Austausch-Student

„Wir sind ähnlicher als wir denken“

22.04.2020 – Flag-Party, Kneipentouren, Debatten über die Rolle der EU: Mario, 25, studiert in Hannover Chemie und Politik und verbrachte mit dem Erasmus-Programm vier Monate in Polen. Er erzählte Viktoria, wie ihn diese Zeit verändert hat.
Adam-Mickiewicz-Universität in Posen (Polen), darüber gelegt ein Bild von Austausch-Student Mario.
So sieht die Adam-Mickiewicz-Universität in Posen aus. Hier hat Mario vier Monate lang studiert. © picture alliance / Winfried Rothermel

Ich habe mich recht spontan für einen Erasmus-Austausch entschieden. Deshalb durchlief ich nicht das reguläre Verfahren, sondern kam über das Nachrückverfahren und die Restplatzvergabe an meinen Platz. Etwas über vier Monate war ich dann in Posen. Das war meine erste Wahl, da ich kleinere Städte entspannter und gemütlicher finde. 

Im Bachelor habe ich es bereut, dass ich keinen Auslandsaufenthalt gemacht habe. Im Lehramtsstudium ist es zudem nicht verpflichtend vorgesehen. Da ich sonst keine Möglichkeit habe, einen solchen interkulturellen Austausch zu erleben, wollte ich die Chance nun nutzen. 

„Ein lockeres Gespräch“

Zur Vorbereitung habe ich freiwillig einen Polnisch-Kurs gemacht. Da ich im Lehramt zwei Fächer studiere, musste ich mich dann entscheiden, in welchem Fach ich in Polen Module wählen möchte. Meine Wahl fiel auf Politik. Zunächst wurde ich vom Erasmus-Beauftragten des Instituts für Politikwissenschaften zu einer Art Bewerbungsgespräch eingeladen. Das ging nur zehn Minuten und ich musste erläutern, weshalb ich einen Erasmus-Aufenthalt machen möchte. Es war sehr entspannt und vielmehr ein lockeres Gespräch.

Zudem musste ich ein offizielles Bewerbungsschreiben an die Universität in Posen richten und mich online bewerben. Dazu musste ich meinen Notenspiegel, ein aktuelles Foto und ein sogenanntes learning agreement hochladen. Das umfasste alle Kurse, die ich in dem Semester eingeplant hatte. Wichtig ist hier zu schauen, welche Kurse auch anerkannt werden. 

Ein bisschen Bürokratie gehört dazu

Es gibt einige Voraussetzungen, die man für einen Erasmus-Aufenthalt erfüllen muss. Man muss krankenversichert sein und man sollte mindestens im zweiten Semester studieren. Es empfiehlt sich, für die Dauer des Aufenthaltes ein Urlaubssemester zu beantragen, da man dann nur einen niedrigen Semesterbeitrag zahlen muss. Ansonsten sollte man überprüfen, ob der Personalausweis und die Kreditkarte noch gültig sind.

Zudem muss man einen Online-Englischtest absolvieren. Diesen Test wiederholt man nach dem Aufenthalt und kann so sehen, ob sich die Sprachkenntnisse verbessert haben. In Bezug auf die Finanzierung kann man sich für das AuslandsBAföG bewerben, insofern man berechtigt ist. Insgesamt war alles recht einfach, da ich im europäischen Raum war und mich nicht um Visa-Anträge und zusätzliche Dokumente kümmern musste. 

„Mit dem Geld konnte ich gut leben“

Ich habe für die vier Monate Erasmus-Geld bekommen. Drei Monatsraten bekam ich direkt ausgezahlt, die vierte nachdem ich meine Nachweise erbracht hatte. Die genaue Summe ist vom Land abhängig und richtet sich nach den Lebenserhaltungskosten des Landes. Bei einem Aufenthalt in Skandinavien bekommt man zum Beispiel mehr ausgezahlt, weil das Leben dort teurer ist. Für meinen Aufenthalt in Polen habe ich 300 Euro im Monat bekommen. Insgesamt konnte ich gut damit leben, weil die Lebenserhaltungskosten in Polen recht niedrig sind. Ich kann mir aber vorstellen, dass die Finanzierung schwieriger sein kann, wenn man keinen Anspruch auf BAföG hat und alles selbst finanzieren muss.  

Keine Privatsphäre, dafür viel Austausch

Ich habe im Studentenwohnheim gelebt. Bei der Bewerbung konnte man angeben, ob man sich eine eigene Wohnung sucht oder ob man die Unterkünfte der Universität nutzen möchte. Das Studentenwohnheim war neu und renoviert. Man hat jedoch kaum Privatsphäre. Ich habe mir nämlich ein Zimmer mit einem Studenten teilen müssen. Es war aber auch gut, mit jemanden zusammenzuleben, da mein Mitbewohner mir am Anfang viel geholfen hat. 

Am ersten Tag in Posen wurde ich von meinem Study-Buddy abgeholt und zum Studentenwohnheim gebracht. Jeder Erasmus-Student bekommt einen Ansprechpartner an seine Seite gestellt. Im Studentenwohnheim waren viele Studenten, die schon länger in Posen studierten. Ich wurde gleich in drei Whatsapp-Gruppen eingefügt und wir veranstalteten ein Kennenlern-Treffen in der Küche. So habe ich am ersten Tag direkt 30 Leute kennengelernt, die aus vielen verschiedenen Ländern kamen, etwa aus Spanien, Portugal, Italien, Frankreich und der Türkei. Es gab auch einige internationale Austauschstudierende aus den USA und Südkorea.  

„Am Anfang hatte ich Angst, den Anschluss zu verlieren“

Das Erasmus Student Network (ESN) bot eine Orientierungswoche an. Es gab jeden Tag viele Events, zum Beispiel konnte man das Fußballstadion von Lech Poznań besuchen, Schokolade selbst herstellen, Schlittschuhlaufen gehen, an einer Kneipentour teilnehmen oder einen Stadtrundgang machen. Am Anfang hatte ich Angst, den Anschluss zu verlieren, aber alle sind ja neu und kennen noch niemanden.

Das International Office in Posen hat auch viele Veranstaltungen angeboten. Jeden Abend gab es Partys, die jedes Mal unter einem anderen Motto standen. An einem Abend gab es zum Beispiel eine „flag-party“, bei der man sich seine Landesflagge auf die Wange malte. Durch die Events war es deutlich einfacher, Leute kennenzulernen, und nach der ersten Woche haben sich schon viele Gruppen gebildet.  

„Ich habe viel über die polnische Geschichte gelernt“ 

Mit dem Studium in Posen hatte ich keinerlei Schwierigkeiten. Die meisten Veranstaltungen waren auf Englisch, ein Kurs war sogar auf Deutsch. Ich entschied mich für einen Kurs über die Institutionen der Europäischen Union und die Europäische Außenpolitik. Zudem belegte ich ein psychologisches Seminar für Lehramtsstudenten und ein deutschsprachiges Seminar über den kulturwissenschaftlichen Diskurs in Polen. In diesen Kursen habe ich viel über die polnische Geschichte gelernt.  

Insgesamt gab es nicht viele Unterschiede zur deutschen Universität. Ich hatte genügend Zeit, mich zurechtzufinden und die Dozenten haben bei Fragen auch immer sehr schnell geantwortet.

Posen: Eine junge Stadt

In Posen leben sehr viele junge Menschen, vor allem Studenten. Ich habe versucht, ein bisschen Polnisch zu sprechen. Aber fast jeder spricht Englisch, auch alte Leute. 

Im Stadtzentrum, am Rynek, dem alten Marktplatz, ist viel los, aber ansonsten ist es sehr ruhig. Die Stadt ist sehr kompakt und mit den Öffis ist man gut vernetzt, pro Station bezahlt man nur wenige Cent. Posen hat viele schöne Plätze. Als ich da war, gab es besonders viel zu sehen. Die Universität feierte ihr 100-jähriges Jubiläum und die Europa-Wahlen standen an. Überall hingen polnische und europäische Flaggen. In der Stadt gab es Diskussionsrunden, Lesungen, Freiluft-Konzerte und Ausstellungen. 

„Aus Fremden sind Freunde geworden“

Wir Studenten haben uns viel über die Europäische Union ausgetauscht, auch weil sich ja zurzeit viele populistische Bewegungen in Europa ausbreiten. Als die Europa-Wahlen anstanden, haben wir uns alle gegenseitig aufgerufen, per Briefwahl zu wählen.

Unter den Studenten herrschte auf jeden Fall eine pro-europäische Stimmung. Schließlich geht es im Erasmus-Programm um den Austausch der Kulturen. Wir haben uns gegenseitig zum Beispiel Lieder aus der Heimat vorgespielt und uns über die Lebensweisen der einzelnen Nationen ausgetauscht. 

Aus Fremden wurden mit der Zeit Freunde. In Posen habe ich gelernt, dass ich gut auf Menschen zugehen kann und sehr emphatisch bin. Ich konnte mich in fast jeden Menschen hineinversetzen. Obwohl wir aus verschiedenen Ländern kommen, sind wir doch alle gleich und haben ähnliche Ziele. Das war eine schöne Erkenntnis. Wir sind doch ähnlicher als wir zunächst denken. 

Interkulturelle Fähigkeiten werden immer wichtiger

Vor dem Aufenthalt hatte ich eigentlich nicht damit gerechnet, dass der Austausch mir auch bei der Vorbereitung auf meinen späteren Beruf helfen würde. Im Nachhinein denke ich anders darüber. Ich glaube, das Interkulturelle wird immer wichtiger – auch an deutschen Schulen. Die Klassen werden immer heterogener und man ist mit mehr Nationen, Religionen und Kulturen konfrontiert. Diese Diversität kann man nur verstehen, wenn man sich selbst in die Kinder und Jugendlichen hineinversetzen kann. Geflüchtete Kinder und Jugendliche, die nach Deutschland kommen, haben es sehr schwer und verfügen meist über geringe Sprachkenntnisse.

Der Erasmus-Aufenthalt hat meine Empathie-Fähigkeit gestärkt. Ich habe erlebt, wie es ist, in einem fremden Land in einer fremden Sprache zu studieren und sich zurechtzufinden. Ich kann mir jetzt auch vorstellen vielleicht mal an einer bilingualen Schule zu unterrichten. 

Kommentare