Mauerfall 1989

Verblüffung und Tränen

Die Nachricht riss sie von den Sitzen: Die Mauer ist weg – in einer ganz normalen Sitzung des Bundestages erfuhren die Abgeordneten am 9. November 1989 davon. In Bonn, dem damaligen Regierungssitz, flossen Tränen und kam es zu spontanen Gesängen.

Chorgesang im Bundestag

© DBT

Ein etwas sperriges Thema steht auf der Tagesordnung. Um die "Verbesserung und Vereinfachung der Vereinsbesteuerung" geht es am Abend des 9. November 1989 im Deutschen Bundestag, dessen Sitz damals noch in Bonn ist. Was dann aber tatsächlich folgt, wird als einer der glücklichsten Momente in die Geschichte des Deutschen Parlaments eingehen.

Applaus, als die Nachricht kommt

Während man im Bonner Wasserwerk über Steuersätze und Vereins-Paragrafen debattiert – das Alte Wasserwerk in Bonn wurde von 1986 bis 1992 als Plenarsaal des Deutschen Bundestags genutzt – verkündet rund 600 Kilometer weiter östlich Günter Schabowski, Sprecher des SED-Zentralkomitees auf einer Pressekonferenz, dass man die Grenzen der DDR öffnen werde. Gegen 20 Uhr dringt diese Nachricht nach Bonn – und Karl-Heinz Spilker, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion verliest im Plenarssal: "Ab sofort können DDR-Bürger direkt über alle Grenzstellen zwischen der DDR und der Bundesrepublik ausreisen." Minutenlanger Applaus folgt, die Abgeordneten sind begeistert.

Spilker will nun wie geplant seine Rede zum Vereinsförderungsgesetz halten. Doch rund 20 Minuten später unterbricht der Vizepräsident des Deutschen Bundestages Dieter-Julius Cronenberg (FDP) die Sitzung auf Wunsch der Fraktionsvorsitzenden. Nun können sich die Parlamentarier über die Vorgänge in Berlin informieren – ohne Smartphones und iPads sind sie auf Telefonate und Nachrichten angewiesen.

Erfolg der Demonstranten

Nun gibt Bundesminister Rudolf Seiters eine Regierungserklärung ab. Er sagt, die vorläufige Freigabe von Besuchsreisen und Ausreisen aus der DDR sei ein "Schritt von überragender Bedeutung". Im Anschluss würdigen die Fraktionsvorsitzenden aller Parteien den Ost-Berliner Reisebeschluss. Die Mauer habe nach 28 Jahren ihre Funktion verloren, sagt Hans-Jochen Vogel (SPD). Auch Alfred Dregger (CDU/CSU) begrüßt den Erfolg, den die Demonstranten in der DDR mit dem Ende der Mauer erreicht haben: "Frieden, Freiheit, Demokratie und Menschenrechte."

Tränen der Freude

Dr. Helmut Lippelt (Die Grünen) fügt hinzu, dass damit der unwürdige Weg über Drittländer überflüssig geworden sei. Zuletzt spricht der FDP-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Mischnick über Mut, Entschlossenheit und freie Wahlen. Nach Mischnicks Rede stimmen drei Abgeordnete der Union spontan die Nationalhymne an – Hermann Josef Unland, Franz Sauter und Ernst Hinsken. Die Parlamentarier erheben sich und singen mit. Bundestagsvizepräsidentin Annemarie Renger (SPD) ist sichtlich gerührt – und bricht auf Antrag des SPD-Geschäftsführers Dr. Gerhard Jahn unter allgemeinem Beifall die Sitzung um zehn nach neun ab. Willy Brandt (SPD), der als Regierender Bürgermeister von Berlin den Mauerbau miterlebt hat, kämpft mit den Tränen.

Heute findet sich noch ein kleines Stück Mauer im Bundestag: ein Mahnmal im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus am Ostufer der Spree, wo sich bis vor 25 Jahren der Mauerstreifen befand.

(DBT/suk)

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