Blick in die Geschichtsbücher
Premieren im Parlament
Noah Menzel
mitmischen-Autor Noah erinnert an einige geschichtsträchtige Momente im Deutschen Bundestag.
1949: Erste Mandatsniederlegung
Keine acht Tage nach der Konstituierung des ersten Bundestages verzichtete der erste Abgeordnete auf sein Mandat: Theodor Heuss, der Fraktionsvorsitzende der FDP, verzichtete aufgrund seiner Wahl zum Bundespräsidenten auf seinen Sitz im Bundestag.
Am 14. August 1949 wurde Theodor Heuss (FDP) in den ersten Deutschen Bundestag gewählt. Von diesem wurde er am 12. September wiederum zum Bundespräsidenten gewählt. Mit seiner Vereidigung zum ersten Bundespräsidenten der BRD zehn Tage später legte er sein Bundestagsmandat nieder. © picture alliance / World History Archive
1950: Erste namentliche Abstimmung
Am 15. Juni 1950 kam es zur ersten namentlichen Abstimmung im Bundestag. Thematisch ging es um den Beitritt Deutschlands zum Europarat, durch den die Bundesrepublik unter anderem wieder diplomatische Beziehungen ohne Zustimmung der Alliierten aufnehmen durfte. 151 der 378 anwesenden Abgeordneten stimmten gegen den Beitritt. Viele befürchteten, dass mit dem Beitritt die Wiedervereinigung mit der DDR behindert werden würde.
1953: Erste Live-Fernsehübertragung einer Bundestagssitzung
„Der Deutsche Bundestag verhandelt öffentlich“, heißt es in Artikel 42 des Grundgesetzes. Doch nur wenige Menschen können tatsächlich im Plenarsaal dabei sein, wenn die Abgeordneten in Berlin tagen.
Seit 1999 hat der Bundestag ein eigenes Parlamentsfernsehen, das alle Plenardebatten sowie eine Vielzahl öffentlicher Ausschusssitzungen und Anhörungen live, unkommentiert und in voller Länge überträgt. © picture alliance / photothek | Thomas Koehler
Seit der ersten Sitzung des Bundestags am 7. September 1949 konnten die Debatten deshalb live im Radio verfolgt werden. Bereits ein paar Jahre später, am 6. Oktober 1953, folgte die erste Live-Übertragung einer Bundestagsdebatte im Fernsehen, das damals selbst noch in den Kinderschuhen steckte. Seit Weihnachten 1952 gab es in der Bundesrepublik zwar ein regelmäßiges Programm, doch nur wenige Menschen konnten dieses überhaupt bei sich Zuhause empfangen. Bis Mitte der 1950er-Jahre wurden wichtige Bundestagsdebatten nichtsdestotrotz regelmäßig im Fernsehen übertragen. Nach heftigen Debatten im Plenum um die Pariser Verträge, die die Westintegration der Bundesrepublik vorantreiben sollten, wuchs die Kritik an den Übertragungen. Einige Abgeordnete befürchteten, die zugespitzten und emotionalen Debatten könnten das Vertrauen der Bevölkerung in die Politik schwächen. 1957 wurden die Fernsehübertragungen dann zunächst aufgrund des Wahlkampfes zur Bundestagswahl ausgesetzt und 1958 schließlich komplett gestoppt. Seit 1966 werden die Sitzungen wieder live aus dem Bundestag übertragen, seit 1979 sogar in Farbe!
1955: Erste Sitzung in Berlin
Dass der Deutsche Bundestag in Berlin tagt, erscheint uns heute ganz normal, doch früher war dies etwas ganz Besonderes. Während der Teilung Deutschlands war Bonn Hauptstadt der BRD und auch der Bundestag tagte dort.
Am 19. Oktober 1955 tauschten die Bundestagsabgeordneten den Bonner Plenarsaal gegen den großen Physikalischen Hörsaal der Technischen Universität Berlin.
© picture alliance / dpa
Am 19. Oktober 1955 tagte der Deutsche Bundestag jedoch erstmals in West-Berlin, um die Verbundenheit mit der geteilten Stadt und den Anspruch auf die deutsche Einheit zu betonen. Die Sitzung fand provisorisch an der Technischen Universität Berlin statt. Weitere Sitzungen in Berlin folgten bis 1965, bevor sie wegen Protesten der Sowjetunion und der DDR eingestellt wurden. Seit dem 4. Oktober 1999 tagt der Bundestag des wiedervereinten Deutschlands ausschließlich in Berlin.
1970: Erste Frau im Hosenanzug
Ebenfalls eine Premiere, die aus heutiger Sicht komplett normal erscheint: Die erste Frau im Hosenanzug. Dass diese Bekleidung nicht immer als akzeptabel galt, zeigte 1970 die Aussage Richard Jaegers (CDU/CSU), Vizepräsident des damals 6. Bundestages. Er würde keiner Frau erlauben, das Plenum in Hosen zu betreten, geschweige denn, eine Rede zu halten.
Der Hosenanzug der SPD-Abgeordneten Lenelotte von Bothmer sorgte 1970 für Aufregung. Sie wollte ein Zeichen für die Gleichstellung der Parlamentarier und Parlamentarierinnen setzen. © picture-alliance / Egon Steiner
Dies rief die SPD-Abgeordnete Lenelotte von Bothmer auf den Plan, die am 15. April 1970 den Bundestag in einem Hosenanzug betrat. Viele Abgeordnete waren entsetzt und sahen die Würde des Hauses verletzt, Richard Jaeger sogar die Würde der Frau. Lenelotte von Bothmer erhielt damals auch viele kritische und teils empörte Briefe von Bürgerinnen und Bürgern. Am 14. Oktober 1970 hielt sie im Hosenanzug eine Rede im Plenarsaal. Das sorgte für Unruhe und wurde von Zwischenrufen und sichtbarer Aufregung unter den Abgeordneten begleitet.
1972: Erste Bundestagspräsidentin
Das Amt der Bundestagspräsidentin ist nach dem Bundespräsidenten das protokollarisch zweithöchste. 1972 wurde Annemarie Renger (SPD) zur ersten Bundestagspräsidentin gewählt.
Die erste konstituierende Sitzung unter Vorsitz einer Bundestagspräsidentin fand am 13. Dezember 1972 statt. © picture alliance / dpa
Damit war sie nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit die erste Frau an der Spitze eines frei gewählten Parlaments! Trotz anfänglicher Skepsis im Bundestag, ob eine Frau dieses Amt bekleiden sollte, setzte sie sich durch und leitete das Parlament erfolgreich in einer Zeit, in der der Frauenanteil im Bundestag bei nur 5,8 Prozent lag. Ihr Fazit nach der Amtszeit: „Es ist bewiesen, dass eine Frau das kann!“
1983: Erster Einzug der Grünen
Die Partei Die Grünen zog 1983 zum ersten Mal in den Deutschen Bundestag ein. Seit 1961, also seit der Wahl zum 4. Deutschen Bundestag, waren nur drei Parteien im Parlament vertreten gewesen: CDU/CSU, SPD und FDP.
Während der konstituierenden Sitzung des Deutschen Bundestages in Bonn am 29. März 1983 fallen die neu eingezogenen Abgeordneten der Grünen in ihrer legeren Kleidung unter den konservativer gekleideten Abgeordneten der anderen Parteien auf. © picture alliance / Dieter Hespe | UPI
Bei der Bundestagswahl 1980 waren Die Grünen erstmal angetreten, aber mit 1,5 Prozent an der Fünfprozenthürde gescheitert.
1998: Bundestag stimmt für ersten Kriegseinsatz der Bundeswehr
Am 16. Oktober 1998 beschloss der Bundestag das erste Mal seit Bestehen der Bundeswehr und das erste Mal seit Ende des Zweiten Weltkriegs den Kriegseinsatz deutscher Soldaten. Konkret ging es um die Beteiligung an einer NATO-Luftoperation im Kosovokrieg. Die parlamentarische Entscheidung fiel in eine ungewöhnliche Übergangssituation zwischen der alten Regierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU/CSU) und der noch nicht gebildeten neuen Regierung unter Gerhard Schröder (SPD). Die Abstimmung läutete einen grundlegenden Wandel der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik ein.
2005: Erste Online-Petition
2005 ging das erste Mal eine über das Internet eingereichte Petition beim Bundestag ein. In dieser ging es darum, den Personalausweis auf die Größe einer Scheckkarte (Bankkarte, Führerschein) zu verkleinern, damit dieser besser ins Portemonnaie passt. Die Petition hatte Erfolg und seit 2010 gibt es den Personalausweis in der Größe, wie wir ihn heute kennen. Bis heute wurden tausende Petitionen online an den Bundestag geschickt.
Und die Geschichte ist noch nicht zu Ende
Premieren gehören noch lange nicht zur Vergangenheit im Bundestag: So hielt zum Beispiel 2024 Heike Heubach (SPD) die erste Bundestagsrede in Gebärdensprache.
Heike Heubach (SPD) während ihrer ersten Rede im Plenum des Deutschen Bundestages. © IMAGO / Political-Moments
Noah Menzel
studiert seit 2025 Geschichte an der Universität Augsburg. Er veröffentlicht regelmäßig eigene historische Beiträge und wurde so auf mitmischen.de aufmerksam. Neben der Geschichte interessiert ihn alles rund um Politik, Filme und Kunst.