STIPENDIENPROGRAMM

„Die deutsch-amerikanische Freundschaft ist eine besondere“

12.05.2023 – 330 junge Amerikanerinnen und Amerikaner verbringen derzeit ein Jahr in Deutschland, und zwar mit einem Stipendium des Bundestages und des US-Kongresses. Gestern lernten sie in Berlin ihre Paten-Abgeordneten und die Bundestagspräsidentin kennen.
Gruppen-Selfie
Passen 330 Leute auf ein Selfie? Die Stipendiatinnen und Stipendiaten in Berlin. © DBT/Thomas Imo/photothek

Lachen und deutsch-englische Sprachfetzen hallen durchs Paul-Löbe-Haus. In kleinen Gruppen kommen die amerikanischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Parlamentarischen Patenschafts-Programms aus dem Plenarsaal, wo sie eben eine Aktuelle Stunde zum Europarat-Treffen in Island mit angehört haben. Nun verteilen sie sich auf verschiedene Ausschussräume, wo sie gleich mit Abgeordneten ins Gespräch kommen werden.

Das PPP

Mit dem Parlamentarischen Patenschafts-Programm (PPP) ermöglichen der Deutsche Bundestag und der US-Kongress jedes Jahr rund 300 deutschen und 300 amerikanischen Jugendlichen ein Austauschjahr in den USA beziehungsweise in Deutschland. Die Stipendiaten leben in Gastfamilien und besuchen Schulen oder Hochschulen.

Karina: Ethnologie-Studium in Hamburg

Karina setzt sich und begutachtet das Mikro an ihrem Platz, in das sonst die Abgeordneten im Ausschuss sprechen. Sie ist 25 Jahre alt und kommt aus Puerto Rico. Aktuell lebt sie in Hamburg. „Da habe ich richtig Glück gehabt“, findet sie. Nicht nur die Stadt gefällt ihr, auch von ihrer Gastmutter ist sie begeistert. „Sie ist eine 56-jährige queere Frau“, erzählt Karina. „Ich liebe sie! Es ist verrückt, wie viele Gemeinsamkeiten wir haben: Sie mag Yoga und Tanzen und sie interessiert sich für Psychologie.“

Psychologie hat Karina zuhause in Puerto Rico studiert. In Hamburg hat sie sich für Ethnologie eingeschrieben. Aber in ihrem Austauschjahr ist ihr klar geworden, dass sie ihre beruflichen Pläne ändern will. Warum? „Ich habe ein Praktikum bei einer Organisation gemacht, die geflüchtete Frauen unterstützt. Eine absolut wichtige Arbeit, aber ich glaube, ich habe die emotionale Belastung unterschätzt.“ Wenn sie nach Hause zurückkommt, will sie ein Studium der Kommunikationswissenschaften beginnen.

Peter: Ökonomie-Studium in Nürnberg

Neben Karina sitzt Peter. Er ist 23 Jahre alt und kommt aus Philadelphia. Zuhause studiert er Ökonomie und Politikwissenschaften. Aktuell lebt er in Nürnberg, „a fun little town“, wie er findet. Auch dort studiert er Ökonomie. An einem Forschungsinstitut hat er ein Praktikum gemacht: „Ich habe an einem Projekt zu klimafreundlichen Dächern mitgearbeitet. Dabei habe ich unglaublich viel gelernt.“

Als im Saal die Gesprächsrunde mit den Abgeordneten losgeht, stellt Peter auch gleich eine Frage zu diesem Thema: „Haben Sie im Zuge der Energie-Krise Ihre Meinungen zur Energiewende geändert?“ Die Antworten spiegeln die Meinungsvielfalt im Bundestag wieder. Während Hendrik Hoppenstedt (CDU/CSU) und Marianne Schieder (SPD) sich zwar nicht über die Wege dorthin, wohl aber über das Ziel einig sind, dass Deutschland schnell seine CO2-Emissionen reduzieren müsse, sagt Steffen Kotré (AfD): „Die Energiewende ist jetzt schon zum Scheitern verurteilt.“ Ohnehin sei die Energiekrise ein „hausgemachtes Problem“, das nicht entstanden wäre, wenn Deutschland nicht „ohne Not“ auf russisches Gas verzichtet hätte.

„Welches Gesetz würden Sie gerne sofort ändern?“

Es folgen Fragen zur Cannabis-Legalisierung, zu Vorurteilen gegen die LGBTQ-Szene, zum deutschen Sozialsystem, zu Gewalt in Deutschland und den USA.

Die Antworten bleiben kontrovers. So etwa auf Stevens Frage nach der Legalisierung von Cannabis. Das sei „großer Unfug“, meint Hoppenstedt. Schließlich belegten alle Studien, dass der Konsum schwere gesundheitliche Schäden verursachen könne. Kotré ist für eine Freigabe für Erwachsene, nicht jedoch für Jugendliche. Und Schieder befürwortet eine Freigabe „in sehr engen Grenzen“, weil illegale Drogen schwerer zu kontrollieren seien.

Dass die Abgeordneten nicht nur im Bundestag kontrovers diskutieren, wird deutlich, als Stan fragt: „Gibt es in Ihrer Familie unterschiedliche politische Meinungen?“ Hoppenstedt verrät, dass seine Frau zwar in der gleichen Partei sei wie er, die zwei bei Themen wie Frauenrechte und Umweltschutz aber trotzdem oft geteilter Meinung seien. Sein Vater sei „eher linksliberal“, sagt Kotré. Das sei aber kein Problem. Und Schieder berichtet, als Bayerin komme sie natürlich aus einer Familie von CSU-Wählern. Bei Themen wie Frauenrechte, Migration und Energieversorgung habe sie sich aber in der SPD besser aufgehoben gefühlt.

Schließlich will Delaine wissen: „Welches Gesetz würden Sie gerne sofort ändern?“ Darauf haben alle Abgeordneten eine Antwort parat. Kotré würde das Erneuerbare-Energien-Gesetz am liebsten „sofort streichen“. Hoppenstedt würde gerne das Asylrecht ändern, um „irreguläre Migration besser steuern zu können“. Und Schieder würde das Wahlrecht ab 16 einführen.

Bundestagspräsidentin: „Bleiben Sie mutig!“

Die Stipendiaten hätten noch viele Fragen. Aber draußen wartet schon die Bundestagspräsidentin. Bärbel Bas ist Schirmherrin des Programms und begrüßt die jungen Amerikanerinnen und Amerikaner im Bundestag. Sie freue sich, dass die Stipendiaten so mutig gewesen seien, Familie und Freunde zurückzulassen, um Deutschland kennenzulernen.

„Die deutsch-amerikanische Freundschaft ist eine besondere“, sagt Bas. Gemeinsam träten beide Länder für gemeinsame Werte ein: Frieden, Freiheit, Demokratie. Und die Stipendiaten seien nun die Botschafter dieser Freundschaft und füllten sie mit neuem Leben.

„Ich hoffe, Sie nehmen viel mit und kommen wieder“, verabschiedet die Bundestagspräsidentin die jungen Leute. „Nutzen Sie die Gelegenheit – und bleiben Sie mutig!“

Victoria: Im Gymnasium in Recklinghausen

Nach der Rede der Bundestagspräsidentin gibt es etwas zu Essen. Und die Stipendiaten können ihre Paten-Abgeordneten kennenlernen. Während Victoria darauf wartet, von ihrem Paten abgeholt zu werden, erzählt sie von ihren Erlebnissen im Austauschprogramm. Sie ist 17 Jahre alt und kommt aus Florida. Hier in Deutschland geht sie in Recklinghausen zur Schule. Der Unterricht sei hier leichter als in den USA, findet sie: weniger Hausaufgaben, weniger Klausuren. Allerdings werde in Deutschland härter bewertet.

Was sie außerdem überrascht habe, und zwar sehr positiv, sei, wie viel Mühe die Deutschen sich geben würden, um etwas für die Umwelt zu tun. „In den USA fährt man überall mit dem Auto hin. Da musste ich mich erst mal umstellen. Denn meine Gasteltern sagen immer: Quatsch, wir können doch laufen.“ Victoria fährt jetzt mit dem Fahrrad zur Schule, zum Tanzen, zu Freunden und liebt es. Auch Bahnfahren in nahegelegene Städte findet sie toll.

Nach dem Austauschjahr will sie vielleicht noch einen Interrail-Urlaub machen. „Ich bin in dem Jahr auf jeden Fall abenteuerlustiger geworden – und auch entspannter“, sagt Victoria. Dann kommt ihr Paten-Abgeordneter Michael Breilmann (CDU/CSU). Und mit dem unterhält sie sich sehr entspannt, teils auf Deutsch, teils auf Englisch, über Deutschland, Politik und ihre Zukunftspläne.

Interesse an einem Stipendium?

Die Bewerbungsrunde für das Parlamentarische Patenschafts-Programm 2024/25 hat übrigens gerade begonnen. Mehr erfahrt ihr in unserem Top-Thema:

(Julia Karnahl)

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