Blog Tag 2

Es geht los

25.01.2023 – Ankunft im Bundestag: Denise lernt erste Teilnehmer der Jugendbegegnung kennen. Am Abend erlebt die Gruppe die Eröffnung der Ausstellung „16 Objekte – 70 Jahre Yad Vashem“ mit.
Jugendliche an einer Brüstung im Bundestag
Ein erster Programmpunkt: Die Teilnehmer lauschen mit 350 weiteren Gästen der Ausstellungseröffnung. © DBT/Stella von Saldern

Kurz vor 15 Uhr öffne ich die schwere Holztür und betrete den Saal im Paul-Löbe-Haus des Bundestages, in dem die Teilnehmenden der diesjährigen Jugendbegegnung schon gespannt darauf warten, dass es gleich losgeht. Einige unterhalten sich angeregt mit ihren Sitznachbarn, andere blicken sich schüchtern um. „Abitur 2022“ ist auf einem Pullover zu lesen.

Obwohl die Jugendbegegnung offiziell erst in ein paar Minuten beginnt, sind einige der Teilnehmenden schon sehr früh in den Tag gestartet; so auch Maya (18) und Julian (18). Die beiden kommen aus dem Saarland und sind heute Morgen um 4.30 Uhr und 5.30 Uhr aufgestanden, um rechtzeitig in Berlin zu sein. Beide waren in der Landesschülervertretung aktiv und engagieren sich in der Demokratieförderung. Mit Erinnerungsarbeit haben sie bisher noch keine Berührungspunkte gehabt.

Dies ist ein Novum der diesjährigen Jugendbegegnung: Denn erstmals kommen nicht alle Teilnehmenden aus der Gedenk- und Erinnerungsarbeit. Dadurch ermöglicht die Jugendbegegnung auch anderen engagierten jungen Menschen die Teilnahme. „Ich freue mich darauf, dass wir uns intensiv mit Erinnerungsarbeit auseinandersetzen werden“, sagt Maya. Auch auf den Austausch mit den anderen sei sie sehr gespannt.

Von Dachau bis Rendsburg

Noch sitzen alle ruhig auf ihren Stühlen, die Reihen sind geordnet, alle blicken nach vorn. Das soll ich gleich ändern. Denn um das gemeinsame Kennenlernen etwas aufzulockern, sollen wir uns zunächst alle alphabetisch nach Vornamen aufstellen. Ich stehe zwischen David und Emily. Bei den Buchstanden H bis M auf der anderen Seite des Saals ballt sich gleich eine ganze Gruppe. Gleichmäßiger im Raum verteilt stehen wir in der nächsten Runde. Diesmal geht es um die Wohn- beziehungsweise Heimatorte. Von Dachau im Süden bis nach Rendsburg im hohen Norden, von Zwickau bis nach Düsseldorf: Die Teilnehmenden der Jugendbegegnung kommen aus dem gesamten Bundesgebiet. Und teilweise sogar darüber hinaus: Einige haben ihre Wurzeln in Norwegen, Österreich, Ukraine und Afghanistan.

Erwartungen der Teilnehmenden

Anschließend finden wir uns in kleinen Arbeitsgruppen zusammen. Julian und seine Gruppe sprechen über ihre Erwartungen an die kommenden Tage, teilen erste Überlegungen zum diesjährigen Thema „Homosexuellenverfolgung im Nationalsozialismus“. Kurz ist es ganz still im Raum, nur das Kratzen von Stiften auf Papier ist zu hören. Alle schreiben ihre Gedanken auf bunte Zettel und legen sie nach und nach auf den grauen Teppichboden in der Mitte des Raums. „Mehr Wissen“ ist dort zu lesen. Das Thema sei in seiner Schule beispielsweise kaum behandelt worden, erzählt auch Julian später. Wie sah die Lebensrealität von queeren Menschen im Dritten Reich aus? Hat sich die Verfolgung von schwulen und lesbischen Paaren unterschieden? Das möchten zwei andere Teilnehmende wissen. Doch die jungen Erwachsenen interessieren sich auch für die Bezüge zur Gegenwart. Wie ging die Verfolgung queerer Menschen nach 1945 weiter? Eine von vielen Fragen, mit der wir uns in den nächsten Tagen auseinandersetzen werden.

Ein Ersatz für Zeitzeugen?

Während wir in den Arbeitsgruppen sitzen, füllt sich die Halle des Paul-Löbe-Hauses bereits. Denn heute findet hier die Eröffnung der Ausstellung „16 Objekte – 70 Jahre Yad Vashem“ statt. Auf den ersten Blick sind die 16 Exponate nichts weiter als Alltagsgegenstände: Ein Poesiealbum, ein Koffer und sogar ein Klavier sind darunter. Doch sie alle eint, dass sie Personen gehörten, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Die Gegenstände erzählen in der Ausstellung die Geschichten ihrer ehemaligen Besitzer. 

Während die rund 350 geladenen Gäste ihre Plätze einnehmen, stellen wir uns im ersten Stock an das Gelände und können von oben alles genau beobachten. „Da ist die Bundestagspräsidentin“, zischt einer der Teilnehmenden, während andere Fotos machen und nach weiteren prominenten Politikern im Publikum Ausschau halten.

Video-Beitrag zur Ausstellungseröffnung

Besonders beeindruckt habe Maya bei der Eröffnungsveranstaltung die Schilderung der Zeitzeugin Lore Mayerfeld; ihre Puppe Inge ist Teil der Ausstellung. Mit nicht einmal zwei Jahren erlebte Mayerfeld die Reichspogromnacht in Kassel. Eine Nachbarin versteckte sie und ihre Mutter rechtzeitig, bevor das Elternhaus verwüstetet wurde. Am 9. November 1938, der sogenannten Reichspogromnacht, wurden Synagogen und jüdische Geschäfte im ganzen Land zerstört, zahlreiche Menschen verhaftet oder getötet. Auch Mayerfelds Vater wurde gefangen genommen und kam ins Konzentrationslager Buchenwald. Unter der Bedingung schnellstmöglich das Land zu verlassen, durfte er gehen. Erst 1941 konnten Mayerfeld und ihre Mutter ihm nachreisen. Mit einem der letzten Schiffe sind sie in die USA übergesiedelt. Sie könne sich nicht an vieles erinnern, doch es sei besonders für ihre Mutter nicht leicht gewesen, Deutschland zu verlassen, erzählt Mayerfeld. Sie spricht fließend Deutsch, nur an einigen Stellen kommt ihr amerikanischer Akzent durch.

Mit Blick auf die heutige Zeit mache sie sich große Sorgen. Der Antisemitismus verstärke sich, manche Menschen würden sogar die Verbrechen des Holocausts leugnen: „Wenn meine Generation nicht mehr hier ist, wer soll dann diese Geschichte erzählen“. Fehlende Zeitzeugenberichte sind auch beim Thema „Homosexuellenverfolgung“ schon heute ein großes Problem. Durch die soziale Ächtung haben sich Verfolgte nicht an die Öffentlichkeit gewagt. Auf der anderen Seite hatte auch die Gesellschaft lange Zeit wenig Interesse an solchen Schilderungen, galten Homosexuelle doch auch Jahrzehnte nach dem Krieg noch nicht als Opfergruppe, wie ich durch meine Recherchen gelernt habe.

Die Ausstellung im Bundestag könne als ein Projekt angesehen werden, wie Erinnerungsarbeit funktionieren kann, wenn in einigen Jahren keine Zeitzeugen mehr leben werden, heißt es in den Eröffnungsreden. Dann müssen Gegenstände als eine Art Zeitzeugen fungieren und die Geschichten ihrer Besitzer erzählen. Ob es noch weitere Möglichkeiten und Ideen für die künftige Gedenkarbeit gibt, frage ich mich und bin schon auf den morgigen Tag gespannt, wenn wir so richtig ins Thema einsteigen werden.

(Denise Schwarz)

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