichtigkeit. Aber natürlich würde ich mich sehr freuen, wenn besonders die Empfehlungen im Bereich Demokratie und Rechtsstaat, an denen ich auch mitgearbeitet habe, umgesetzt würden.

(lh)

Zur Person

Portrait Laura Heyer
Mitmischen-Autorin

Laura Heyer

hat in Heidelberg Geschichte studiert, in Berlin eine Ausbildung zur Journalistin gemacht und ist dann für ihre erste Stelle als Redakteurin nach Hamburg gegangen. Dort knüpft sie nun Netzwerke für Frauen. Aber egal wo sie wohnt – sie kennt immer die besten Plätze zum Frühstücken.

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