Pro und Contra

Immunitätsnachweis – ja oder nein?

16.06.2020 – Sollen Menschen, die gegen Corona immun sind, mehr Freiheiten und andere Aufgaben bekommen als jene, die keine Antikörper haben? Diese Frage diskutiert aktuell der Deutsche Ethikrat. Viktoria ist dafür, Eric dagegen.
Symbole "Daumen hoch" und "Daumen runter", daneben jeweils ein Foto des Autors
Sollten wir Corona-Immunitätsnachweise einführen? mitmischen-Autoren diskutieren. © shutterstock.om/Roman Bykhalets & privat

Viktoria (20): Eine große Chance

Der Vorschlag von CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn, einen Corona-Immunitätsausweis einzuführen, bietet eine große Chance. Wer eine Covid-19-Infektion überstanden hat, soll dies durch ein Dokument oder eine Chipkarte vermerkt bekommen – analog zum Impfpass. Ähnliche Überlegungen gab es bereits in Italien und Großbritannien.

Ein Immunitätsausweis könnte mehr Sicherheit und Gewissheit für Ärzte und Patienten schaffen und in Anbetracht der steigenden Zahlen von Genesenen für mehr Verhältnismäßigkeit zwischen Beschränkungen und Freiheiten sorgen. Möglich wäre auch eine schrittweise Rückkehr zur Arbeit, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln.

„Das Normalste der Welt“

Die Idee des Immunitätsausweises ist prinzipiell nicht neu. Der Internationale Impfausweis, das kleine gelbe Heftchen, in das nach § 22 Infektionsschutzgesetz jede Schutzimpfung eingetragen wird, ist ein gängiges Dokument, das wir beim Arztbesuch oder auf Reisen bei uns tragen. Der Impfausweis ist hilfreich, um zu wissen, gegen welche Krankheiten man geschützt ist oder um notwendige Auffrischimpfungen oder fehlende Impfungen zu erkennen. Der Vorschlag, einen Immunitätsausweis einzuführen, basiert auf dieser Idee.

Die Bundesregierung schlägt in ihrem „Entwurf eines Zweiten Gesetzes zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ vor, dass Menschen mit einem Nachweis, dass sie eine bestimmte Krankheit nicht mehr übertragen können, von einschränkenden Maßnahmen ganz oder teilweise ausgenommen werden sollen. Dokumentiert werden sollen die Testergebnisse laut Gesetzentwurf ähnlich wie beim Impfpass. Gesundheitsminister Spahn hält deshalb einen Eintrag, ob man das Covid-19-Virus überstanden hat, für „das Normalste der Welt“.

Zudem planen andere Staaten, die Einreise künftig von einem derartigen Immunitätsnachweis abhängig zu machen, so Spahn. Ähnlich ist es zum Beispiel beim Gelbfieber. Die Impfung gegen Gelbfieber ist bei Reisen in Risikogebiete, die sich im tropischen Afrika und nördlichen Südamerika befinden, dringend angeraten und in einigen Ländern sogar gesetzlich vorgeschrieben. Der Corona-Immunitätsnachweis würde also nach einem ähnlichen Dokumentationsprinzip funktionieren wie bei anderen Krankheiten auch.

Mehr Sicherheit für Ärzte, Lehrer und Co.

Der Immunitätsausweis könnte sich vor allem im Gesundheitswesen vorteilhaft auswirken: Pflegekräfte, Ärzte und weiteres Krankenhaus-Personal könnten mithilfe des Immunitätsausweises herausfinden, wer eine Immunität gegen das Covid-19-Virus hat. Dieses Wissen gäbe Sicherheit und könnte präventiv bei der Planung des Personals hilfreich sein sowie weitere Infektionsketten verhindern, die insbesondere durch den engen Kontakt mit Patienten entstehen können.

Dies gilt aber auch für Berufsgruppen, die viel Kontakt zu anderen Menschen haben, wie Lehrer, Polizisten, Bedienungen oder Fahrer von öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie könnten ohne die bisher geltenden Vorsichtsmaßnahmen arbeiten, da sie nicht Gefahr laufen würden, sich erneut mit dem Coronavirus zu infizieren.

Wer genesen ist, kann anders handeln

Weiterhin kann man argumentieren, dass Personen, die immun gegen das Covid-19-Virus sind – insofern diese Immunität tatsächlich nachgewiesen werden kann – nicht mehr den Corona-Maßnahmen unterworfen sein müssten. Staatliche Eingriffe in die Freiheit der Bürger müssen geeignet, angemessen und erforderlich sein, so besagt es unser Rechtsstaatsprinzip. Warum sollte ein genesener Cafébesitzer mit genesenem Personal seine genesenen Gäste nicht bedienen dürfen?

In solchen Fällen könnte ein Immunitätsausweis helfen, die Situation besser einzuschätzen, um den Normalbetrieb wieder aufnehmen zu können. Menschen, die immun sind, könnten ohne Kontaktbeschränkungen ihrer Arbeit nachgehen oder Menschen aus Risikogruppen unterstützen, indem sie Besorgungen erledigen.

Es gibt noch offene Fragen

Allerdings muss man zunächst noch abwarten, bis wissenschaftliche Beweise vorliegen, ob sich Menschen nach einer Covid-19-Infektion nicht wieder anstecken können. Der Virologe Christian Drosten erklärte in einem Podcast: „Ich gehe weiter vollkommen davon aus, dass es eine Immunität gibt – die mag nach zwei Jahren oder vielleicht noch etwas länger nachlassen.“ Bis das endgültig erwiesen ist, gilt es weiter zu diskutieren und neue Erkenntnisse zu berücksichtigen.

Eric (20): Moralisch und medizinisch fragwürdig

Wir befinden uns derzeit in der wohl größten Krise seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland wurden Grundrechte so massiv eingeschränkt. Egal, ob der sonntägliche Gang in die Kirche, die Geburtstagsfeier mit Freunden oder der langersehnte Sommerurlaub am Mittelmeer: Nichts ist mehr sicher, vieles ist eingeschränkt und manches wurde schier unmöglich. Wollen wir in einer solchen Ausnahmesituation wirklich einen Immunitätsausweis einführen, der die Spaltung des Landes weiter vorantreiben könnte?

Die Pandemie könnte außer Kontrolle geraten

Obwohl auch in Deutschland bereits tausende Menschen an dem neuartigen Coronavirus starben, lief die bisherige Krise im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarn, China oder den USA recht glimpflich ab. Dies liegt unter anderem daran, dass man es geschafft hat, das Gesundheitswesen nicht zu überlasten und somit ausreichend Krankenbetten und Beatmungsgeräte zur Verfügung standen. Diese Errungenschaft würde durch die Einführung eines Immunitätsausweises jedoch fahrlässig aufs Spiel gesetzt werden. Ein Ausweis würde für genese Patienten erhebliche Freiheiten mit sich bringen. Beispielweise könnte damit unterschieden werden, wer ins Freibad, ins Theater oder in den Urlaub dürfte – und wer zu Hause bleiben und weiterhin Däumchen drehen müsste. Die Konsequenz wäre, dass möglicherweise tausenden Bürgern die Idee käme, sich vorsätzlich zu infizieren, damit auch ihnen eine Immunität attestiert werden würde. Bei tausenden mutwillig herbeigeführten Neuinfektionen hätte man die Pandemie eventuell nicht mehr unter Kontrolle. Die Folgen wären unabsehbar und würden wohl tausenden weiteren Menschen das Leben kosten.

Wäre es nicht ein verheerendes Zeichen, wenn der Staat die Menschen, die sich nicht an die Regeln hielten, mit einem Immunitätsausweis belohnen würde – um gleichzeitig diejenigen, die sich mit den Älteren, Schwächeren und Vorerkrankten solidarisch zeigten, zu bestrafen?

Eine Immunität ist noch gar nicht erwiesen

Ein Immunitätsausweis ist nicht nur ethisch und moralisch äußerst fraglich, sondern auch aus medizinischer Sicht nicht ausreichend evaluiert. Denn ob man gegen Sars-Cov-2 tatsächlich immun sein kann, ist nach dem bisherigen wissenschaftlichen Stand noch nicht vollends geklärt. So warnt auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO): „Es gibt im Moment keinen Nachweis, dass Menschen, die sich von Covid-19 erholt und Antikörper haben, vor einer zweiten Infektion geschützt sind.“ Des Weiteren führt sie aus, dass Immunitätsbescheinigungen das Risiko fortgesetzter Ansteckungen deshalb erhöhen würden.

Einen kühlen Kopf bewahren 

Zu Recht hat die deutsche Regierung in der Vergangenheit vor Abschottungspolitik und nationalen Alleingängen gewarnt. Doch genau diese Politik würde sie durch die Einführung eines Immunitätsausweises selbst betreiben. Das Prinzip des Pluralismus und der internationalen Zusammenarbeit würde unterminiert, da man sich dann offiziell gegen die Empfehlung der WHO und somit gegen die Vereinten Nationen stellen würde, zu denen weltweit 193 Staaten gehören.

In einer globalen Pandemie ist es wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren, situativ zu entscheiden und Schritt für Schritt zu handeln. Bei der Thematik des Immunitätsausweises gilt es daher zuerst einmal festzustellen, ob eine Immunität nachweisbar ist. Der zweite Schritt stellt dann eine im Parlament und der Gesellschaft kontrovers geführte Debatte dar. Anstatt vorschnelle Diskussionen zu führen und die Menschen zu verunsichern, sollte sich auch Gesundheitsminister Spahn, der den Vorschlag eines Immunitätsausweis einbrachte, an den derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren.

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