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Psychotherapie

„Wir wollen niemanden abweisen, wir wollen helfen“

Naomi Webster-Grundl

Wer einen Therapieplatz braucht, wartet oft sehr lange. Seit dem 1. April 2026 wurden die Honorare für ambulante Psychotherapien von den Krankenkassen gekürzt. In einer Anhörung im Bundestag teilten Experten ihre Besorgnis über diese Entwicklung. Warum die psychotherapeutische Versorgung durch diese Kürzungen noch mehr unter Druck gerät, erklärt Psychotherapeutin Eva Frank.

Schilder bei einer Demonstration, auf denen zum Beispiel steht: Psychotherapie ist kein Luxus oder Psychotherapie spart Leid und Geld.

In ganz Deutschland gingen Leute auf die Straße, um gegen die Honorarkürzungen bei der ambulanten Psychotherapie zu demonstrieren. © picture alliance / FotoMedienService | Ulrich Zillmann

Inwiefern stellen die Honorarkürzungen ein Risiko für die psychotherapeutische Versorgung dar?

In Deutschland muss man einen Kassensitz erwerben, um gesetzlich Versicherte psychotherapeutisch behandeln und über die Krankenkassen abrechnen zu können, sodass die Patienten ihre Therapie nicht privat bezahlen müssen. Durch die Kürzungen steht man als Psychotherapeut mit eigener Kassensitz-Praxis unter größerem finanziellem Druck: Die Kosten für Miete, teilweise Personal, Krankenversicherung und Nebenkosten steigen, aber die Einnahmen durch die Behandlung von gesetzlich versicherten Patientinnen und Patienten sinken.

Also besteht die Gefahr, dass die Psychotherapeuten und -therapeutinnen, die bereits einen Kassensitz haben, in Zukunft mehr Privatpatienten aufnehmen und somit weniger gesetzlich versicherte Patienten behandeln können. Und neue Psychotherapeutinnen und -therapeuten machen sich natürlich Gedanken, ob es sich überhaupt lohnt, einen Kassensitz zu kaufen, nachdem sie so viel in ihre Ausbildung investiert haben, oder ob sie nicht lieber gleich eine Privatpraxis eröffnen.

Gehen die Psychotherapeuten in irgendeiner Weise gegen die Honorarkürzungen vor?

Unsere Berufsgruppe tritt sehr geschlossen auf, hat Demonstrationen organisiert, eine Petition wurde von der Bundespsychotherapeutenkammer an den Petitionsausschuss des Bundestages übergeben, es gab Anhörungen im Gesundheitsausschuss und die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat Klage beim Landgericht Berlin-Brandenburg eingereicht – auch weil im Grundgesetz steht, dass jeder Bürger und jede Bürgerin Anspruch auf Krankenbehandlung hat und wir das unter diesen Umständen nicht sicherstellen können.

Zur Person
Porträtaufnahme einer Frau

Eva Frank

ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin und setzt sich für eine verbesserte Bedarfsplanung und stärkere Prävention ein, um Kindern und Jugendlichen eine starke Stimme in der psychotherapeutischen Versorgung zu geben. Sie gehört außerdem dem Vorstand der Psychotherapeutenkammer an.

Wer profitiert finanziell von den Kürzungen?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass davon irgendjemand profitiert, denn wir Psychotherapeuten sind die kleinste Fachgruppe in der fachärztlichen Versorgung und die Einsparungen machen nur 0,05 Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenkassen aus.

Diese Kürzungen führen nur zu einer totalen Verschlechterung der psychotherapeutischen Versorgung für Kassenpatienten. Seit 2021 hat sich der Bedarf an psychotherapeutischer Behandlung sogar verdoppelt und gerade bei Kindern und Jugendlichen gibt es einen enormen Anstieg. Jede zweite psychische Erkrankung beginnt vor dem 14. Lebensjahr und je früher wir eine Behandlung anbieten können, desto besser sind natürlich die Verläufe – ansonsten kann es zu Chronifizierungen und komorbiden Symptomen, also Begleiterkrankungen, kommen. Deswegen wäre es auch sehr wichtig, dass in der Psychotherapie mehr Fokus auf Prävention gelegt wird.

Also bedeuten diese Kürzungen eine Gefahr, dass eine Verschlechterung der psychischen Gesundheit in unserer Gesellschaft stattfinden könnte.

In Deutschland kann es oft lange dauern, bis man einen Therapieplatz bekommt. Kinder und Jugendliche warten in der Regel noch länger auf einen Platz. Warum ist das so?

Das liegt an der Bedarfsplanung. Es gibt viel weniger Kassensitze, als es Bedarf an Therapieplätzen gibt. Und für Kinder und Jugendliche gibt es nicht mal eine eigene Bedarfsplanung, sondern nur 20 Prozent aller vorhandenen Kassensitze können Psychotherapie für Kinder und Jugendliche anbieten.

Da eine psychotherapeutische Sitzung immer 50 Minuten dauert, kann man auch nicht einfach mehr Patienten behandeln, wenn man schon komplett ausgelastet ist.

Wie könnte die psychotherapeutische Versorgung verbessert werden?

Die Bedarfsplanung müsste auf jeden Fall angepasst werden, sodass es mehr Kassensitze gäbe. Denn der Bedarf ist unglaublich hoch und wir Psychotherapeuten wollen niemanden abweisen, wir wollen helfen und es ist einfach extrem wichtig, dass dieser Beruf auch zukünftig attraktiv bleibt.

Und ich würde mir wünschen, dass die Politik mehr auf uns zukommt und sich ein Bild vor Ort in den Praxen macht. Wir Psychotherapeutinnen und -therapeuten wissen, dass kein Geld da ist und gespart werden muss. Deswegen würden wir uns gerne zusammensetzen und gemeinsame Lösungen finden.