Social Media
„Jedes vierte Kind hat ein riskantes Medienverhalten“
Jasmin Nimmrich
Zehn Millionen Menschen in Deutschland haben eine nachgewiesene Suchterkrankung. Dabei geht es nicht nur um Drogenabhängigkeit, sondern auch um Krankheitsbilder wie Mediensucht. Hendrik Streeck, der Beauftragte der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen, ist unter anderem deswegen klar für eine Altersbegrenzung bei der Nutzung von Social Media.
Hendrik Streeck ist Beauftragter der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen. © picture alliance / epd-bild | Christian Ditsch
Soziale Medien sind ja nicht gut oder böse. Sie bieten auf der einen Seite viele Chancen, die Welt und ihre vielen verschiedenen Aspekte zu entdecken, sich selbst zu verwirklichen und mit anderen zu vernetzen. Auf der anderen Seite haben wir zwei konkrete Probleme über die wir reden müssen: Das sind zum einen bestimmte Inhalte, die einfach nicht für Kinder oder Jugendliche gemacht sind. Bei Gewaltverherrlichungen, Extremismus oder der Vermittlung ungesunder Körperbilder müsste wie im öffentlichen Raum eigentlich der Jugendschutz greifen. Im digitalen Raum ist dies aber derzeit nicht der Fall. Zum anderen müssen wir uns auch mit den Mechanismen, die den Sozialen Medien zugrunde liegen, reden, da sie Suchtpotential haben – besonders für Kinder und Jugendliche. Viele der Plattformen folgen einem süchtig-machenden Design. Wir nennen dies auch „dark pattern“. Jedes Mal, wenn wir bei einem Beitrag hängenbleiben, kommt es zum Ausstoß des Glückshormons Dopamin. Dieses Verhalten merkt sich auch der Algorithmus der jeweiligen Plattform und schlägt in Zukunft ähnliche Inhalte vor. Das wiederrum lässt uns länger auf der Plattform verweilen, bis wir das Handy nicht mehr weglegen können. Irgendwann werden dann wichtige Dinge des Lebens vernachlässigt: also, beispielsweise zu schlafen, Hausaufgaben zu machen oder sich mit Freunden zu treffen. Die Sucht zeigt sich nicht primär darin, wie viel Zeit wir online verbringen, sondern darin, was wir nicht mehr machen.
Hendrik Streeck
sitzt seit 2025 im Deutschen Bundestag und ist Mitglied im Gesundheitsausschuss. Er ist Mediziner und auf Virologie, Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie spezialisiert. Als Beauftragter der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen befasst er sich einerseits mit Substanz-Suchterkrankungen (wie Sucht nach Tabak, Alkohol, Kokain und Heroin) und andererseits mit Suchterkrankungen, die das Verhalten betreffen, wie Kaufsucht, Glücksspiel und Mediensucht.
Das hat mit der Entwicklung des menschlichen Gehirns zu tun, was circa bis zum 25. Lebensjahr andauert. In dieser Entwicklungsphase sind Kinder und Jugendliche rein neurobiologisch anfälliger für Süchte durch Belohnungsmechanismen als Erwachsene. Hinzukommt, dass die Corona-Pandemie die Entwicklung der Verlagerung in den digitalen Raum noch verstärkt hat. Während der Pandemie sind wir alle auf soziale Distanz gegangen, vieles hat sich in den virtuellen Raum verlagert, insbesondere auch soziale Kontakte. Jetzt stehen wir vor dem Problem, dass wir nicht wieder zu einem Vor-Pandemie-Niveau zurückgekehrt sind. Jedes vierte Kind hat mittlerweile ein riskantes Medienverhalten – in Deutschland sind das rund 1,3 Millionen Kinder. Daher müssen wir einen Weg finden, dass wir beides ermöglichen: sowohl die digitale Teilhabe und informationelle Selbstbestimmung als auch den Schutz vor den Suchteffekten, die Social Media mit sich bringt.
Wenn man das Gefühl hat, dass man das Handy nicht mal einen halben Tag beiseitelegen kann oder wenn man unter allen Umständen das Handy mit ins Bett nehmen muss, sollten auf jeden Fall Maßnahmen ergriffen werden! Gerade beim Lernen für die Schule oder das Studium sollte das Handy nicht immer dabei sein. Denn wenn man ständig draufgucken muss aus Angst, etwas zu verpassen, wird dies unweigerlich zu Konzentrationsstörungen führen.
Sicher ins Netz gehen
Die Inhalte der Präventionskampagne „Ins Netz gehen“ des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) helfen dabei, einem exzessiven Medienverhalten vorzubeugen. Auf der Webseite finden sich neben einem Selbsttest, mit dem man das eigene Medienverhalten überprüfen kann, auch kostenfreie Beratungs- und Informationsangebote rund um die Themen Mediensucht und digitale Sicherheit.
Es braucht klare Leitplanken, die der Gesetzgeber vorgibt, durch die wir Kinder und Jugendliche schützen können, ohne ihre digitale Teilhabe und informationelle Selbstbestimmung zu beschränken. Wenn wir über die Forderung einer Altersbegrenzung für Social Media sprechen, ist es meiner Einschätzung nach nicht ganz so einfach, wie viele es darstellen. Denn wir möchten ja neben dem Schutz unserer Kinder auch, dass sie lernen, mit den Sozialen Medien – und mit Medien generell – umzugehen. Am besten werden sie also nach und nach an diese herangeführt. Wir haben zwar nach der Datenschutzgrundverordnung bereits die Beschränkung, dass Jugendliche erst ab 16 selbst einen Account ohne das Einverständnis der Eltern aufmachen dürfen, aber dies wird nicht kontrolliert. Es braucht daher unbedingt und eigentlich schon gestern eine Stärkung der Medienkompetenz, damit die Kinder und Jugendlichen verstehen, wie die Algorithmen der Plattformen funktionieren, die einen davon abhalten, das Handy aus der Hand zu legen.
Die Expertenkommission für den Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt wurde bereits im September durch die Familienministerin Karin Prien (CDU) eingesetzt. Bis Herbst 2026 soll dieses Gremium Handlungsvorschläge erarbeiten und unter anderem eine altersdifferenzierte Lösung für den Umgang mit Social Media finden, durch die Kinder und Jugendliche nicht von Grund auf ausgeschlossen werden. Denn ich finde es schwierig zu sagen, ab 16 darf man plötzlich alles benutzen und davor sind alle Zugänge gesperrt. Ich persönlich würde es am sinnvollsten finden, wenn man eine gestaffelte Vorgehensweise findet, so wie es beispielsweise schon bei einigen Apps ist. Also eine altersgerechte Plattform, die Kinder in einem sicheren Umfeld und mit altersgerechten Inhalten das digitale Laufen lernt.
Ich bin genauso wie die unabhängige Beauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen als Beobachter bei den Kommissionssitzungen dabei. Wir geben Input, haben aber kein Stimmrecht. Für mich ist es in dieser Funktion wichtig, dass wir auf die komplizierten Themen wie die süchtig machenden Algorithmen hinweisen können.
Seit dem 10. Dezember gilt in Australien eine Altersbegrenzung ab 16 Jahren für Social Media. Wir beobachten aufmerksam, was dort passiert und wie beispielsweise die Maßnahme, dass alle Accounts von Jugendlichen eingefroren wurden, greifen wird. Die Erkenntnisse werden für uns relevant und lehrreich sein.