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Jüdisches Museum Berlin

„Wir wollen eine digitale Community aufbauen“

Marejke Tammen

Es gibt viele Orte in Deutschland, die sich mit dem jüdischen Leben beschäftigen. Einer dieser Orte ist das Jüdische Museum Berlin. Wir haben mit Steffen Jost, dem Leiter des Bereichs Digital and Publishing, über die Besonderheit des Museums gesprochen und ihn gefragt, welche Rolle Social Media in der Erinnerungskultur spielt.

Mann mit kurzem braunem Haar und grauem T-Shirt steht vor einer Mauer mit Graffiti und unscharfem Hintergrund mit Bäumen und Gebäuden

Für Steffen Jost und das Jüdische Museum Berlin steht fest, dass ein großer Teil der Erinnerungsarbeit und Antisemitismusprävention im digitalen Raum stattfinden muss. © Sabrina Kiefer

Herr Jost, überall in Deutschland gibt es Museen, Gedenkstätten und Dokumentationszentren, die an den Holocaust erinnern. Was ist das Besondere am Jüdischen Museum Berlin?

Die Vielfalt! In unserem Museum zeigen wir die 1.700 Jahre alte Geschichte von Jüdinnen und Juden in Deutschland – von der Antike bis zur Gegenwart. Wir wollen das Stattfinden jüdischen Lebens zeigen und nicht nur die Vernichtung. Natürlich spielen auch die NS-Zeit und der Holocaust eine Rolle, aber da wir kein Holocaust-Museum und keine Gedenkstätte sind, liegt unser Schwerpunkt eben woanders.

Nämlich?

Ein Fokus unserer Arbeit liegt beispielsweise auf der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir erzählen von der Phase direkt nach dem Holocaust, aber auch der Einwanderung von Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion und wie diese das jüdische Leben in Deutschland bis heute sehr stark prägen. Und auch mit dem Verhältnis zu Israel beschäftigen wir uns, weil es ein wichtiger Bezugspunkt für Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt ist. Bei all diesen Themen möchten wir die Vielstimmigkeit jüdischen Lebens zeigen und vermitteln, dass Jüdinnen und Juden keine homogene Gruppe sind.

Zur Person

Steffen Jost

ist Historiker und hat nach dem Studium unter anderem in der KZ-Gedenkstätte Dachau gearbeitet. Seit Februar 2025 leitet er die Abteilung Digital and Publishing im Jüdischen Museum Berlin.

Das Museum fokussiert sich mit seinen Angeboten stark auf Jugendliche und junge Erwachsene. Warum?

Oftmals ist der einzige Berührungspunkt, den Jugendliche mit dem Judentum haben, der Holocaust. Sie lernen in der Schule, wie es dazu gekommen ist und blicken dabei stark auf das Thema Antisemitismus. Das ist auch wichtig. Aber genauso wichtig ist es zu verstehen, wie stark jüdisches Leben die deutsche Geschichte geprägt hat. Nur so können wir Vorurteile abbauen und Antisemitismus bekämpfen.

Und wie gelingt das?

Zum Beispiel mit JMB di.kla – unserem digitalen Klassenraum. Die Plattform richtet sich an Schülerinnen und Schüler und kann direkt am Handy genutzt werden. In einzelnen Videos erklären wir zum Beispiel, was das Purimfest ist und welche hebräischen Wörter in der deutschen Sprache vorkommen. Und natürlich geht es auch um Antisemitismus. In verschiedenen Alltagssituationen lernen die Jugendlichen antisemitisches Verhalten zu erkennen und entsprechend zu handeln.

Welche Rolle spielt Social Media dabei?

Eine große! TikTok, Instagram und Co. sind mittlerweile fest in unserem Alltag verwurzelt. Es ist ein Ort, an dem sich viele Menschen aufhalten. Indem wir in den sozialen Medien präsent sind, können wir viele Menschen erreichen – auch jene, die vielleicht eher nicht in ein Museum gehen würden. Aber wir wollen nicht nur Wissen vermitteln. Unser Ziel ist es, eine Community aufzubauen. Wir wünschen uns, dass sich die Menschen miteinander vernetzen und interagieren.

Auch in den sozialen Medien gibt es viel Antisemitismus.

Das stimmt. Deshalb ist es wichtig, dass wir die Kommentare unter unseren TikTok-Videos moderieren. Wir stellen Falschinformationen richtig, beantworten Fragen, räumen mit Vorurteilen auf und melden antisemitische Äußerungen. Und auch wenn das sehr zeitaufwendig ist, ist es wichtig, dass wir in den sozialen Medien aktiv sind und über jüdisches Leben in Deutschland aufklären. Denn wenn wir das nicht tun, dann tun es andere – und das womöglich auf eine Weise, die wir nicht vertreten können.

mitmischen-Autorin

Marejke Tammen

Marejke hat ihr journalistisches Volontariat unter anderem in der mitmischen-Redaktion absolviert. Während dieser Zeit ging es für sie mit der Jugendbegegnung 2024 nach Bad Arolsen. Die diesjährige Jugendbegegnung begleitet sie als freie Autorin und berichtet an dieser Stelle über ihre Erlebnisse und Erfahrungen.