Vorsitzende

„Wir müssen als Europa loslegen"

06.10.2020 – Daniela Kolbe (SPD) will dem Bundestag helfen, Künstliche Intelligenz (KI) besser zu verstehen. Im Interview mit Alexia spricht die Vorsitzende der KI-Kommission über Siri & Co. – und Raumschiff Enterprise.
Frau steht auf Bühne vor Präsentation
"Künstliche Intelligenz einfach doof zu finden und sich nicht damit zu beschäftigen, ist keine Lösung", sagt Daniela Kolbe, Vorsitzende einer Kommission zum Thema, hier bei einer Veranstaltung am 28. September.

Frau Kolbe, wann sind Sie das erste Mal mit Künstlicher Intelligenz in Berührung gekommen?

Als Jugendliche habe ich häufig die Science-Fiction-Serie Raumschiff Enterprise geguckt. Sie spielt im Weltraum und starke Künstliche Intelligenz – also ein System, das nicht nur reagiert, sondern aus eigenem Antrieb intelligent und flexibel agieren kann – ist dort normal. Heute begegnet uns KI viel öfter, als die meisten denken.

Denn Algorithmen sind mittlerweile an vielen Stellen unsere Begleiter, etwa wenn ich die Spracherkennung auf dem Handy nutze oder mir auf einer Website der Button „Andere Nutzer kauften auch“ angezeigt wird. Dann steckt dort maschinelles Lernen dahinter und das ist ein KI-System mit schwacher Künstlicher Intelligenz. Aber natürlich unterscheidet sich das stark von der KI aus Science-Fiction-Filmen.

Sie sind Vorsitzende einer Kommission, die zu KI arbeitet. Welche Ziele verfolgen Sie?

In unserer Enquete-Kommission sitzen zur Hälfte Abgeordnete und zur Hälfte externe Sachverständige wie Wissenschaftler, Unternehmer oder Personen aus Gewerkschaften oder Zivilgesellschaften, die ihren Sachverstand mit einbringen. Und wir arbeiten ohne Zeitstress des Parlamentsalltags und fraktionsübergreifend. Unser Auftrag ist es, dem Bundestag Empfehlungen zu geben, wie er mit dem verhältnismäßig neuen Thema Künstliche Intelligenz umgehen soll.

Fragen sind dabei zum Beispiel: Wie muss man Gesetze ändern, damit in der Arbeitswelt nicht einfach irgendwelche KI-Systeme eingeführt werden und die Beschäftigten dann darunter leiden. Und wer haftet eigentlich, wenn beim Einsatz von KI etwas schiefgeht? Wir haben zwei Jahre lang diskutiert, jetzt stellen wir unseren Abschlussbericht fertig. Der wird über 600 Seiten dick.

Im März und April konnten Interessierte sich online einbringen. Wie viele haben sich beteiligt? Und welche Themen waren den Menschen besonders wichtig?

Es haben sich 130 Menschen angemeldet und insgesamt 680 Beiträge hinterlassen. Es waren sehr sachverständige und kluge Hinweise dabei. Viele Leute haben sich zum Beispiel gewünscht, dass man in der Gesellschaft darüber mehr diskutiert, was das Ziel von KI sein soll und dass die Bevölkerung mehr in diesen Themen gebildet wird.

Auch Diskriminierung war ein sehr großes Thema. Dabei geht es darum, wie man KI einsetzen kann, um zum Beispiel in Bewerbungsgesprächen nicht nach Äußerlichkeiten wie Geschlecht oder Herkunft, sondern nur nach Qualifikation zu schauen. Aber auch die Auswirkungen auf die Arbeitswelt, also wie die KI uns von Routine-Tätigkeiten entlasten kann, war ein großes Thema.

Sie erwähnten, dass Sie mit vielen externen Fachleuten gesprochen haben. Was sind die zwei, drei wichtigsten Ratschläge an die Politik?

Tatsächlich haben die Sachverständigen uns an ganz vielen Stellen geholfen, sodass wir jetzt einen viel differenzierteren und fachlicheren Blick auf das Thema KI haben. Es gibt eben nicht nur eine KI, es gibt unfassbar viele Anwendungsbereiche und unterschiedliche Arten von KI-Systemen. Ansonsten war ein großer Wunsch von vielen Experten, rund um das Thema KI gezielter zu forschen und ganz spezielle Projekte zu fördern, statt einfach viel Geld über alle Bereiche hinweg auszugeben – weil man in der deutschen Politik eher dazu neigt, dass jeder was abbekommen soll.

Welcher Vorschlag in Ihrem Bericht ist besonders entscheidend oder innovativ?

Wir machen viele gute Vorschläge. Ich gebe mal ein Beispiel: Im Gesundheitsbereich sollen Menschen eine sogenannte Datenfreigabe machen können. Das heißt, dass ich als Patientin sagen kann, wer meine Gesundheitsdaten für die Forschung nutzen können soll. Denn KI funktioniert nur, wenn man Daten hat, aus denen man etwas lernen kann. In Deutschland haben wir jedoch zu recht ein sehr hohes Datenschutzniveau. Ich hoffe, dass die Umsetzung einer Datenfreigabe zur Entwicklung von europäischen KI-Systemen beiträgt und so die Forschung gefördert wird.

Viele Menschen nutzen auch hierzulande digitale Sprachassistenten wie Alexa oder Siri. Amerikanische Konzerne dominieren den Markt. Was kann Deutschland oder die EU machen, um bei der Entwicklung von KI eigenständiger zu werden?

Das war tatsächlich ein großes Thema bei uns. KI einfach doof zu finden und sich nicht damit zu beschäftigen, ist keine Lösung. Wir wollen in Europa eine andere Art der Künstlichen Intelligenz, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt und eben nicht das Geld oder die Macht des Staates wie in China oder den USA. Deswegen ist es jetzt wichtig, dass wir als Europa loslegen. Die Menschen müssen darauf vertrauen können, dass wir gut mit ihren Daten umgehen und die KI ihnen im Alltag hilft. Dazu brauchen wir europäische Standards und müssen in vertrauenswürdige Künstliche Intelligenz investieren.

Die Corona-Pandemie hat Defizite bei der Digitalisierung aufgezeigt. Was muss geschehen, um Deutschland hier nach vorn zu bringen?

Damit haben wir uns auch beschäftigt, aber es war nicht unser Kerngeschäft. Digitalisierung ist viel mehr als nur Künstliche Intelligenz. Aber KI funktioniert natürlich auch nur, wenn die Netzte funktionieren oder wenn man genügend Dateninfrastrukturen hat. Wir haben uns angeschaut, wo KI bei Pandemien helfen kann, zum Beispiel bei der Entwicklung von Impfstoffen oder beim Nachverfolgen von Infektionen.

Sie sind nicht nur Vorsitzende der Enquete-Kommission KI, sondern auch Mitglied des Ausschusses für Arbeit und Soziales. Wie denken Sie, wird die Arbeitswelt in zehn Jahren aussehen?

Das weiß natürlich niemand. Als die Roboter in den Automobilfabriken eingeführt wurden, kam es zu Horrorvisionen, dass ganz viele Arbeitsplätze wegfallen würden – das war aber nicht der Fall. Im Gegenteil: Wir haben sogar so viele Arbeitsplätze wie noch nie. Auch KI wird die Arbeitswelt verändern und alle müssen sich darauf einstellen.

Wir müssen zwar nicht alle Programmieren können, aber ich muss verstehen, welches System ich da gerade benutze. Es geht womöglich auch viel stärker um kommunikative Kompetenzen, Teamwork und Kreativität. KI-Systeme können viel, sie können manches auch besser als wir, aber kreativ sein und mit Menschen interagieren, das können sie eben nicht. Da wird weiterhin viel Platz für menschliche Arbeit sein.

Über die Enquete-Kommission 

Die Enquete-Kommission „Künstliche Intelligenz – Gesellschaftliche Verantwortung und wirtschaftliche, soziale und ökologische Potenziale“ beschäftigt sich mit den Chancen und Risiken von KI. Sie wurde im September 2019 gegründet und hat 37 Mitglieder. Ende Oktober veröffentlicht sie einen Bericht, der bei Entscheidungen des Bundestages zum Thema KI helfen soll. 

Über Daniela Kolbe 

Daniela Kolbe (SPD) wurde 1980 in Thüringen geboren. In Leipzig studierte sie Physik. Danach arbeitete sie in der politischen Bildung, bis sie 2009 für Leipzig in den Deutschen Bundestag gewählt wurde. Von 2011 bis 2013 war sie bereits Vorsitzende der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ und seit 2018 ist sie Vorsitzende der Enquete-Kommission "Künstliche Intelligenz - Gesellschaftliche Verantwortung und wirtschaftliche, soziale und ökologische Potenziale".

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