Experten im Bundestag

Wie lässt sich jungen Obdachlosen helfen?

19.01.2021 – In Deutschland leben rund 37.000 junge Menschen auf der Straße. Wie lässt sich ihre Situation verbessern? Experten hatten einige kreative Ideen.
Obdachloser Mensch bettelt am Gehweg
Problematisches Elternhaus mit Gewalterfahrungen oder sexuellem Missbrauch, fehlende Bildung, finanzielle Not – Gründe für die Wohnungslosigkeit junger Menschen gibt es viele. © Shutterstock.com/Followtheflow

Schlechte Noten, Probleme im Freundeskreis oder gar mit Drogen – einige Jugendliche haben es besonders schwer. Wenn es mal nicht so läuft, können sich die meisten auf ihre Eltern verlassen. Die helfen und unterstützen häufig, bis alles wieder in geordnete Bahnen kommt. Doch dieses Glück hat nicht jeder.

In Deutschland gibt es laut Deutschem Jugendinstitut rund 37.000 junge Menschen bis einschließlich 26 Jahre, die auf der Straße leben und somit weitestgehend auf sich allein gestellt sind.

Wie man Straßenkindern und jungen Obdachlosen helfen kann, wollten nun einige Abgeordnete des Bundestages wissen. Dazu hörte der Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend kürzlich Experten aus Forschung und Jugendhilfe an. Grundlage waren zwei Anträge aus der Opposition.

Wie gerät ein junger Mensch in Wohnungsnot?

Mit ihrem Antrag möchte die Fraktion Die Linke „neue Perspektiven für Straßenkinder und wohnungslose junge Menschen eröffnen“. Die Grünen-Fraktion fordert in ihrem Antrag „Strategien gegen Wohnungslosigkeit bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen“.

Doch wie gerät ein junger Mensch überhaupt in Wohnungsnot? Gründe dafür seien „in erster Linie Bildungsbenachteiligung sowie ein problematisches Elternhaus mit zum Beispiel Vernachlässigung, Gewalterfahrungen und sexuellem Missbrauch“, so die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Um diese Entwicklung zu stoppen, erklärt die Linksfraktion, dass ein „grundlegender Paradigmenwechsel notwendig“ sei.

Beide Fraktionen setzen sich unter anderem für eine Ausbildungsplatzgarantie und eine sogenannte Kindergrundsicherung ein. Zur Erklärung: Aktuell werden Kinder je nach Erwerbssituation ihrer Eltern über verschiedene Systeme ungleich finanziell gefördert. Die Kindergrundsicherung soll die gegenwärtigen Leistungen bündeln und vereinheitlichen.

Dadurch könnte nach Meinung der beiden Antragsteller der lebensnotwendige Bedarf an beispielsweise Lebensmitteln, schulischen Materialien oder auch sozialen Aktivitäten besser gedeckt werden. Die Oppositionsfraktionen fordern zudem bezahlbaren Wohnraum und geförderten Wohnungsbau.

„Begrüßenswert, richtig und gut“

Dr. Sascha Facius, wissenschaftlicher Referent des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge, unterstützte die Oppositionsanträge. Es sei „begrüßenswert, richtig und gut“, dass „die Wohnungslosigkeit junger Menschen auf die politische Agenda kommt“.

In Deutschland gebe es schätzungsweise 19.000 Minderjährige ohne Dach über dem Kopf. Facius erklärte außerdem, dass die Corona-Pandemie das Leben auf der Straße noch weiter verschlechtere und man deshalb nun eingreifen müsse.

Jugendliche finanziell absichern

„Die Pandemie zeigt die schwierige Lebenssituation wohnungsloser junger Menschen wie in einem Brennglas“, so Dr. Birgit Fix, Referentin für Armuts- und Arbeitsmarktfragen beim Deutschen Caritasverband. Dennoch sei das Thema in „Gesellschaft, Politik und Medien nicht wirklich auf dem Radar“.

Fix begrüßte die Anträge der Fraktionen Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen und erklärte, „dass die Abwärtsspirale nur mit einer ganzheitlichen Sicht durchbrochen werden“ könne. Die Expertin sprach sich für eine „hinreichende finanzielle Absicherung“ von Jugendlichen aus.

„Recht auf Wohnen“

Andrea Pingel von der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit sagte, dass „junge Menschen ein Recht auf Wohnen“ hätten. Bei der aktuellen Wohnungssituation sei dies aber nur schwer realisierbar.

Den „17,3 Millionen Personen, die eine kleine Wohnung suchen, stehen nur 5,4 Millionen Ein- bis Zweizimmerwohnungen zur Verfügung“, sagte Pingel. Außerdem seien auch die hohen Wohnungspreise problematisch, bei denen „junge Menschen keine Chance“ hätten.

Zwei Fliegen mit einer Klappe

„In den Anträgen der Grünen und der Linken steckt viel Arbeit drin und auch viele gute Ideen“, sagte Ronald Prieß, Botschafter der Straßenkinder Hamburg.

Die Corona-Pandemie ermögliche eine temporäre Lösung für die Situation von Straßenkindern: „Da schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Hotels sind leer, die Kids müssen von der Straße.“

Prieß erklärte, dass jugendliche Obdachlose „kein Randphänomen mehr“ seien und es „dringend geboten ist, zu handeln“.

Politik in der Pflicht

„Sofort zu handeln und unkonventionelle Lösungen zu sehen“ – dafür plädierte auch Prof. Dr. Wolfgang Schröer von der Universität Hildesheim.

Schröer forderte Unterstützung aus der Politik: „Die Jugendhilfe kann es nicht allein und die Jobcenter können es auch nicht allein.“ Er sprach sich für eine „kommunal-, landes- und bundespolitische Stärkung“ aus.

„Individuelle und passgenaue Lösungen“

„In einer perfekten Welt würden alle jungen Menschen in ihrer Herkunftsfamilie oder einer Form von Jugendhilfe leben, die ihren Bedürfnissen gerecht wird“, sagte Ruth Seyboldt, Vorsitzende des Vereins Careleaver.

Da dem aber noch nicht so sei, müsse man überlegen, „wie wir uns dieser perfekten Welt annähern können“. Dazu gehöre beispielsweise, dass Jugendhilfe erst dann enden dürfe, wenn „die Frage nach der weiteren Lebenssituation geklärt ist“.

Seyboldt forderte „individuelle und passgenaue Lösungen“.

„Bitte handeln Sie!“

„Wie ihnen allen sicher bewusst ist, verschlechtert Corona die Situation der Betroffenen noch mal massiv“, erklärte Angela Smessaert, die stellvertretende Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ). Die bisherigen Überlebensstrategien seien zu Pandemie-Zeiten nicht mehr möglich.

Smessaert appelierte: „Bitte handeln Sie und nehmen sie die bestehenden Nothilferessourcen ernst!" Nicht nur Hotels, sondern auch Jugendherbergen haben angeboten, ihre Räume zur Verfügung zu stellen.“

Die öffentliche Anhörung könnt ihr euch im Video anschauen.

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