Junge Obdachlose

Ideen für ein Leben jenseits der Straße

17.03.2021 – Problematisches Elternhaus, sexueller Missbrauch, fehlende Bildung – Gründe für die Wohnungslosigkeit gibt es viele. Aber was kann man dagegen tun? Die Fraktionen der Grünen und Linken haben dazu Vorschläge gemacht.
Junge Frau sitzt im Schlafsack auf der Straße
Rund 37.000 junge Menschen unter 28 Jahre sind ohne festes Zuhause, schätzen Experten.©shutterstock/SpeedKingz

Ein Zuhause, ein Dach über dem Kopf, eine Familie oder Mitbewohner und Mitbewohnerinnen, ein meist voller Kühlschrank, Internet – für die meisten Menschen gehört das zum normalen Leben. Doch für viele Jugendliche und junge Erwachsene gilt das nicht. Das deutsche Jugendinstitut schätzt, dass 37.000 junge Menschen unter 28 Jahre ohne festes Zuhause sind, circa 6.000 davon sind nicht einmal volljährig.

Was kann die Politik dagegen tun? Dazu haben die Grünen und Linken in Anträgen im Bundestag Vorschläge gemacht.

Was ist Wohnungslosigkeit?

Als wohnungslos gelten Menschen, die über keinen eigenen oder gemieteten, abgesicherten Wohnraum verfügen. Minderjährige müssen laut Gesetz einen festen Wohnsitz bei Eltern, Bekannten oder einem Vormund haben. Sogenannte „Care Leaver“ sind junge Leute, die einen Teil ihres Lebens in Einrichtungen der Jugendhilfe verbracht haben, beispielsweise in Wohnheimen, und für den Übergang in ein eigenes Leben die Unterstützung der Kinder- und Jugendhilfe benötigen.

Manchmal können Jugendliche auch bei Freunden für ein paar Nächte unterkommen. Das wird auch als „Sofa-Hopping“ bezeichnet, ist aber keine dauerhafte Alternative für Jugendliche und führt zu einer Erhöhung der Dunkelziffer von tatsächlich wohnungslosen Jugendlichen.

Wie gerät man in diese Situation?

Mit der Frage, wie diese Situation entsteht, beschäftigen sich auch die Fraktionen in ihren Anträgen. Im Antrag der Fraktion Die Linke werden Missbrauch, familiäre Probleme, Gewalterfahrung oder Alternativlosigkeit als Gründe benannt. Ein junger Mensch erlebt ein traumatisches Ereignis und das ehemalige Zuhause bietet keine Sicherheit mehr. „Andere wiederum verlassen Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen, in denen sie gegen ihren Willen untergebracht worden sind. Oder die Einrichtungen können nicht adäquat auf die Bedürfnisse der jungen Menschen eingehen, sei es aus personellen, finanziellen oder konzeptionellen Gründen“, heißt es im Antrag.

Auch die Grünen betonen in ihrem Antrag, dass der Weg in die Obdachlosigkeit unterschiedliche Gründe haben kann. Neben Problemen im Elternhaus sei es oft auch der Bildungsstand. Aufgrund eines fehlenden Schulabschlusses finden die jungen Menschen keinen Job – und haben es dadurch auch schwer, eine Wohnung zu finden. Hinzu kommt dann, dass Wohnungen in Großstädten immer teurer werden.

Was sind die Vorschläge?

Wie lässt sich diese Entwicklung also vermeiden? Dazu haben beide Fraktionen ganz ähnliche Forderungen. An erster Stelle steht für sie eine sogenannte Kindergrundsicherung. Zur Erklärung: Aktuell werden Kinder je nach Erwerbssituation ihrer Eltern über verschiedene Systeme ungleich finanziell gefördert. Die Kindergrundsicherung soll die gegenwärtigen Leistungen bündeln und vereinheitlichen. 

Ausbildungsgarantie und Chancengleichheit seien ebenfalls zwei wichtige Aspekte, um Wohnungslosigkeit zu vermeiden, heißt es in den Anträgen. Die Jugendhilfe müsse mehr an die Bedürfnisse Jugendlicher angepasst werden, da die Ursachen für Obdachlosigkeit oft sehr individuell seien. Daher sollten Mittel für sogenannte Streetwork in den Kommunen aufgestockt werden.

Beide Fraktionen setzen auf das Housing-First Prinzip. Das bedeutet, dass wohnungslosen Menschen zuerst ein eigener Wohnraum gewährleistet werden soll und anschließend müsse sich um benötigte Unterstützungsangebote gekümmert werden.

Grüne und Linke fordern zudem Änderungen im Sozialgesetzbuch, das die staatliche Unterstützung für Jugendliche regelt. So soll die Altersgrenze zum Erhalten von Hilfe, die bisher im Regelfall bei 21 Jahren liegt, angehoben werden. Sanktionen, die die Minderung des Arbeitslosengeldes bei Pflichtverletzungen vorsieht, sollten gestrichen werden.

Mehr darüber reden

Die Grünen-Fraktion unterstreicht außerdem, dass das öffentliche Bewusstsein für wohnungslose Jugendliche gestärkt werden müsse. Länder und Kommunen sollen so finanziell ausgestattet werden, dass sie strukturelle Ursachen bestmöglich herausarbeiten und „auf deren Basis ein zielgenaues nationales Reformprogramm auf den Weg" bringen können. Dazu gehört aus Sicht der Fraktion auch, junge Menschen ohne Obdach besser systematisch zu erfassen, Akteure in der Jugendhilfe weiter auszubilden und spezifische Angebote für junge Menschen zu schaffen.

Die Linke nennt die Summe von rund 10 Milliarden Euro, die jährlich investiert werden sollte, um neue Initiativen gegen Wohnungslosigkeit zu fördern. Zudem sollten aus ihrer Sicht junge Menschen ein Mitbestimmungsrecht bekommen, um „Interessensvertretungs- und Mitbestimmungsstrukturen zu garantieren“, heißt es im Antrag.

Die Äntrage der Fraktionen wurden bisher nicht im Plenum des Bundestages besprochen. Sie wurden ohne Aussprache zur weiteren Beratung an die Ausschüsse überwiesen. Was Experten in einer Anhörung des Familienausschusses dazu gesagt haben, könnt ihr hier lesen und auch das Video anschauen.

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