Besuch im Jüdischen Museum Berlin
Ein eindeutiges Vielleicht
Marejke Tammen
Die Zeit in Ravensbrück ist vorbei, für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Jugendbegegnung geht es zurück nach Berlin – ins Jüdische Museum. Dort beschäftigen sie sich mit komplexen Fragen: Wie zeigt sich Antisemitismus im Alltag? Und welche Rolle spielen soziale Medien in der Erinnerungskultur? Das Fazit der Debatten: Eindeutige Antworten gibt es selten – oft bleibt nur ein nachdenkliches „Vielleicht“.
Seit 25 Jahren vermittelt das Jüdische Museum Berlin die Geschichte der Jüdinnen und Juden in Deutschland. Im Rahmen der Jugendbegegnung hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Möglichkeit, sich mit der gegenwärtigen und zunehmend digitalen Wissensvermittlung zu beschäftigen. © DBT / Stella von Saldern
Nach zwei intensiven Tagen in Ravensbrück geht es heute Morgen zurück nach Berlin. Abfahrt war für 8:15 Uhr geplant – eigentlich. Wäre da nicht Leonie: keine Teilnehmerin, sondern das aktuelle Wettertief. „Intensive Glatteisgefahr durch gefrierenden Regen und Schnee“ hieß es schon gestern Abend im Wetterbericht. Und tatsächlich: Wegen der Glätte verspätet sich der Bus. Ärgerlich, aber: Safety first!
Antisemitismus – Das Gerücht über die Juden
Endlich in Berlin angekommen, geht es ins Jüdische Museum. Nach einer kurzen Stärkung im Museumscafé (extrem leckere koschere Lasagne!) starten die Workshops. Eine Gruppe beschäftigt sich mit der Ablehnung von Jüdinnen und Juden. Was genau bedeutet Antisemitismus? Wo finden wir diese Form der Verachtung im Alltag? Und welche Äußerungen und Formulierungen sind antisemitisch?
Um sich dem komplexen Thema zu nähern, schaut sich die Gruppe Videos mit Fallbeispielen an und positioniert sich anschließend dazu. Im ersten Video geht es um einen Jungen, der einen anderen Jungen als „Du Jude“ bezeichnet. Ist das antisemitisch? Ja oder Nein – und warum?
Zu Beginn des Workshops gibt es eine schnelle Einführung in die besondere Architektur des Gebäudes: Das Museum besteht aus einem renovierten Barockbau und einem blitzförmigen Anbau. © DBT / Stella von Saldern
Ja, Nein, Vielleicht
Die Gruppe ist gespaltener Meinung. Einer der Teilnehmer sagt „Nein“; er findet die Aussage nicht antisemitisch. Für ihn sei die Aussage nicht negativ und deshalb auch keine Beleidigung. Zwei andere Teilnehmerinnen widersprechen ihm. Sie argumentieren, dass es immer auf den Kontext ankomme. In dem Beispiel habe Junge A Junge B bewusst beleidigen wollen. Der Spruch sei daher ganz klar antisemitisch. Eine weitere Teilnehmerin fügt hinzu, dass es auch immer auf die Betonung und die Körpersprache ankomme.
In zweiten Fall geht es um die Frage, ob historische antisemitische Kunstwerke, zum Beispiel in Kirchen, entfernt werden sollten. Auch hier gehen die Meinungen auseinander. Dafür spreche, dass es Grund genug sei, wenn sich auch nur eine einzige Person dadurch beleidigt fühle. Dagegen spreche, dass es sich um ein historisches Relikt handle. Wäre vielleicht eine Infotafel die Lösung?
Die Beispiele machen deutlich, wie komplex das Thema ist. In vielen Fällen gibt es kein Schwarz oder Weiß, kein eindeutiges Ja oder Nein. Oft liegt die Antwort irgendwo im Graubereich – und ist ein eindeutiges „Vielleicht“.
Nils (links) und Fiona (Mitte) berichten im Gespräch mit Steffen Josten, dem Leiter Digital and Publishing im Jüdischen Museum Berlin, von ihren Erfahrungen, Bedenken und Ideen im Umgang mit sozialen Medien in der Erinnerungskultur. © DBT / Stella von Saldern
Von CD-ROM zu Virtual Reality
Am Nachmittag gibt Steffen Jost, Leiter Digital and Publishing im Jüdischen Museum Berlin, einen Überblick über die Entwicklung digitaler Formen der Erinnerungskultur. Was in den 1990er-Jahren mit CD-ROMs begann, entwickelte sich schnell weiter. Heute findet Erinnerungskultur unter anderem in Form von Hologrammen und Virtual Reality statt – und natürlich in den sozialen Medien.
Aber ist das gut? Sind die sozialen Medien der richtige Ort zum Erinnern? Ist der Holocaust nicht viel zu komplex für 30-sekündige Clips? Müssen Institutionen wie Gedenkstätten in den sozialen Medien vertreten sein, um „den Rechten“ nicht das Feld zu überlassen? Und wenn ja: Wie geht man mit rechtsextremen Kommentaren um?
Fragen, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beschäftigen – Fragen, mit denen sie tagtäglich in ihrer Arbeit konfrontiert sind. Es wird viel diskutiert, Argumente werden abgewogen und Best Practices geteilt. Am Ende sind sich fast alle einig: Soziale Medien können klassische Formen der Bildungsarbeit – wie zum Beispiel Jugendbegegnungen – nicht ersetzen. Vielleicht kann es aber ein Angebot unter vielen sein.
Marejke Tammen
Marejke hat ihr journalistisches Volontariat unter anderem in der mitmischen-Redaktion absolviert. Während dieser Zeit ging es für sie mit der Jugendbegegnung 2024 nach Bad Arolsen. Die diesjährige Jugendbegegnung begleitet sie als freie Autorin und berichtet an dieser Stelle über ihre Erlebnisse und Erfahrungen.