Jahresbericht der SED-Opferbeauftragten
„Der Schatten der Diktatur ist lang“
Jasmin Nimmrich
Vor 37 Jahren wurde die Haftanstalt Hohenschönhausen geschlossen. Doch die Personen, die in dem Gefängnis der Staatssicherheit der DDR inhaftiert waren, leiden bis heute unter ihren Erfahrungen. Zur Übergabe des Berichts der SED-Opferbeauftragten war das Bundestagspräsidium zu Besuch in der heutigen Gedenkstätte.
Linoleumgeruch, klinische Zellen und Willkür, so erinnert sich Mario Röllig (vorne links) an die Bedingungen seiner Untersuchungshaft im Gefängnis der Staatssicherheit der DDR in Hohenschönhausen. Anlässlich der Übergabe des Berichts der SED-Opferbeauftragten führte er das Bundestagspräsidium durch die Gedenkstätte. © picture alliance / epd-bild | Christian Ditsch
Hohe Mauern, Wachtürme, Stacheldraht: Das ehemalige Gefängnis der Staatssicherheit in Hohenschönhausen ragt wie ein Fremdkörper aus einer Wohnsiedlung im Berliner Bezirk Lichtenberg. Seit 1989, dem Jahr, in dem die Mauer fiel, wurde hier niemand mehr eingesperrt. Stattdessen wird das Gebäude als Gedenkstätte genutzt. Führungen, Gedenktafeln und nicht zuletzt Zeitzeugen erinnern dabei fortan an die Gräuel des SED-Regimes, die sich in Hohenschönhausen abgespielt haben.
Genau an diesem Ort hat die SED-Opferbeauftragte Evelyn Zupke am 8. Juli 2026 ihren Jahresbericht an Bundestagspräsidentin Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) übergeben. Sie war gemeinsam mit ihren Andrea Lindholz (CSU), Josephine Ortleb (SPD), Omid Nouripour (Bündnis 90/Die Grünen) und Bodo Ramelow (Die Linke) nach Hohenschönhausen gekommen.
Eine Ort der unsichtbaren Folter
Mario Röllig, der mit 19 Jahren für drei Monate in Untersuchungshaft in Hohenschönhausen einsaß, führte das Präsidium des Deutschen Bundestages durch die Gedenkstätte. Er wurde inhaftiert, nachdem er versucht hatte, im Juni 1987 über die ungarisch-jugoslawische Grenze aus der DDR zu flüchten. Am Tag seiner Flucht sei er um sein Leben gerannt: „Vor mir lag die Freiheit, ein Getreidefeld, hinter mir war die Grenzpatrouille“, die das Feuer auf ihn eröffnete. Das Pfeifen der Kugeln raube ihm manchmal heute noch den Schlaf.
Der Zeitzeuge Mario Röllig führte das Bundestagspräsidium und die SED-Opferbeauftragte durch die ehemalige Haftanstalt Hohenschönhausen, die heute als Gedenkstätte genutzt wird. © picture alliance / epd-bild | Christian Ditsch
Seine Zeit in der Haftanstalt Hohenschönhausen beschreibt Röller als „weiße Folter“, einem psychischen Terror, der keine sichtbaren Spuren, aber tiefe emotionale Narben hinterlasse. Hier war er keine Person, sondern nur der Häftling Nummer 3281. Ständig hätten die Wachen ihn beobachtet, ihn aus dem Schlaf gerissen, das Zellenlicht mitten in der Nacht eingeschaltet, ihn physisch wie psychisch erniedrigt. Der Tagesablauf als Häftling folgte dabei keiner Struktur und der junge Mario Röllig war der puren Willkür der Wachen ausgeliefert.
„Das Schlimmste neben dem Schlafentzug war die Einsamkeit“, berichtet Röller. Um den Bezug zur Realität draußen nicht zu verlieren, begann er Gedichte aus seiner Schulzeit aufzusagen. Nach vier Wochen verstummte er. Als er die Wachen um Bücher bat, um die Haft irgendwie rumzukriegen, gaben diese ihm Reiseromane über Orte, „an die ich nie reisen würde können“. Die Bücher gab er kurze Zeit später freiwillig zurück.
Tagsüber durften die Häftlinge ihre Betten nicht berühren und mussten stets auf einem Hocker sitzen und in Richtung der Zellentür blicken. Wer döste oder nicht gerade genug saß, dem wurde der Hocker weggenommen. © picture alliance / epd-bild | Christian Ditsch
Im September 1987 wurde Röllig durch eine allgemeine Amnestie nach drei Monaten Untersuchungshaft entlassen und am 8. März 1988 aus der DDR ausgebürgert. Das Trauma seiner Haft begleitete den heute 58-Jährigen jedoch weiterhin. Das Engagement in der Erinnerungsarbeit und der Austausch mit Interessierten und anderen Betroffenen würden ihm bei der Bewältigung helfen. Doch auch knapp vierzig Jahre nach seiner Haft gelte weiterhin: „Seid vorsichtig, seid wachsam, das kann wieder passieren.“
„Ein Gefängnis im Gefängnis“
Evelyn Zupke setzt sich als SED-Opferbeauftragte genau dafür ein, dass Geschichten wie die von Mario Röllig nicht in Vergessenheit geraten und die Opfer der SED-Diktatur die Unterstützung erhalten, die sie benötigen. Vor dem Gedenkstein für die Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft im Innenhof des Gefängnisses überreicht sie Bundestagspräsidentin Julia Klöckner ihren diesjährigen Bericht.
„Die Mauer war ein Gefängnis aus Beton und Hohenschönhausen war ein Gefängnis im Gefängnis“, so die Bundestagspräsidentin zu dem historischen Ort. Daher stehe die Gedenkstätte Hohenschönhausen heute weiterhin wie kaum ein anderer Ort für „das Leid, die Angst, Willkür und Gewaltherrschaft der DDR“. Das Erinnern an all dies müsse aufrechterhalten werden, eine Aufgabe, die der Deutsche Bundestag sehr ernst nehme.
Einen besonderen Dank richtet die Präsidentin an all die Zeitzeugen, die wie Mario Röllig an die Orte des Grauens zurückkehrten und kontinuierlich die Erinnerung an das Geschehene weitertrügen. Dies bezeichnet Klöckner als essentiellen Beitrag dazu, dass die Bundesrepublik Deutschland nie wieder ein Ort der staatlichen Willkür und Gewaltherrschaft werde. Denn aus der Geschichte müsse gelernt werden, damit die Lehren in heutige Politik übersetzt werden können.
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner und SED-Opferbeauftragte Evelyn Zupke bei der Übergabe des Jahresberichts. © picture alliance/dpa | Jens Kalaene
Die Opfer dürfen nicht vergessen werden
Seit ihrem letzten Bericht habe sich viel getan, so Zupke. So hätten Bundestag und Bundesrat Anfang 2025 umfassende Beschlüsse zur Verbesserung der sozialen Lage der SED-Opfer gefasst. Viele der Regelungen sind in den letzten Monaten in Kraft getreten und kommen auch den ehemaligen Häftlingen, die heute teils als Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in der Gedenkstätte Hohenschönhausen tätig sind, zugute. Maßnahmen wie die Zahlung einer Opferrente oder der Anerkennung von durch die Verfolgung und Inhaftierung bedingter Krankheiten seien eine „riesige Erfolgsgeschichte“, die Lebensrealitäten maßgeblich verbesserten. Damit sei ihre Arbeit als Opferbeauftragte aber noch lange nicht getan, denn der „Schatten der Diktatur ist lang“.
Daher widmet sich der diesjährige Bericht unter anderem der weiterhin nötigen Forschung zu den Folgen und Auswirkungen der SED-Gewaltherrschaft. Als eine „neue und bisher wenig beachtete Opfergruppe“ befasst sich Zupke außerdem mit den minderjährigen Opfern des staatlichen Zwangsdopings, die bis heute an den körperlichen und seelischen Folgen des Medaillenhungers des Regimes leiden.
Die Anwesenheit des Bundestagspräsidiums sei für sie ein gutes Zeichen, so Zupke, dass sich die deutsche Demokratie ihrer Verantwortung gegenüber den Opfern bewusst sei. Und diese gesellschaftliche Anerkennung des Geschehenen sei notwendig, denn „Zeit heilt nicht alle Wunden“.